Förderprogramm für Landwirte Artenreiche Weiden sind das Ziel

Im Auftrag des Landkreis Wesermarsch unterstützen die Biologen Ursula Köhler-Loum und Hans-Hermann Schröder Landwirte dabei, Pflanzen zu identifizieren, die stellvertretend für artenreiche Bestände stehen.
09.06.2020, 07:05
Lesedauer: 4 Min
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Von Georg Jauken

Ganspe. Streng genommen ist es eine Nebentätigkeit. Dennoch ist die Biologin Ursula Köhler-Loum mit vollem Engagement dabei, wenn sie über Weiden und Wiesen läuft, um das Gras genau zu inspizieren. An der Gansper Helmer wirft sie zusammen mit ihrem Kollegen Hans-Hermann Schröder einen Blick auf eine Weide, auf der sich einige der typischen Arten erhalten haben, die für die Grünlandvegetation pflanzengenetisch ganz besonders wertvoll sind: Gräser, die noch vor ein paar Jahrzehnten auf jeder Wiese wuchsen und heute nur noch selten anzutreffen sind, Wiesenblumen, deren Blüten fast identisch aussehen und deren verschiedene Blattformung ohne Lupe oder Lesebrille kaum zu erkennen ist.

Ähnlich schwer wie beim Brennenden Hahnenfuß und beim Kriechenden Hahnenfuß ist es nach den Erfahrungen der beiden Vegetationskundler, den Rotklee vom Weißklee zu unterscheiden, wenn er abgefressen ist. Sind Hans-Hermann Schröder und Ursula Köhler-Loum auf den Weiden der Wesermarsch unterwegs, kommt es aber just auf solche Unterschiede an. Kuckucks-Lichtnelke, Spitzwegerich, Frauenmantel oder Kriechender Günsel: Im Auftrag des Landkreises Wesermarsch unterstützen sie Landwirte dabei, die sogenannten Kennarten zu identifizieren, die stellvertretend für artenreiche Bestände auf niedersächsischen Grünflächen stehen.

„Die Landwirte wissen oftmals nicht, ob sie an dem Projekt teilnehmen können“, erklärt Ursula Köhler-Loum. Gemeint ist ein Landesprogramm, das auf den Erhalt und die Entwicklung des artenreichen Grünlands zielt. Wer mindestens vier der insgesamt 31 vom Land definierten Kennarten auf einer bewirtschafteten Weide nachweist und die nächsten fünf Jahre erhält, wird mit einer Förderung in Höhe von 190 Euro pro Hektar und Jahr unterstützt. Beim Nachweis von sechs Kennarten steigt die Förderung auf 220 und bei acht Kennarten auf 310 Euro.

„Es gibt einen Artenschwund in der Landwirtschaft“, erklärt Ursula Köhler-Loum den Gedanken hinter dem Programm. „Es geht darum, die vielleicht letzten Bestände zu erhalten.“ Auf den fetten nährstoffreichen Marschböden sei der Nachweis von vier bis fünf der Kernarten schon recht gut. Auf Moorböden könnten es auch mal mehr sein. „Interessant sind die Flächen, die weit weg liegen vom Hof und wo deshalb nur Jungtiere weiden. Da kommt meist keine Gülle drauf.“ Fündig wurden die beiden Biologen aber auch auf Deichen sowie auf Restflächen und Wiesen, die nur einmal im Jahr gemäht werden und auf denen in der übrigen Zeit Pferde weiden.

Denn die Verbreitung der Kennarten erfolgt in erster Linie über das Heu, das zugefüttert wird, erklärt Ursula Köhler-Loum. Ihre Empfehlung lautet daher, das Gras so lange wachsen zu lassen, bis es fruchtet und es erst danach als Heu einzufahren. Bei der Grassilage, die auf den meisten Höfen der Region als Grundfuttermittel für Milchkühe dient, wird das Gras in der Regel aber schon vor der Blüte gemäht und in einem Silo eingelagert. Spielt das Wetter mit und es wird ordentlich gedüngt, sind mehrere Ernten im Jahr möglich.

Auf dem Hof von Ursula Köhler-Loum in Ganspe sucht man einen solchen Silo vergebens. Im Stall, in dem ihre Kühe im Winterhalbjahr frei herumlaufen, liegen noch mehrere Rundballen Heu vom vergangenen Jahr. Jetzt, Anfang Juni, sind Kühe und Kälber auf einer Weide an der Gansper Helmer. Ursula Köhler-Loum ist besorgt wegen der trockenen Böden. Das Gras braucht mehr Regen, damit es besser wächst und das Heu im nächsten Winter reicht.

1991 hatte sie den Hof in Ganspe von den Eltern übernommen und stellte ihn auf einen Ökobetrieb mit Mutterkühen und Schafhaltung um. Die Erfassung der Vegetation, die Auswertung und Bewertung begleitete sie zu dem Zeitpunkt schon seit mehreren Jahren. Bereits während des Biologiestudiums an der Universität Bremen ab 1979 hatte sie erste Bestandsaufnahmen durchgeführt. Nach Stationen als Vegetationskundlerin in Oldenburg und Ueterlande bei Bremerhaven, wo sie unter anderem die ökologische Begleituntersuchungen für den Bremerhavener Containerterminal durchführte, ist sie seit 2013 freiberuflich im Bereich Vegetationskartierungen und als Gutachterin tätig.

Ebenso wie sie fährt auch Hans-Hermann Schröder zweigleisig. Gelingt es, die artenreichen Flächen in das Programm zu bekommen, hätten die Landwirte zumindest die finanzielle Ausstattung, um die Fläche zu pflegen, erklärt der Gärtner und Biologe aus Worpswede. Denn ohne die richtige Pflege würden einzelne Arten überhand nehmen und aus einer Wiese werde mit der Zeit eine Brachfläche. Könne sich der Eigentümer die Pflege nicht leisten, würde er sie womöglich an einen Landwirt verpachten, der sie in eine intensiv bewirtschaftete reine Grasfläche verwandelt. Die Kennarten gingen weiter zurück.

Etwa 57 000 Hektar landwirtschaftliche Nutzflächen gibt es laut Kreislandvolkverband in der Wesermarsch. Der Grünlandanteil beträgt 87 Prozent. Dieses Grünland wird nach den Erkenntnissen der beiden Biologen überwiegend intensiv genutzt. Im Vergleich zu den Grünflächen im Weser-Elbe-Dreieck, im Ammerland und in Friesland gibt es in der Wesermarsch laut Ursula Köhler-Loum aber noch recht viele Flächen, auf denen sich zumindest vier bis fünf Kennarten erhalten haben. Auf verschiedenen Wiesen eines Landwirts in Blexen hat Schröder sogar neun Kennarten nachgewiesen. Ein Spitzenwert. Insgesamt begutachteten die beiden Biologen in den vergangenen vier Jahren 1225 Hektar Wiesen und Weiden, die die Voraussetzungen für eine Förderung erfüllten. Auf einzelnen Flächen habe die Artenvielfalt inzwischen leicht zugenommen.

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