Pferdeherpes Stress vermeiden und impfen lassen

Auch bei den Haltern von Freizeitpferden geht derzeit die Angst vor dem gefährlichen Herpes-Virus um. Der Tiermediziner Dr. Hans-Hermann Lagershausen aus Berne stand unserer Zeitung dazu Rede und Antwort.
20.03.2021, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Stress vermeiden und impfen lassen
Von Björn Josten

Herr Lagershausen, hat sie der Ausbruch des Herpesvirus bei Pferden überrascht?

Hans-Hermann Lagershausen: Nein. Solche Ausbrüche gibt es immer mal wieder. Wahrscheinlich sind bereits 1866 600 Armeepferde in Frankreich am Herpesvirus gestorben. Die Symptome sprechen jedenfalls dafür. Überrascht bin ich aber vom Ausmaß des jetzigen Ausbruchs, den es in dieser Form in Deutschland noch nicht gegeben hat. Erfahrungen mit dem Pferde-Herpes habe ich bereits viele gesammelt. Aber hier handelt es sich um die aggressivste Form der drei möglichen Varianten.

Was ist das Besondere an dieser Variante?

Es handelt sich hier um die neurologische Form des Pferde-Herpes, die Gefäßschädigungen im Gehirn und im Rückenmark verursachen kann. Diese Form tritt durch besonderen Stress für die Pferde auf. Dazu zählen auch Reisestress, der Klimastress bei großen Temperaturunterschieden und der Stress, wenn zu viele Pferde zusammen kommen. Stress für die Pferde ist es auch, wenn diese in einer neuen Umgebung anderes Wasser und anderes Futter bekommen.

Hatten die Pferde in Valencia denn besonderen Stress?

Über 2000 Kilometer im Lkw nach Spanien gefahren zu werden, bedeutet für die Pferde großen Stress. Wenn dann vor Ort 1500 Pferde in einem Zelt untergebracht werden, ist das auch Stress für die Tiere. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es Mängel in der Futter- oder Wasserqualität gegeben hat.

Kennen Sie ein ähnliches Virus auch von anderen Tierarten?

Ja. Es gibt auch das Rinderherpes. Ein solches Virus kann also überall dort auftreten, wo viele Tiere zusammen gehalten werden. Als ich mich vor vielen Jahren noch in der Ausbildung befanden habe, ist ein solches Virus mal ausgebrochen. Deshalb ist das Impfen auch so wichtig. Mit Antibiotika ist es in der Massentierhaltung eben nicht getan. Betreiber solcher Betriebe würden auch niemals das Risiko einer Ansteckung mit einem Virus eingehen und lassen ihre Tiere deshalb impfen. Die Gewinnmarge pro Tier ist sehr gering. Deshalb können sich die Leute in der Massentierhaltung auch keinen Virus-Ausbruch erlauben.

Werden die Pferde-Halter den Ausbruch des Virus bald in den Griff bekommen?

Ja, das läuft sich tot. Wenn die Pferde nun in ihren Ställen bleiben, wird der Ausbruch zum Stehen kommen. Es liegt keine hohe Virulenz vor. Wir warten jetzt einfach noch einmal 14 Tage ab. Wenn es dann nicht zu Ausbrüchen in der Region kommt, ist es auch gut. Bislang sind mir keine Fälle in unserer Gegend bekannt. Die Erkrankung ist aber auch nicht meldepflichtig.

Wie kann sich denn eine Erkrankung beim Pferd bemerkbar machen?

In erster Linie durch hohes Fieber. Es können zudem ein schwankender Gang und allgemein motorischen Störungen auftreten. Mit Fortschreiten der Krankheit kommt es schließlich zum Festliegen, weil das Pferde nicht mehr von alleine stehen kann. Dann gibt es meist nur noch wenig Hoffnung für die Tiere.

Wie können die Halter Ihre Pferde schützen?

Durch Impfung. Auch wenn viele Pferde-Besitzer diese nicht vornehmen lassen, ist diese nicht wegzudenken. Die Impfung muss aber zumindest halbjährig, bei trächtigen Stuten sogar vierteljährig durchgeführt werden. Wir Menschen schützen uns ja schließlich auch zum Beispiel durch eine Tetanusspritze.

Aber weshalb sind nun sogar gegen das Herpesvirus geimpfte Pferde gestorben?

Weil die Impfung nur dazu führt, dass das Pferd keine anderen Pferde mehr anstecken kann. Mich haben Züchter auch schon darauf hingewiesen, dass sie doch all ihre Pferde geimpft hätten und dann dennoch Herpes-Fälle aufgetreten seien. Das liegt aber daran, dass die Pferde in einem großen Turnierstall auch mit nicht geimpften Freizeitpferden in Berührung kommen. Da reicht es schon aus, wenn das Freizeitpferd einmal kurz am Turnier- oder Zuchtpferd vorbeigelaufen ist. Viele Freizeitreiter verzichten auf die Impfung. Es gibt ja auch keine Impfpflicht.

Weshalb ist es für eine Zuchtstute so gefährlich, das Herpesvirus zu bekommen?

Es kann auf der einen Seite zu einer Verfohlung kommen, also zu einem Verlust des Fohlens. So etwas gibt es aber in jedem Jahr. Auf der anderen Seite ist auch eine Behinderung beim Fohlen möglich. Das Problem dabei ist, dass man es nicht erkennt, wenn es zur Welt kommt. Erst wenn die Fohlen zum Beispiel Bocksprünge machen, kann sich eine Form einer Lähmung offenbaren, die aber auch durch einen Unfall der Stute begründet sein kann.

Wieso impfen denn angesichts solcher Gefahren nicht alle Halter ihre Pferde, unabhängig von den dabei anfallenden Kosten?

Das Misstrauen bei so manchem Pferde-Halter ist groß. Das ist ähnlich wie bei den Menschen, die Angst vor einer Corona-Impfung wegen der eventuellen Nebenwirkungen haben. Pferde-Züchter glauben auch gerne mal, immer ein bisschen schlauer als alle anderen Menschen zu sein.

Wie wird das Virus genau übertragen?

Das ist ganz ähnlich wie bei der Corona-Infektion. Das Virus wird durch Aerosole in der Luft, Schleim oder Speichel übertragen. Eine Ansteckung zwischen Mensch und Tier findet aber beim Herpes nicht statt. Der Mensch ist auch komplett unempfindlich im Hinblick auf das Herpes-Virus der Pferde.

Sie sind unter anderem auch für den Stall der Familie Sosath in Lemwerder tätig. Sind deren Pferde geimpft?

Ja. Ich konnte Hofbesitzer Gerd Sosath davon überzeugen. In anderen großen Ställe wie den von Paul Schockemöhle sind die Pferde bereits seit 30 Jahren gegen das Herpes-Virus geimpft. Dort wurde bereits früh erkannt, wie wichtig eine Impfung ist und welch riesige Wertverluste sich durch eine Nicht-Impfung ergeben können.

Könnten in den nächsten Tagen aus Valencia zurückkommende Pferde noch für eine Verbreitung des Virus sorgen?

Ein Riesenproblem ist, dass den Pferde-Besitzern nicht von den Ländern, die bei der Rückreise durchquert werden, erlaubt wird, ihre Pferde mal für eine Nacht vom Transporter zu holen, damit sie in einem Stall frisches Heu fressen können. Das führt wiederum zu Stress, aus dem ein Virusausbruch resultieren kann.

Das Interview führte Karsten Hollmann.

Info

Zur Person

Dr. Hans-Hermann Lagershausen (68) praktiziert bereits seit 1982 als Tierarzt in Berne, wo er auch geboren wurde und aufgewachsen ist. Der in zweiter Ehe mit Martina Lagershausen verheiratete Tiermediziner züchtet selbst Dressurpferde auf seinem Hof in Berne und besitzt ein Dutzend dieser Vierbeiner. Dieser impft seine eigenen Pferde regelmäßig und setzt sich auch dafür ein, dass es alle Pferde-Besitzer diese Impfung vornehmen lassen.

Info

Zur Sache

Ende Februar brach bei einem Springturnier im spanischen Valencia das Equine Herpesvirus Typ 1 aus. Dabei handelt es sich um die gefährlichste Variante des Pferde-Herpes. Daran sind mittlerweile bereits ein Dutzend Pferde gestorben, unter anderem zwei Pferde des jungen Springreiters Tim-Uwe Hoffmann vom RV Zeven aus Rhade im Landkreis Rotenburg. Da einige Reiter ohne Symptome ihrer Vierbeiner und ohne eine nähere Untersuchung das Land nach der internationalen Veranstaltung vorzeitig wieder verließen, hat sich Virus bereits auf weite Teile Europas und auch in Doha ausgebreitet. Bis zum 28. März wurden daher alle nationalen und internationalen Turniere sowie sämtliche Lehrgänge in der Bundesrepublik abgesagt. Die deutschen Reitställe werden auch abgeriegelt, um die Ansteckungsgefahr unter den Pferden zu minimieren.

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