Aluminium-Bau Jonuscheit „Boeing beleuchtet sehr detailliert alle Bereiche“

Im Interview erläutert Aljo-Geschäftsführerin Miriam Rudnitzki, was der Vertrag mit Boeing bedeutet und wann das erste Flugzeug-Bauteil nach Seattle geliefert wird.
15.10.2018, 17:16
Lesedauer: 3 Min
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„Boeing beleuchtet sehr detailliert alle Bereiche“
Von Barbara Wenke
Frau Rudnitzki, Ihr Unternehmen, Aluminium-Bau Jonuscheit – kurz Aljo, wird künftig Rumpfteile für Boeings Seefernaufklärungsflugzeug vom Typ P-8A Poseidon fertigen. Wie lange hat es gedauert, bis der Deal eingetütet war?

Miriam Rudnitzki: Wir haben uns im Dezember 2016 für das Lieferantenportal von Boeing registriert. Bis zur Vertragsunterschrift am 10. Oktober 2018 hat es mehr als eineinhalb Jahre gedauert. Dazwischen lagen gegenseitige Besuche sowie ein Workshop in Berlin. Die Auswahl hatte im Mai 2018 stattgefunden.

Ein Workshop im Vorfeld, da scheint es ja viele Fallstricke bei dem Bieter- und Auswahlverfahren des US-Flugzeugbauers zu geben. Welche wichtigen Erkenntnisse haben Ihre Mitarbeiter aus diesem Workshop in Berlin gezogen?

Boeing beleuchtet schon bei der Ausschreibung sehr detailliert alle Bereiche von der Projektorganisation über die Planung bis hin zur Umsetzung in der Fertigung. Man muss verdeutlichen, wie man die herausfordernde Terminschiene umsetzen will. Neben dem Preis spielt die Kompetenz eine entscheidende Rolle. Wir waren nicht die Günstigsten. Und dann gibt es ein sehr objektives Bewertungsschema, in dem es zum Beispiel um Vollständigkeit, Preis oder Qualität für alle Lieferanten geht. Bei Boeing werden die Angebote bezüglich all dieser Faktoren von einem multifunktionalen Team bewertet. Ein großer Schwerpunkt liegt auf dem Risikomanagement. Boeing legt Wert darauf, Risiken offen zu kommunizieren, um spätere Überraschungen zu vermeiden.

Welche Risiken sehen Sie denn bezüglich dieses Auftrags?

Wie bei anderen Aufträgen auch gibt es allgemeine Risiken, zum Beispiel zu späte Auftragserteilungen, Zeichnungsfreigaben oder Vorrichtungen, die speziell für den Auftrag erstellt werden müssen. Es gibt aber auch spezifische Risiken für das erste US-Geschäft: Unsere Fertigungsanweisungen müssen nach US-Norm „umgestaltet“ werden. Das ist neu für uns. Ein Mitarbeiter wird nichts anderes machen, als sich mit den Meistern die Fertigungszeichnungen anzuschauen und die Unterschiede zwischen europäischen und amerikanischen Normen zu analysieren. Außerdem gibt es völlig neue Lieferanten, denn wir dürfen nur auf von Boeing freigegebene Lieferanten zurückgreifen. Eine Mitarbeiterin wird sich deshalb eine neue Lieferantenliste aufbauen. Und es gibt die Exportkontrolle, die das Ganze noch etwas schwieriger sein lässt.

Gucken wir uns einmal den Auftrag genauer an. Aljos Aufgabe ist es, für den Flugzeugtyp P-8A Poseidon Rumpfteile für das untere Leitwerk herzustellen. Beschreiben Sie für technisch Interessierte doch bitte einmal, welche Bauteile Aljo genau liefern wird?

Das Bauteil ist ein zusätzliches Leitwerk an der Unterseite des Rumpfes, das zur Stabilisation des Flugzeuges dient. Der Name lautet Ventral Fin. Diese komplexe, viereinhalb Meter lange und circa einen Meter hohe Strukturbaugruppe besteht primär aus Aluminium und befindet sich einmal links und einmal rechts auf der Unterseite des Rumpfes.

Welche Regelungen bestehen bezüglich der von Donald Trump erhobenen Strafzölle auf Aluminium-Produkte? Teilen Sie sich die Kosten mit den Amerikanern oder bleiben Sie auf den Strafzöllen sitzen?

Seitens Boeing besteht ein sehr fairer und konstruktiver Umgang mit diesem Thema. Die Amerikaner akzeptieren die sogenannten internationalen Handelsklauseln Incoterm FCA. Diese sehen eine Kostenbelastung aufseiten des Käufers vor, sodass das Risiko bei Boeing liegt.

Infolge eines derartigen Auftrags wird sich Ihr Unternehmen sicherlich vergrößern müssen. Begeben Sie sich nun auf die Suche nach neuen Mitarbeitern und bauen neue, zusätzliche Hallen in Berne?

Das ist im Moment noch nicht klar absehbar. Das wird die Zeit zeigen.

Von welcher Größenordnung reden wir bei dem Auftrag? Der Jahresumsatz Ihres Unternehmens, den sie kürzlich mit 40 Millionen Euro beziffert haben, dürfte enorm in die Höhe schnellen. Wie groß wird das Mehr an Einnahmen aus der Gewerbesteuer für die Gemeinde Berne in den nächsten Jahren sein?

Über Zahlen und Werte dürfen wir hier nicht sprechen.

Ihr Mit-Geschäftsführer Ulf Jonuscheit sagte während der Pressekonferenz zur Vertragsunterzeichnung, dass in den kommenden Tagen mit dem Engineering gestartet werden soll. Was bedeutet das und wann werden Sie die ersten fertigen Bauteile nach Seattle liefern können?

Es gibt wöchentliche Videokonferenzen. In zwei Wochen kommt zudem ein Boeing-Team nach Berne. Zum Engineering gehören ferner der Aufbau der Lieferantenbasis, die Entwicklung eines Fertigungskonzeptes sowie die Entwicklung von Vorrichtungen. All das wird bis März 2019 andauern. Dann wird gefertigt. Unser Ziel ist es, das erste Bauteil im März 2020 abzuliefern.

Das Interview führte Barbara Wenke.

Info

Zur Person

Miriam Rudnitzki (46)

ist seit Oktober 2013 Geschäftsführerin des Berner Unternehmens Aluminium-Bau Jonuscheit (Aljo). Der Betrieb hat gerade eine Zusammenarbeit mit dem Flugzeugbauer Boeing besiegelt.

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