Made in Niedersachsen Der Herr der Dichtungsringe

Als Ralf Mertens 1983 den Dichtringe-Hersteller Fischer&Plath übernimmt, ist er 25 Jahre alt und das Unternehmen eine Art Baustelle. Heute stecken die Ringe in fast jedem Auto. Die Geschichte eines Aufstiegs.
31.08.2019, 20:34
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Der Herr der Dichtungsringe
Von Imke Wrage

Wer von Bremen aus ins niedersächsische Wesermarschland fährt, sich gen Westen entlang der Ochtum von Straßendorf zu Straßendorf und von Wiese zu Bauernhof hangelt, der kommt nach Berne, den Ort, an dem die deutschen Dichter und Denker werken. Nur dass die Dichter dort keine klangschönen Zeilen schreiben, sondern Metall stanzen, pressen und schweißen; und dass der Denker nicht Heinrich Heine oder Friedrich Schiller heißt, sondern Ralf Mertens, Geschäftsführer des Mittelständlers Fischer & Plath.

Ein Tag im August, Besuch in der Zentrale. „Machen wir uns nichts vor“, begrüßt Mertens nüchtern, aber höflich, und hält einen euromünzendicken Kupferring zwischen Daumen und Zeigefinger. „Die Dinger sind echt unspektakulär.“ Mertens weiß, wovon er spricht: Seine Gedanken kreisen seit Jahrzehnten um wenig anderes.

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Fischer & Plath stellt metallische Dichtungen für die Automobilindustrie und den Handel her, darunter Dichtringe, Faltringe und Halteringe, in 35.000 unterschiedlichen Formaten und 130 Materialien. In Berne produziert, werden sie auf der ganzen Welt in Motoren, Bremsanlagen und Getrieben verbaut. In fast jedem Auto stecken 20 bis 30 davon, sagt Mertens. „Es weiß bloß niemand.“ Die Dichtungen, sie fristen ein Dasein als glamourfreies, aber unverzichtbares Schattenprodukt. Sie als das nächste große Ding ins Rampenlicht zu zerren: unmöglich. Für Mertens aber spielt das keine Rolle. Seine Auftragsbücher sind auch so prall gefüllt.

1,39 Milliarden Teile hat das Unternehmen 2018 gefertigt und in über 75 Länder verkauft, der Umsatz erreichte 30 Millionen Euro. Zu den Abnehmern zählen Konzerne wie Bosch, Audi, BMW und viele mehr. Damit gehört Fischer & Plath zu den „Hidden Champions“ aus Niedersachsen. Das sind, kurz gesagt, meist mittelständische Unternehmen, die in einer bestimmten Nische zwar Marktführer sind – in diesem Fall in Europa –, die aber trotzdem kaum einer kennt. Der Grund ist simpel: Ihre Produkte richten sich nicht an den Endverbraucher.

„Ringe drücken für vier Mark die Stunde“

Als das Unternehmen 1961 von Friedrich Plath gegründet wird, ist es ein Anbieter für handgemachte Spezialdichtungen, etwa für Oldtimer. Plath, heute 94 Jahre alt, wuppt das Geschäft anfangs mit drei Mitarbeitern, baut es im Laufe der Jahren aus. Auch Ralf Mertens jobbt hier damals als Schüler, meist in den Ferien. „Ringe drücken für vier Mark die Stunde“, erinnert er sich. Dass er schon wenige Jahre später den Chefsessel besteigen sollte – wer hätte das damals gedacht.

Mertens Geschichte, es ist die Geschichte eines außergewöhnlichen Aufstiegs. Als der kinderlose Plath das Unternehmen 1983 an einen Nachfolger übergeben will, ist es „der Ralf“, dem er das Angebot macht. So zumindest erzählt es Ralf Mertens bei Kaffee und Kaltgetränk. Als Mertens das Unternehmen vor 36 Jahren übernimmt, ist er gerade mal 25 Jahre alt.

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Noch ganz dicht?, könnte man nun scherzeshalber fragen. Doch schaut man sich Mertens Weg genauer an, so steht er beispielhaft für etwas, wovon sich die junge Generation eine Scheibe abschneiden kann, ja will: Die Erkenntnis, dass sich ein Lebenslauf nicht zusammenbauen lässt wie ein Billy-Regal; Brett für Brett, Schraube für Schraube, immer streng nach Bauanleitung, sonst, Achtung, Umsturzgefahr.

„Eigentlich kann ich gar nichts richtig“

Ralf Mertens hat keine polierte Vita. Nach der Schule geht er reisen, jobbt bei der Müllabfuhr – bis sich der Kreis schließt und er wieder bei Fischer & Plath vor der Pressmaschine steht. Eine Ausbildung hat Mertens nie gemacht. „Eigentlich kann ich gar nichts richtig“, scherzt er. Es ist etwas Anderes, das Plath überzeugt haben muss: Mertens hat Ideen und Energie, er arbeitet hart und übernimmt Verantwortung. „Ich war schon immer jemand, der jeden Tag eine neue Herausforderung braucht“, sagt Mertens. Einer, der mit dem Gefühl nach Hause gehen will, etwas geschafft zu haben, und sei es noch so klein.

Als Mertens die Firma übernimmt, muss er nahezu bei Null anfangen. „Es gab überhaupt kein System, die Arbeit war, nunja, völlig abenteuerlich“, sagt er. Eine alte Maschine von damals trägt noch heute den Spitznamen Oma. „Die war so furchtbar langsam, das kann sich heute niemand mehr vorstellen. So richtig ratter, ratter, schnarch.“

Mit Ratter-Ratter-Schnarch kann jemand wie Mertens nichts anfangen. Er stellt das Unternehmen neu auf, revolutioniert es. Er erweitert die Produktpalette, baut einen eigenen Werkzeugbau und eine Glüherei auf, stellt neue Mitarbeiter ein. Dafür arbeitet er 12 Stunden am Tag, manchmal 16. „Es gab Tage, an denen ich mit dem Kopf auf der Schreibtischplatte eingeschlafen bin“, sagt er. Einzelanfertigungen, etwa handgefertigte Spezialdichtungen, werden selten. Nun heißt es: Teil- bis vollautomatisierte Produktion. Nach einem Dreivierteljahr geht es bergauf – für ihn und für das Unternehmen.

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Zum Durchbruch verhilft Volkswagen. Mertens gewinnt den Automobilhersteller als ersten großen Kunden, Auftragsvolumen 500.000 D-Mark. Der Mitbewerber, erinnert sich Mertens, ist zwanzig Mal so groß. Am Ende ist er es, der sich durchsetzt, mit Überzeugungskraft und eisernem Willen. Über Nacht wird Fischer & Plath zu einem Unternehmen, das mit den großen Konzernen der Branche mithalten kann.

Das Gelände von Fischer & Plath wird schon bald zu eng. Doch Mertens hat vorgesorgt. Die Zukunft steht nur wenige Kilometer entfernt, auf einem Areal direkt an der Weser. Dort führt er deshalb hin, der Herr der Ringe, und präsentiert vom Deich aus seinen Schatz: die neue Zentrale mit angegliedertem Logistikzentrum, 4100 Quadratmeter überdachte Nutzfläche, modernste Technik, 7,5 Millionen Euro Investition. Der Umzug ist so gut wie abgeschlossen.

200.000 Ringe pro Stunde

Was das für das Unternehmen bedeutet, zeigt Mertens beim Gang durch die neuen Gebäude. Im Inneren dreschen die Pressen wie Maschinenpistolen auf das Metallblech ein. Bis zu 200.000 Ringe schaffen sie pro Stunde, dafür kostet eine Maschine so viel wie ein Einfamilienhaus. Rohre spucken die Dichtkunst in große Behälter. Dann wandern die kupferglänzenden Haufen in die nächste Halle.

Dort werden die Ringe in einer mit Kieselsteinen gefüllten Maschine geschliffen und im Anschluss in einer Art riesigem Pizzaofen geglüht. Das, erklärt Mertens, macht das harte Metall flexibel. „Damit die Dichtung hält, was sie verspricht und sich gut einfügt.“ Jeder Ring muss bis zu 2000 Bar aushalten. Dafür wird er geprüft, auf Maß, Gewicht und Weichegrad. Für die Verpackung hat sich Mertens gerade eine neue Maschine zugelegt, silberglänzend, futuristisch. Mit dem Finger fährt er über die Oberfläche, sichtlich stolz. „Spacig, oder?“

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In 36 Jahren, sagt Mertens, habe es nur zwei Tage gegeben, an denen er nicht weitergewusst habe. 1983, der Tag seiner Übernahme: Die Bank wirft die Finanzierung hin, die Produktion stoppt, die Kunden sind sauer. Und 2002, als die Kupferpreise „galoppieren“, und der Kupferlieferant für seine Ringe insolvent geht. Mertens ist ein Machertyp: Er findet trotzdem einen Weg.

Woher er die Energie nimmt? „Die Arbeit macht tierisch viel Spaß“, sagt er. Schlaf brauche er ohnehin nicht viel, drei bis fünf Stunden, manchmal weniger. Dann muss er los, „viel zu tun“, zurück zum alten Standort. Den will Mertens behalten und als Lagerhalle nutzen, sagt er. Und vielleicht, das könnte man sich zumindest vorstellen, auch ein bisschen als Erinnerung. An eine Zeit, in der Mertens hier mal klein angefangen hat, in Blaumann und noch grün hinter den Ohren. Mertens steigt in seinen Jaguar und winkt. Den Motor lässt er beim Starten laut aufheulen.

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