Neuer Seenotkrettungskreuzer der DGzRS Millimeterarbeit im Maschinenraum

Die Fassmer-Werft in Berne baut eine Serie 28 Meter langer Seenotrettungskreuzer für die DGzRS. Am Donnerstag sind die beiden Hauptmotoren des vierten Schiffs eingesetzt worden.
12.12.2019, 17:16
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Millimeterarbeit im Maschinenraum
Von Barbara Wenke

„Heute werden die Herzen eingesetzt“, sagt Ralf Baur. Der Sprecher der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) klingt fast ein wenig ehrfürchtig, als er das sagt. Zwei gut siebeneinhalb Tonnen schwere Motoren setzten die Schiffbauer der Fassmer-Werft am Donnerstagvormittag der „Hamburg“, dem neuesten DGzRS-Rettungskreuzer, ein.

Mit der Fernbedienung manövriert Kranführer Karl-Heinz „Kalle“ Gilgenbach die an stabilen Gurten hängende Backbordmaschine über eine Wartungsluke im Hauptdeck des 28 Meter langen und 6,2 Meter breiten Rettungsschiffes. Die Luke ist kaum größer als der Motorblock selbst. „Das Einsetzen ist Millimeterarbeit“, stellt der Schiffbau-Schichtführer fest. „Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu schnell fahre. Und ich muss genau auf meine Kollegen hören.“

Gilgenbach beugt sich über die Kante. Hören und Gucken sind im Zusammenspiel noch sicherer. „Langsam runter, Kalle“, tönt es aus dem Maschinenraum. Frank Diter Thomas' Stimme ist kaum lauter als bei einem Wohnzimmergespräch. Die Atmosphäre in der Schiffbauhalle ist ruhig. Die Männer haben schon viele „Schiffsherzen“ eingesetzt. Der 3,8-Tonnen-Koloss schwebt langsam nach unten.

Für Gilgenbach ist die „Hamburg“ das vierte Schiff der neuen 28-Meter-Klasse der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), das er mit DGzRS-Inspektor Holger Freese betreut. Der Kreuzer ist für die Rettungsstation Borkum bestimmt, auf der es nach seiner öffentlichen Taufe am Sonntag, 19. April, vor der Elbphilharmonie in Hamburg die in die Jahre gekommene „Alfried Krupp“ ersetzen wird. Auch Vormann Ralf Brinker ist gekommen, um zu schauen, wie seinem neuen Schiff die Motoren eingesetzt werden.

Gut zehn Minuten dauert es, bis der Backbordmotor sitzt. Die größere Herausforderung stellt der Steuerbordmotor dar. Das Aggregat muss gekippt werden, da der Platz unter Deck wegen des bereits eingebauten Blocks mittlerweile enger geworden ist.

Die Schiffbauer müssen achtgeben, dass während des Einbaus weder die Führungsleinen des Hallenkrans irgendwo anecken, noch dass die beiden Motoren gegen den Neubau stoßen. Der Rumpf wird wie alle anderen Rettungseinheiten der in Bremen ansässigen Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger im Netzspantensystem vollständig aus Aluminium gebaut. Der neue Seenotrettungskreuzer sei als sogenannter Selbstaufrichter konstruiert und wird ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen finanziert, berichtet Ralf Baur.

„Ein bisschen nach Vorschiff“, gibt Frank Diter Thomas Anweisung. „Siehst du den Ölstab?“, hakt er nach, während der zweite tonnenschwere Motorblock über der engen Öffnung schwebt. Thomas greift sich eine Kette und beginnt, mithilfe eines Kettenzugs eine Seite der Fracht abzusenken. Gilgenbach bugsiert das Gewicht auf Geheiß Zentimeter für Zentimeter „nach Vorschiff“ oder „nach achtern“.

Eine Seite des Motorblocks hängt nach wenigen Minuten so tief, dass das Aggregat unter das Hauptdeck geschoben werden kann. Als der gesamte Koloss im Maschinenraum verschwunden ist, beginnt Frank Diter Thomas, ihn mithilfe des Kettenzugs wieder in die Waagerechte zu bringen. Knochenarbeit, bei der der Vorarbeiter ordentlich ins Schwitzen gerät. Kollegen richten die schwere Last derweil immer wieder per Hand aus und drehen sie so, dass sie neben ihrem Zwilling in der richtigen Position auf dem Fundament zum Stehen kommt.

In den kommenden Tagen folgt die Feinarbeit, bei der es laut DGzRS-Pressesprecher Ralf Baur „um Hundertstelmillimeter geht.“ Die Maschinenbauer richten die beiden Hauptmotoren dann exakt auf dem Getriebe und die folgende sechseinhalb Meter lange Welle bis zum Propeller aus. Erst danach verbinden sie die Aggregate fest mit dem Fundament.

Die beiden Hauptmaschinen sind mit ihren insgesamt 32 Zylindern fast 4000 PS stark. Sie werden die „Hamburg“, die nach ihrer Ablieferung im Frühjahr 2020 die Emsmündung und weite Teile der Deutschen Bucht sichern wird, auf bis zu 24 Knoten beschleunigen. Mit ihrem Tiefgang von zwei Metern kann die „Hamburg“ sowohl vor der Hochseeinsel Helgoland als auch im flachen Wattenmeer eingesetzt werden.

Nach 35 Jahren Pause wird die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger wieder einen Seenotrettungskreuzer auf den Namen der Hansestadt an der Elbe taufen. Damit würdigt die DGzRS die langjährige Verbundenheit der Hamburger mit den Seenotrettern. „Auch wenn die DGzRS seit mehr als 150 Jahren ihren Sitz in Bremen hat, ist die Hansestadt an der Elbe mit ihrem Seehafen als ,Tor zur Welt' immer von besonderer Bedeutung für die Seenotretter gewesen“, sagt Organisationssprecher Baur. Zum Dank solle deshalb im kommenden Jahr ein Wettbewerb unter den Stadtteilen über den Namen des Tochterbootes der neuen „Hamburg“ entscheiden. Der Neubau wird die vierte Rettungseinheit dieses Namens in der Geschichte der Seenotretter sein.

Während die Schiffbauer am Standort Motzen der „Hamburg“ die Motoren einsetzen, liegt in Halle 2 des Werftstandorts Bardenfleth bereits der nächste silberne Koloss kopfüber auf der Baulehre. Es ist das fünfte Schiff der sechsteiligen 28-Meter-Serie.

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