Reinhard Rakow Gegen die Verödung der Literatur

Drei Bände mit einer 1100 Seiten starken Auswahl an Gedichten, und der Erzählband „Familienausstellung“ sind erschienen: Reinhard Rakow organisiert nicht nur kulturelle Events, er schreibt auch selbst.
10.04.2021, 06:00
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Von Georg Jauken

Als es Reinhard Rakow 2008 nach Berne zog dauerte es nicht lange, bis er das kulturelle Leben in dem 6700-Selen-Ort um zwei Leuchtturmprojekte bereicherte. Er organisierte eine Konzertreihe mit gefeierten Interpreten klassischer Musik in der Warflether Kirche. Mit den Berner Bücherwochen bringt er regelmäßig Laien jeden Alters, selbst ganze Schulklassen dazu, sich schreibend mit den Fragen der Zeit auseinanderzusetzen. Dass sich der ehemalige Jurist Rakow auch selbst als Autor betätigt, belegen die seit 2010 veröffentlichten Novellen, Romane und Gedichte. Auch danach schrieb Rakow weiter „gegen die Verödung der Literatur“ an, wie es die Dötlinger Schriftstellerin Helga Bürster formuliert. So sind nun innerhalb von drei Monaten Rakows Erzählband „Familienausstellung“ sowie drei Bände (Blind Date, Alte Fabrik, Ode an alle) mit einer Auswahl an Gedichten erschienen, eine Auswahl nur, aber genug, um fast 1100 Seiten zu füllen.

Enthalten sind Reim- und Prosagedichte, klassische und zeitgenössische Lyrik über die Bedrängten, diejenigen am Rand, die Gefährdeten, Gequälten, Zerstörten, über Philosophie und Lebenskunst, über Völkermord und Kindheit, über Heimat, Freundschaft, Musik, Kunst. „Dabei blitzt an vielen Stellen ein feiner Humor auf, der fast überrascht, ebenso Satire und beißender Spott. Auch mit wenigen Worten vermag er so tief zu rühren, dass man weinen möchte", befindet Helga Bürster in ihrem Nachwort zum ersten Band. Ihre Berliner Kollegin Julia de Boor sieht sich von Rakow in ein Wechselbad der Gefühle versetzt. „Mal schreibt er wie besessen, im Rausch voller Kraft und Gewalt, auch durchaus gewalttätig und sogar ekelerregend. Dann wiederum fängt er ganz zauberhafte, lyrische Momente ein, in scheinbar alltäglichen Erlebnissen.“ Rakows Gedichte nennt sie eine Zumutung im besten Wortsinn.

Mal schreibt er wie besessen, im Rausch voller Kraft und Gewalt, auch durchaus gewalttätig und sogar ekelerregend. In Rakows Erzählband „Familienausstellung“ markiert diese Art von Wiederholung immer wieder den Wechsel der Erzählperspektive. Mit dem Satz selbst ist im Kern zugleich beschrieben, was die Leser dieser „Familienausstellung“ erwartet. Eine Zumutung sind die Geschichten an manchen Stellen auch, etwa, wenn in „VaterMutterHundeSohn“ ein hochbegabter, aber lebensuntüchtiger junger Mann wegen zu vieler Drogen auf die schiefe Bahn gerät, obdachlos wird, sich mit Kleinkriminalität und schließlich als Zuhälter in der Menschen- und Tierprostitution über Wasser hält und der Leser insbesondere über Letzteres sehr viel mehr erfährt, als er jemals wissen wollte. Erzählt wird aus der Perspektive des sich erinnernden, halluzinierenden jungen Mannes, während er auf einer Müllkippe – einen passenderen Ausdruck gibt es nicht – verreckt, wobei Rakow größtes Einfühlungsvermögen in seinen scheiternden Helden beweist.

Rakows „Held“ in der Erzählung „Nägelschläge“ ist ein alleinstehender malender Rentner, dessen Leben aus einer einzigen Kette von Niederlagen und Scheitern besteht. Wie der junge Mann ringt er um Leben, um Liebe, um Bedeutung. Das gilt im Grunde auch für das Personal in der Erzählung „Dass alles so rein bleibt“. Das sind die gestandene Bäuerin Rieke, ihr kränkelnder Mann, der ihr keine Hilfe ist, der ältere Sohn, der sich dem Zivildienst und seiner Freundin widmet, und der jüngere, der pubertiert, Gedichte schreibt und seine Nachmittage in den Armen der attraktiven Frau von nebenan verbringt. Um den Laden am Laufen zu halten, ist Rieke auf sich allein gestellt. Aber Rieke klagt nicht, denn jemand muss die Arbeit schließlich machen. So geht sie nebenher auch noch Putzen im örtlichen Altersheim, um ihre Familie über die Runden zu bringen. Denn der Stall mit seinen tausenden Hühner wirft längst nicht mehr genug ab. Als sie schließlich gänzlich ohne ihre Männer auskommen muss und es in ihrer Brust sticht, denkt sie nicht etwa ans Aufhören oder wenigstens an eine Kur. Über solche Ideen kann Rieke nur lachen. Lieber würde sie einen weiteren Stall für noch mehr Hühner bauen.

Bleibt noch die Geschichte, der der Erzählband „Familienausstellung“ seinen Namen verdankt. Selten war Geschlechter-Kampf überdrehter, kultivierter, grausamer. Dabei fängt alles ganz harmlos an, als ein gefeierter Komponist von seiner zweiten, wesentlich jüngeren Frau unbedingt noch ein Kind will. Als das Kind ausbleibt, beginnt für die bis dahin erfolgreiche Malerin und Ausstellungsmacherin das Martyrium einer nicht enden wollenden Reihe gynäkologischer Untersuchungen und Behandlungen. Der eben noch von einer Schaffenskrise gebeutelte Komponist lebt derweil wieder auf, der Erfolg kehrt zurück. Auch das nächste Experiment, Pflegekinder, ist ebenso zum Scheitern verurteilt wie das Paar selbst. Dann ereignet sich ein tragischer Unfall. Dass dieser Unfall zum Startschuss für die Rache der jungen Malerin an dem krankhaft auf sich selbst bezogenen Gatten und seine Vorliebe für andere junge Frauen wird, kann an dieser Stelle der Erzählung nicht mehr überraschen. Die Art und Weise und die Konsequenz, mit der Rakow sie Rache nehmen lässt, ist ganz große Kunst und ein ebenso großes Lesevergnügen.

Lesevergnügen bereitet auch Rakows überbordende wuchtige Sprache, die im Zusammenspiel mit seiner eigenwilligen und konsequenten Art, Überflüssiges wegzulassen und zwischen den Erzählperspektiven zu wechseln, geradezu einen Sog in seine Geschichten hinein entwickelt. „Auf den Gipfeln der Rakowschen Prosa hageln uns die Bilder und Worte nur so um Augen und Ohren“, bringt es Helga Bürster in ihrem Nachwort auf den Punkt. Dabei schafft er es, die gestandene Bäuerin ebenso glaubwürdig zu zeichnen, wie die Künstler, die seine Erzählungen bevölkern, insbesondere auch den drogenabhängigen jungen Mann. Wer das mag und sich auch mal durchbeißt, wenn es schwierig wird (und das wird es!), wird an Rakows Erzählungen seine Freude haben.

Info

Zur Person

Der Jurist vom Bauernhof

Reinhard Rakow, geboren 1952, wuchs auf einem Bauernhof in Gelnhausen (Hessen) auf. Er studierte Rechtswissenschaften, Psychologie und Germanistik. Seit 2008 lebt und arbeitet er als Autor, Herausgeber und Maler in Berne.

Sein Erzählband Familienausstellung umfasst vier Erzählungen auf 524 Seiten und ist Ende 2020 im Geest-Verlag erschienen. Es ist im Buchhandel sowie direkt beim Verlag für 14,80 Euro erhältlich. Das Nachwort schrieb Helga Bürster.

Die Gedichtbände (Blind Date, Alte Fabrik und Ode an alle) enthalten eine Auswahl von Gedichten, die Rakow in den vergangenen 20 Jahren verfasst hat. Die einzelnen Bände umfassen 344 bis 384 Seiten. Darin enthalten sind jeweils ein Nachwort sowie zehn meist farbige Abbildungen von Grafiken und Gemälden, die überwiegend Rakow selbst geschaffen hat. Die Gedichtbände sind für je 14 Euro im Buchhandel sowie direkt beim Verlag erhältlich.

Weiterhin im Geest-Verlag verfügbar sind Rakows Novelle „Sonnenklirren“ von 2010, die Romane „atem~pause“ und „Konzert im Schloss“ aus dem Jahr 2012 sowie sein Gedichtband „drei Farben RAL“ von 2014.

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