Aufnahmestopp in Berne Lebensmittel werden knapper

Sie sind abhängig von Spenden. Da Einzelhändler dazu übergehen, auch ältere Lebensmittel selbst zu vermarkten, müssen Ausgabestellen wie das "Radieschen" in Berne einen Aufnahmestopp verhängen.
07.08.2022, 19:00
Lesedauer: 5 Min
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Lebensmittel werden knapper
Von Barbara Wenke

Diether Liedtke zieht sich seine blau-cremefarbenen Handschuhe an. "So viel Ware haben wir schon lange nicht mehr bekommen", sagt der Ortsbeauftragte der Johanniter-Unfall-Hilfe Stedingen und klettert in den Kühlraum seines Sprinters. Mannshoch türmen sich grüne Kisten mit Obst und Gemüse, Milch und Snacks aus Schokoladecreme neben ihm auf.

Im Inneren der Berner Lebensmittelausgabestelle "Radieschen" haben Christa Wedemeyer, Ingrid Gauert-Röhreke und Wilma Lutter damit begonnen, erste Artikel zu sortieren. Marlies Bremermann packt Mirabellen ab. "Die hat Pastor Hammann heute Morgen schon gepflückt und vorbei gebracht", erzählt sie. Kaum ist der Satz beendet, bekommen die Frauen der Lebensmittelausgabe erneut Besuch. Ein Bürger gibt zwei Eimer voller Pflaumen ab. "Obst aus dem Garten nehmen wir gerne", sagt Ingrid Gauert-Röhreke. Seit 15 Jahren unterstützen die Ehrenamtlichen bedürftige Bürgerinnen und Bürger aus Lemwerder, Berne und Elsfleth mit Obst, Gemüse, Getränken und Konserven.

Einen hoch mit Kisten beladenen Rollwagen nach dem anderen schiebt Uwe Katscher zur Hintertür der Ausgabestelle an der Weserstraße herein. "Rote Beete", ruft Wilma Lutter erfreut aus, "da haben wir doch schon drauf gewartet." Obwohl, auf etwas warten, können die Ehrenamtlichen nicht. Sie nehmen, was kommt. "Manchmal kommen Kunden mit einer Liste und sagen, was sie haben wollen." Derartige Wünsche kann Radieschen nicht erfüllen. Radieschen ist weder Supermarkt noch Discounter, sondern Mitglied der Tafel Delmenhorst.

Einkauf nur mit Berechtigungsausweis

Bedürftige Bürger mit Berechtigungsausweis können hier donnerstags zwischen 10 und 12 Uhr für zwei Euro pro Person einkaufen. Kinder zahlen 50 Cent. Die Legitimation wird an der Kasse regelmäßig überprüft. Die Mitarbeiterinnen der Ausgabestelle weisen den Kunden, die mit allerhand Tragetaschen teils mit Bus und Bahn nach Berne kommen, Lebensmittel zu. Von Zeit zu Zeit tauschen sie auf Wunsch auch mal, etwa eine Aubergine gegen Pilze – wenn das Warenangebot es hergibt.

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Aus Hude kommend, fährt Reiner Arndt von der Tafel Delmenhorst mit dem nächsten Kühlwagen vor. "Ohne die würde es nicht gehen. Wir tauschen Waren aus", berichtet Diether Liedtke. So wird das Sortiment jeder Ausgabestelle reichhaltiger. "Gestern war ich in Bremerhaven und habe eine Palette Milch abgeholt", sagt der Johanniter-Ortsbeauftragte und zeigt auf die Tetrapacks an der Rückwand des Laderaums, "dafür haben sie Bockwurst aus Oldenburg erhalten." Im näheren Umkreis bekommen Liedtke und sein Team Waren von Einzelhandelsgeschäften, Discountern, Bäckereien und Tankstellen.

Obwohl die Ausgabestelle erst in einer halben Stunde öffnet, füllt sich der Vorraum mit Menschen. 600 Namen umfasst die Liste der Bedürftigen mittlerweile. Bei Eröffnung der Ausgabestelle 2007 waren es zwölf. Radieschen ist an die Grenze des Machbaren gestoßen. "Wir haben einen Aufnahmestopp", berichtet Diether Liedtke. "Wir können keine neuen Kunden mehr aufnehmen, weil wir nicht sicherstellen können, dass wir genügend Waren hätten."

Weniger Spenden wegen Rabatt-Kisten

Die Läden, die Waren spenden, kalkulierten ihrerseits enger. "In den Geschäften gibt es 30-Prozent-Kisten. Da greifen heute auch Leute zu, die früher vorbeigegangen sind", sagt Ralf Lösekann. In der Vergangenheit seien Radieschen und den Tafeln beispielsweise Orangenbeutel gespendet worden, die die Märkte nicht mehr verkaufen konnten. Die Mitarbeiter haben gefaulte oder bereits angeschimmelte Waren entfernt und die noch guten Teile weitergereicht. "Heute machen die Läden das selbst", bedauert Diether Liedtke. "Die Discounter nennen das Glückstüten", ergänzt Christa Wedemeyer.

Mit geübten Laufwegen haben sie und ihre Mitarbeiterinnen die Tische und Regale entlang der schmalen Gänge bestückt. Das Obst auf den Tresen. Gemüse in der Mitte. Konserven, Backwaren, Nudeln und Öl in die Regale an den Wänden. Käse, Fleisch und andere leicht verderbliche Produkte in Kühlschränke und Gefriertruhen. An der Wand hängen Plakate mit dem Motto der Tafeln: "Einem anderen geben, was er braucht: ein Stück Brot, ein Lächeln, ein offenes Ohr. Jetzt – nicht irgendwann."

An diesem Donnerstag haben die Märkte besonders viele Weintrauben gespendet. "Heute können wir vielleicht mal zwei Packungen ausgeben", blickt Christa Wedemeyer voraus. "Wir haben inzwischen ganz viele Sieben-Personen-Haushalte." Tricksen kann niemand. An der Kasse gibt es einen Zettel mit der Anzahl der Familienmitglieder. Dieser wird bei den Damen der Ausgabestelle abgegeben. "Manchmal sind die Kunden enttäuscht", weiß Christa Wedemeyer. Ändern kann sie es nicht. Damit jeder Kunde ab und zu in den Genuss der besten Waren kommt, gibt es feste Zeitfenster. An diesem Morgen beginnen die Kunden 91 bis 120. Im Zehnminutentakt lässt Uwe Katscher sie herein.

Durch die Hintertür kommen kurz Vertreter der FDP Lemwerder zu Besuch. Sie bringen einen Scheck. 100 Euro. Der Erlös aus ihrem Fahrradmarkt 2022. Und Waren im Wert von 15 Euro.

Von der Tafel zum Foodsharing

Wenn zum Ausgabeschluss um 12 Uhr noch verderbliche Waren auf den Tischen liegen, wird das Radieschen-Team sie nicht entsorgen. "Alles, was wir übrig behalten, geht noch einmal über einen Berner Bürger, der Foodsharing macht, in den Kreislauf", betont Marlies Bremermann. "Der bringt die Waren zu Studenten und in ein Frauenhaus", erläutert Birgit Wilgers, die zum Auffüllen der Kisten während der Ausgabe zum Team hinzugestoßen ist.

Zur Sache

Logistikzentren und Beistand

Weniger Spenden, hohe Energiekosten und mehr Zulauf durch Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine: Der CDU-Landtagsabgeordnete Björn Thümler aus Berne ruft zu mehr Wertschätzung und größerer Unterstützung für die Tafeln auf, die von ehrenamtlichem Engagement getragen werden. Zudem hält er flächendeckende Verteilzentren für sinnvoll und erforderlich. Über diese Verteilzentren könnten Großspenden der Lebensmittelhersteller zentral abgewickelt und durch optimierte Routen die Logistik für die einzelnen Tafeln in der Fläche Niedersachsens vereinfacht werden. Kürzere Fahrtwege bedeuteten reduzierte Transportkosten und die Annahme von mehr Kühlwaren, so Thümler. Er bedauert: „Bisher bestehen in Deutschland 31 solcher Verteilzentren, aber keines in Niedersachsen.“ Thümler fordert die Politik auf, zu prüfen, welche Tafeln hauptamtlichen Beistand für die Ehrenamtskoordination vor Ort anstreben. „Möglicherweise finden wir gemeinsam Ansatzpunkte für eine finanzielle Unterstützung.“

Die Lebensmittelausgabe in Berne

Die Lebensmittelausgabe „Radieschen“ des Ortsverbands Stedingen versorgt mehr als 600 Menschen aus bedürftigen Familien in den Gemeinden Berne, Elsfleth und Lemwerder mit Nahrungsmitteln. Das Team von rund 15 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern betreibt seine Ausgabestelle für Obst und Gemüse, Konserven, haltbare Lebensmittel, Getränke und andere Nahrungsmittel für den täglichen Gebrauch in Berne an der Weserstraße. Ausgabetag ist donnerstags von 10 bis 12 Uhr. Angenommen werden Lebensmittelspenden dienstags von 9 bis 14 Uhr sowie donnerstags von 8 bis 14 Uhr. Jeweils 160 Haushalte erhalten pro Ausgabetag die Möglichkeit, sich mit Lebensmitteln einzudecken.

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