Regenbogenempfang in Berne

Wunsch nach Anlaufstellen

Die Wesermarsch braucht Anlaufstellen für Homosexuelle. Davon ist der Kreisverband der Grünen überzeugt. In der Berner Kulturmühle hatte er jetzt zum ersten Regenbogenempfang im Landkreis eingeladen.
06.06.2019, 17:12
Lesedauer: 3 Min
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Wunsch nach Anlaufstellen
Von Barbara Wenke
Wunsch nach Anlaufstellen

Georg Berner-Waindok und Ulf Berner berichteten beim

Regenbogenempfang der Grünen in der Berner Kulturmühle über die

Lebenswirklichkeit von Homosexuellen.

von Lachner

Berne. Es war ein kleine Runde, die am Mittwochabend in der Kulturmühle zusammengekommen ist. Gerade einmal 20 Personen. Doch der Kreisverband der Grünen, der den ersten Regenbogenempfang in der Wesermarsch organisiert hatte, war mit der Resonanz zufrieden. Ein Anfang sei gemacht, lautete die einhellige Meinung. Eine Fortsetzung werde definitiv folgen.

Interessante Reden gab es bereits bei dieser Premiere. Der stellvertretende Landrat Dieter Kohlmann verwies in seiner Begrüßung darauf, dass sich niemand aussuchen könne, wie er auf die Welt kommt. Er bemerkte, dass sich die Gesellschaft verändert und weiterentwickelt habe. Wichtig sei es, im Gespräch zu bleiben. Die Begriffe „Schwule“, „Lesben“ und „Homosexuelle“ umschiffte Kohlmann. Dennoch freute sich Christina-Johanne Schröder von den Berner Grünen über seinen Besuch. Andere Redner hätten abgesagt. Über den Christdemokraten sei die Idee des Empfangs aber auch in Kreise vorgedrungen, die die Grünen ansonsten nicht erreicht hätten.

Die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Ulla Bernhold, wurde konkreter. Den Begriff „queeres Leben“ habe es zur Zeit ihres Dienstantritts Anfang der 1990er Jahre gar nicht gegeben, stellte sie fest. „Über Homosexualität wurde nicht offen gesprochen. Das Thema war weitreichend tabu.“ Erst gesetzliche Neuerungen hätten für eine Enttabuisierung gesorgt, so Bernhold. „Ein Meilenstein war 2001 das Lebenspartnerschaftsgesetz. Erstmalig in der Geschichte unsere Landes konnten gleichgeschlechtliche Paare eine anerkannte und gesetzlich gesicherte und geschützte Lebensverbindung eingehen.“

Eine Verbindung zweiter Güte, wie Ulf Berner meint. Der offen schwul lebende Mitbegründer des Projekts „Queerströmung Friesland-Wilhelmshaven-Wittmund“ hatte immer für die Ehe für alle plädiert. 2017 kam sie. Ein Jahr später heiratete der Wilhelmshavener seinen langjährigen Lebenspartner. Dass Ulf Berner und Georg Berner-Waindok dennoch ihre Lebenspartnerschaft hatten eintragen lassen, war den Gesetzen der damaligen Zeit geschuldet. Viele ihrer Freunde waren an Aids gestorben. Oft ohne den Beistand des Lebenspartners. Trotz langjährigen Zusammenlebens durften die Partner nicht ans Krankenbett. Laut Gesetz hatten sie weder Besuchs- noch Auskunftsrecht, da sie nicht zu den Angehörigen zählten.

„Es gehört eigener Leidensdruck dazu, Queer-Aktivist zu werden“, gestand Ulf Berner. Mittlerweile ist er es aus Überzeugung. In der Kulturmühle betonte er, wie wichtig kommunale Anlaufstellen für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, trans- und intersexuelle Menschen seien. Er wünscht sich auch auf dem Land Räume, in denen sich Mitglieder der Community selbst organisiert treffen können. „Vielleicht kann im Jugendclub ein Angebot eingerichtet werden.“ Georg Berner-Waindok erinnerte sich, an seiner weiterführenden Schule eine schwul-lesbische Schülervertretung gehabt zu haben.

Zuspruch erhielt Berner von der queerpolitischen Sprecherin der Grünen-Fraktion im niedersächsischen Landtag, Julia Hamburg. „Wir brauchen Orte, wo sich Gleichaltrige mit gleichen Interessen treffen können, wo man mal flirten kann. Und dann passt es oder auch nicht. Aber das liegt dann nicht an der Orientierung.“ Julia Hamburg, die seit 2013 dem Landtag in Hannover angehört, weiß von vielen, die sich stärker vernetzen wollen, aber nicht wüssten, wo sie andocken könnten.

„Ich kann heute überall mit meinem Mann ins Restaurant gehen“, beschrieb Ulf Berner seine Lebenswirklichkeit. Dennoch sei es schwierig, eine Gaststätte zu finden, in der die Community feiern kann. „Man muss zum Wirt gehen und fragen, ob man mit seiner Lesben- oder Schwulengruppe kommen kann, weiß aber meistens nicht, wie der Wirt drauf ist.“

Julia Hamburg forderte die Kommunen auf, tätig zu werden und Anlaufpunkte zu schaffen. Außerdem müsse besser aufgeklärt werden. So wisse kaum jemand, dass es bei der Polizei spezielle Ansprechpartner gebe für Menschen, die Opfer von Straftaten geworden sind, die sich speziell gegen Lesben und Schwule richten.

Ulf Berner beobachtet derzeit eine Rückentwicklung der Gesellschaft. „Wir haben 20 Jahre lang gedacht, dass wir das begleitete Nach-Hause-Gehen hinter uns haben“, sagte der 54-Jährige. Mittlerweile würde Homosexuelle aber öfter wieder angefeindet. „Wir haben lesbische Freunde, die nicht mehr händchenhaltend durch die Innenstadt gehen. Und ich verstehe jeden jungen Menschen, der sich nicht outet.“ Der Queer-Aktivist warb einerseits für kommunale Anlaufpunkte, forderte andererseits aber auch Lesben, Schwulen, Bisexuelle, Transgender, trans- und intersexuelle Menschen zu eigenem Engagement auf. „Wenn ich Teil einer Community sein will, muss ich mich selbst bewegen.“

Der Regenbogenempfang geht zurück auf das Engagement des Braker Stadtrats Marco Schellstede. Er war mit seinem Antrag gescheitert, zum Christopher Street Day in Brake eine Flagge hissen zu lassen, und hatte sich dann für einen Empfang stark gemacht.

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