Berner Familien in Quarantäne Zwischen Garten und Gefrierschrank

Weil eine Erzieherin im Kindergarten Ganspe positiv auf das Coronavirus getestet wurde, stehen 260 Personen unter häuslicher Quarantäne. Vermisst werden nur frische Lebensmittel.
26.03.2020, 06:09
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Zwischen Garten und Gefrierschrank
Von Barbara Wenke

Ganspe / Ranzenbüttel. Die Temperaturen sind niedrig, doch die Sonne scheint. Ideales Wetter, um erste Arbeiten im Garten zu verrichten. So viel Hilfe für die Arbeit wie in diesem Frühjahr hat Jana Möller selten gehabt. Sowohl ihr Ehemann als auch die drei jüngsten Kinder sind zu Hause. Zwangsweise, denn im Kindergarten von Tochter Marie ist eine Erzieherin positiv auf das Cononavirus getestet worden. Alle Kinder und Eltern der Einrichtung stehen deshalb bis Freitagabend unter häuslicher Quarantäne.

„Am späten Samstagnachmittag kam der Anruf von einer Frau aus dem Gesundheitsamt in Brake“, erinnert sich Jana Möller. Die 45-jährige erinnert sich auch an ihren ersten Gedanken: „Ist das die versteckte Kamera? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass am Samstagnachmittag noch jemand in der Behörde arbeitet.“ Deshalb habe sie sich den Namen, die Dienststelle und die Festnetznummer der Anruferin notiert und zurückgerufen. Schnell stand fest: Der Anruf ist kein Fake, eine Erzieherin des Kindergartens Ganspe war tatsächlich positiv auf das Coronavirus getestet und fortan standen alle Familien der rund 60 in der Kindertagesstätte Ganspe betreuten Jungen und Mädchen schlagartig für eine Woche unter häuslicher Quarantäne.

Dass es keine 14-tägige Quarantäne ist, liegt an der bundesweiten Schließzeit aller Kindertageseinrichtungen seit dem 16. März. Die erste Woche der Inkubationszeit war demnach bereits verstrichen.

„Wir haben ein großes Haus und einen Garten, deswegen stört uns die Quarantäne jetzt nicht so sehr. Ich habe meine Familie sowieso immer gerne um mich“, sagt Jana Möller. Ihre Kinder Melina, Maik und Marie toben derweil im Garten, hüpfen auf dem großen Trampolin und fahren mit ihren Rollern über den Hof. „Ich bin froh, dass wir auf dem Land und nicht in der Stadt wohnen“, sagt Jana Möller.

Froh ist die dreifache Mutter aber auch, wenn sie ihr Grundstück ab Sonnabend – vorausgesetzt niemand der 260 in Quarantäne befindlichen Berner zeigt Corona-Symptome – wieder verlassen darf. Dann geht sie einkaufen. „Ich brauche Kartoffeln. Und mir fehlen Äpfel und Birnen.“ Hungern müsse die Familie nicht. „Ich kauft immer auf Vorrat“, sagt Jana Möller und lacht. Auf den Tisch kommen vorerst Konserven und eingefrorene Gerichte aus dem Gefrierschrank. Nur Frisches, das fehlt.

Das Gesundheitsamt hatte der Bernerin bereits beim Erstkontakt die Telefonnummer des DRK-Kreisverbandes mitgeteilt. Einmal habe sie das Angebot genutzt und sich von den Helfern etwas einkaufen lassen, erzählt Jana Möller.

Auf Hilfe von außerhalb sind auch zwei weitere Familien aus Ganspe angewiesen, die ungenannt bleiben wollen. „Es bieten sich ganz viele Freunde und Bekannte an“, freut sich die Mutter zweier Kindergartenkinder, die aber auch einräumt: „Es ist schon ein komisches Gefühl.“ Ihre Eltern und Schwiegereltern, die in der Nähe wohnen, möchte sie nicht einsetzen. „Die gehören aufgrund ihres Alters schließlich zur Risikogruppe.“

Am Dienstag hat die Gansperin Fotos von einer Freundin geschickt bekommen und ob der leeren Regale darauf ihren Augen kaum getraut. „Damit wir wissen, wie es aussieht, wenn wir wieder raus dürfen“, habe die Freundin dazu geschrieben.

Die dienstfreien Tage verbringt die vierköpfige Familie ebenfalls im Garten. Natürlich frage ihr kleiner Sohn manchmal nach seinen Spielkameraden. Im Endeffekt helfe er aber genauso gerne bei der Gartenarbeit wie er mit seinen Kumpels spiele, erzählt die Gansperin. Und „die Große“ habe trotz Quarantäne einen Weg gefunden, mit ihrer besten Freundin zu spielen – mit lauten Rollenspielen quer über die wenig befahrene Sackgasse zwischen ihren Grundstücken.

Die befreundeten Familien haben ihren Mädchen die großen Holzpferde vorne an den Gartenzaun gestellt. Nun reiten die Vorschülerinnen mit einigem Abstand um die Wette und erzählen sich Geschichten, während sie ihre Pferde putzen. Die Eltern bringen derweil den Garten auf Vordermann.

Einmal pro Tag ruft das Gesundheitsamt an, um sich nach dem Befinden der Familienmitglieder zu erkunden. „Wir müssen jeden Tag die Temperatur messen und ein Protokoll schreiben, wie es uns geht“, berichtet die zweite Gansper Mutter. Eigentlich hätten die Familien ein Tagebuch führen sollen, doch das ist ihnen erst am Mittwoch auf dem Postweg zugestellt worden.

Händeringend hatten die Betroffenen zu dem Zeitpunkt insbesondere auf die Krankschreibungen vom Amt gewartet, um sie dem Arbeitgeber vorlegen zu können, berichtet Jana Möller. Doch das Gesundheitsamt komme mit der Arbeit kaum nach. Am vergangenen Wochenende galt es, die Papiere für die 260 unter Quarantäne gestellten Berner fertigzumachen. Doch die Berner sind nicht die einzigen, um die sich die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes kümmern müssen.

In der Wesermarsch hat es bis Mittwochmorgen 20 bestätigte Corona-Fälle gegeben. 320 Personen stehen unter Quarantäne. Für die vier Mitarbeiter des Gesundheitsamtes bedeuten dies rund 100 Telefonate am Tag.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+