Ambulante Hospizdienste und Corona

Abstand, wo Nähe elementar ist

Ein Beispiel aus Brake zeigt die Schwierigkeiten der ambulanten Hospizhilfe während der Corona-Pandemie. Sie sind in ihrer Arbeit eingeschränkt und bekommen deutlich weniger Spenden.
13.11.2020, 09:35
Lesedauer: 3 Min
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Abstand, wo Nähe elementar ist
Von Jürgen Hinrichs
Abstand, wo Nähe elementar ist

Karin Schelling - Carstens, Geschäftsführerin Diakonie Brake / Wesermarsch und Ute Seyberth (Hospizarbeit)

Christian Kosak

Menschen werden krank während der Pandemie, sie stecken sich mit Corona an. Das kann einen leichten Verlauf nehmen, dramatisch werden oder gar mit dem Tod enden. Andere Menschen sterben, ohne das Virus im Leib zu haben, von Corona betroffen sind aber auch sie. Ihnen kann nicht in dem Maße beigestanden werden, wie es ohne die Kontaktbeschränkungen möglich wäre. Ein großes Dilemma, berichten ehrenamtlichen Helfer der Hospizbewegung. Wie groß, zeigt das Beispiel des ambulanten Hospizdienstes in Brake.

Karin Schelling-Carstens und Ute Seyberth sitzen im Besprechungsraum hinter einer Plexiglasscheibe und tragen einen Mund-Nasen-Schutz, den sie während der Unterhaltung nicht abnehmen. Auch in der Wesermarsch ist die Zahl der Infizierten hoch, die beiden Frauen sind entsprechend vorsichtig, zumal, wenn Besuch da ist. Abstand halten – was beim Pressegespräch nicht besonders schwerfällt, ist in der Hospizarbeit ein Ding der Unmöglichkeit. Und doch muss es jetzt sein.

„Wir gehen zu den Leuten nach Hause, aber auch in Altenheime und Krankenhäuser“, berichtet Seyberth, die seit neun Jahren beim Diakonischen Werk Wesermarsch als Hospizhelferin arbeitet. In den Einrichtungen sei es in den vergangenen Monaten immer wieder anders gewesen, je nach Stand der Auflagen.

Die 56-Jährige erzählt von einem Mann im Pflegeheim, der wegen seiner Krankheit nicht mehr sprechen konnte. Ihn besuchen durfte sie nicht, anrufen ging aber auch nicht. Was tun? „Mich hat das sehr belastet“, sagt Seyberth. Sie schickte dem Mann schließlich eine Postkarte. Lebenszeichen für einen Todkranken. Oder dieser Fall, wieder ein Mann: „Er wollte vieles ein letztes Mal machen, ganz profane Sachen, zu Rossmann gehen oder auf den Wochenmarkt. Und dann kam Corona.“

Das Diakonische Werk hat in einer Pressemitteilung auf diese Nöte aufmerksam gemacht: „Die aktuelle Situation steht im Gegensatz zur Grundüberzeugung der Hospizbewegung, dass niemand alleine sterben muss. Unsere Ehrenamtlichen wünschen sich deshalb, die Betroffenen wieder direkt begleiten zu können.“ Voraussetzung hierfür sei, dass im Pflegeheim und Krankenhaus die Kontaktbeschränkung unter Einhaltung der Hygienevorschriften gelockert werde. Sonst drohe Vereinsamung und Isolation. „Wir wollen die Welt zu den Kranken bringen, damit sie nicht ständig auf ihr Leid zurückgeworfen werden“, sagt Seyberth. Sie hatte Fälle, in denen bestand der Kontakt über Jahre hinweg, dann wieder solche, da waren es nur Stunden, die letzten Stunden. „Die Menschen sind so dankbar, das ist erfüllend und gibt einem unheimlich viel.“

Es gibt einen anderen Aspekt bei den ambulanten Hospizdiensten während Corona: das Geld. „Seit Beginn der Pandemie gibt es einen enormen Spendeneinbruch“, erklärt Karin Schelling-Carstens. Die 61-Jährige ist Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Wesermarsch und engagiert sich seit 21 Jahren in der Hospizhilfe. Dass weniger gespendet wird, führt sie darauf zurück, dass die Veranstaltungen fehlen, auf denen dafür geworben werden kann. „Außerdem haben die Menschen zurzeit ihre eigenen Sorgen und Nöte.“

Die Finanzierung der ambulanten Hospizarbeit beruht nach Darstellung des niedersächsischen Dachverbandes für Hospizarbeit und Palliativversorgung auf zwei Säulen: Zuschüssen von den Krankenkassen, um Teilbereiche der Kosten zu decken, und Spenden. Die Trauerarbeit sei zum Beispiel komplett von der Finanzierung durch die Krankenkassen ausgeschlossen. Anderes, wie Fahrtkosten und Fortbildungen, werde nur bedingt übernommen. Der Hospizhilfe sei es nach wie vor sehr wichtig, dass keine Begleitung aus Kostengründen verhindert wird. Wer sie wünsche, solle sie auch erhalten. „Als Landesverbände hoffen wir sehr, dass sich hier kein gesellschaftlicher Trend entwickelt“, sagt Marlies Wegner, Vorsitzende des Landesstützpunktes in Hannover. „Sollte das Spendenaufkommen nicht sehr bald wieder ansteigen, werden ambulante Hospizdienste und auch stationäre Hospize in ihrer Existenz bedroht sein.“

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