SG akquinet Lemwerder Über Lemwerder zum Profi

Seit Anfang des Jahres startet Abiel Hailu für Lemwerder. Den Kontakt zu seinem neuen Verein stellte Brhane Tsegay her, der bereits seit ein paar Jahren für das Team um Trainer Karl Spieler antritt.
20.07.2020, 16:09
Lesedauer: 4 Min
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Von Karsten Hollmann

Abiel Hailu von der SG akquinet Lemwerder hat ein klares Ziel vor Augen. „Ich möchte Profi im Laufen werden“, betont der Neuzugang von der LG Kreis Verden. Seit Anfang des Jahres startet der 25-Jährige für Lemwerder. Den Kontakt zu seinem neuen Verein stellte dessen Landsmann aus Eritrea, Brhane Tsegay, her, der bereits seit ein paar Jahren für das Team um Trainer Karl Spieler antritt. „Wir kennen uns gut aus gemeinsamen Wettkämpfen“, verrät Hailu.

Durch die Corona-Pandemie verlief der Start bei seinem neuen Klub völlig anders als gedacht. Am 1. Februar hatte sich Abiel Hailu für ein zweimonatiges Höhen-Trainingslager nach Äthiopien verabschiedet. Aus den zwei Monaten wurden dann wegen Corona aber fast fünf Monate, weil kein Flugzeug zurück nach Deutschland flog.

In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba genoss Hailu in einer Höhe von 2750 Metern ein ideales Trainingslager als Vorbereitung auf die neue Saison. „In der Höhe tut man sich zwar schwer beim Ein- und Ausatmen. Dennoch ist die Luft sehr gut zum Trainieren“, sagt der 25-Jährige. Nach zwei Monaten fühlte dieser sich topfit für Wettkämpfe, die dann aber wegen der Corona-Krise gar nicht stattfanden.

„Ich bin im vergangenen Jahr bei den Landesmeisterschaften 1:11 Stunden im Halbmarathon gelaufen. Diese Zeit hätte ich nun sogar deutlich unterbieten können“, ist sich Abiel Hailu ganz sicher. Auch über die zehn Kilometer hätte er wohl eine neue Bestzeit erreichen können. Im Trainingslager seien einmal 30:26 Minuten über diese Distanz für ihn gestoppt worden. In Addis Abeba kam Hailu bei seinem drei Jahre jüngeren Bruder Yonas Hailu und bei Freunden unter. Yonas Hailu infizierte Abiel Hailu inzwischen auch schon mit seinem Laufvirus.

Ausgerechnet eine schwere Erkrankung seiner Mutter ermöglichte Abiel Hailu ein Wiedersehen mit dieser. Wegen der Erkrankung wurde seine Mutter vor einigen Wochen aus Eritrea nach Äthiopien in ein Krankenhaus verlegt. „Dort ging es ihr dann auch nach drei Wochen wieder besser“, berichtet der Sportler. Nach Eritrea dürfe Hailu Abiel wegen der dortigen Diktatur nicht einreisen, so der Aktive. Dieser hätte in seinem Heimatland gerne studiert, sollte aber zum Militärdienst zwangsverpflichtet werden. Deshalb floh er auch nach Europa. Bevor er im Herbst 2015 aber die lebensgefährliche Überfahrt über das Mittelmeer in einem kleinen Schlauchboot nach Italien antreten konnte, verbrachte Hailu noch zehn Monate im Sudan.

Sein Wunschziel in Europa war eigentlich Großbritannien. „In Eritrea findet der Schulunterricht ab der sechsten Klasse ausschließlich in Englisch statt. Da ich die Sprache also bereits beherrschte, wollte ich nach England“, sagt der Afrikaner. Dann wurde es aber doch Deutschland. Hier landete Abiel Hailu zunächst im Auffanglager in Friedland. Von Deutschland war ihm bis dato vor allem der Fußballverein FC Bayern München bekannt. „Ich war auch ein großer Fan dieses Klubs“, versichert der Schützling von Karl Spieler.

Erst während seiner Zeit im Auffanglager erfuhr dieser über Youtube vom Erfolg seines Landsmanns Grimal Gebrselassie in Belgien. „Der ist genauso alt wie ich. Da habe ich mich gefragt, warum ich denn nicht genauso schnell, wie der sein sollte. Er hat mich inspiriert“, informiert der Eritreer. Erst von da an begann Abiel Hailu mit dem Laufen. Nachdem er nach Oyten gekommen war, schloss er sich dort der LG Kreis Verden an und lief schnell auch bei größeren Events von Erfolg zu Erfolg.

Um sich sein Trainingslager in Äthiopien zu finanzieren, hatte Abiel Hailu für ein halbes Jahr in einem Supermarkt im Weserpark gearbeitet. „Durch die ungeplante Verlängerung des Trainingslagers geriet meine Finanzierung jedoch in Gefahr“, so Hailu. Dieser trainierte zusammen mit seinem Landsmann Haftom Weldaj vom TSV Pattensen, der nun bei einem Wettbewerb in Berlin in 14:12 Minuten sogar noch um 19 Sekunden schneller als Abiel Hailu über die zehn Kilometer unterwegs war. Sein großes Vorbild ist die äthiopische Lauf-Legende Haile Gebrselassie.

Den hat Abiel Hailu bislang noch nicht persönlich kennengelernt, dafür aber Kenenisa Bekele, der den Weltrekord beim Berlin Marathon im vergangenen Jahr nur um zwei Sekunden verpasste.

Für Abiel Hailu sind die afrikanischen Läufer gerade auf den langen Strecken dem Rest der Welt derart überlegen, weil sie stets in großen Höhen, aber auch hart nach in Leistungen aufgeteilten Gruppen trainierten. „Entscheidend ist aber die Höhe“, betont Abiel Hailu. Diese Höhe kenne dieser auch sehr gut aus seinem Geburtsort Degra in Eritrea, das 2300 Meter über dem Meeresspiegel liegt.

Abiel Hailu möchte nicht nur gerne Profi-Läufer werden, sondern auch für Deutschland antreten. Mit guten Zeiten könne der Neu-Lemwerderaner den Einbürgerung-Prozess beschleunigen, sagt Hailu. Er steht jeden Morgen zwischen 5 und 6 Uhr auf, um dann für zwei bis drei Stunden zu trainieren. Am Abend kommt dann noch eine Stunde Training hinzu. Selbst schlechtes Wetter könne ihn dabei nicht stoppen.

„Schnee habe ich dabei erst in Deutschland kennengelernt. Ich bin natürlich auch insgesamt andere Temperaturen gewohnt. Deshalb ist es für mich auch oft ganz schön anstrengend“, räumt der junge Sportler ein. Hailu wolle sich nicht mehr durch Arbeit vom Laufen ablenken lassen und suche deshalb einen Sponsor.

„Ich will einfach nur laufen. Das bereitet mir Freude“, sagt der ambitionierte Läufer. In seiner Freizeit lese er ansonsten Fachbücher über das Laufen oder Biografien von Spitzenläufern. Die ein bis zwei Paar Laufschuhe, die der 25-Jährige im Jahr verschleißt, finanziert ihm sein neuer Verein. Ein mögliches Studium in der Bundesrepublik hat dieser aber bereits abgeschrieben. „Dafür bräuchte ich schließlich meine Zeugnisse aus Eritrea, die mir aber leider nicht ausgehändigt werden“, so der SGaL-Athlet.

Leistungssteigernde Mittel seien ihm bislang noch nicht angeboten worden. „Ich möchte auch sauber erfolgreich sein, und nehme deshalb nur Magnesium zu mir“, versichert der Spitzenmann. Er würde niemals eine von einem Trainer überreichte Substanz einnehmen, von der er nicht wisse, um was es sich dabei handelt.

„Doping bringt die ehrlichen Sportler um die verdiente Ehre. Deshalb finde ich es persönlich auch sehr schade, dass es so etwas im Sport gibt“, erklärt Abiel Hailu. Er bezeichnet sich selbst als sehr hilfsbereiten Menschen: „Ich bin immer da, wenn man mich braucht.“ Karl Spieler könne ihm auf dem Weg zum Profi natürlich viele wertvolle Tipps geben. „Er ist auch ein Grund, weshalb ich nach Lemwerder gegangen bin“, betont Hailu – und hofft nun auf noch möglichst viele Wettbewerbe im Herbst.

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