Lehre bei der „Weserflug“ Blick zurück in Wehmut

60 Jahre nach ihrem Ausbildungsbeginn besuchen Dietmar Bodschwinna und Klaus Plotzitza das ehemalige Flugzeugwerk in Lemwerder. Viel gibt es nicht mehr zu sehen. Aber die Erinnerungen sind noch frisch.
11.06.2019, 16:23
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Blick zurück in Wehmut
Von Barbara Wenke

Dietmar Bodschwinna und Klaus Plotzitza schauen sich um, sind auf der Suche nach Vertrautem. Doch dann entfährt es Plotzitza: „Es ist nichts mehr da, was sehenswert ist.“ Das letzte Mal, als die beiden Mittsiebziger in Lemwerder waren, besuchten sie das Flieger-Horst-Museum in der Pförtnerei des ehemaligen Flugzeugwerks. Vertrautes Terrain für die beiden Männer, die 50 Jahre zuvor eine Lehre zum Fluggerätemechaniker an selber Stelle begonnen hatten.

Heute ist es 60 Jahre her, dass sie ihren Dienst bei der Weser-Flugzeugbau GmbH („Weserflug“) begannen. Für Dietmar Bodschwinna war es 1959 keine Ausbildung des Herzens. „Die Not war groß. Ich brauchte eine Lehrstelle.“ Die Antwort auf sein Problem lag quasi vor der Haustür. „Ich war Deichshauser und mein Vater arbeitete im Werk.“ Also begann auch der Junior, dort zu lernen. So war das damals.

Heute nennt Bodschwinna seinen Werdegang einen Glücksfall. „Wir haben damals so viel gelernt, was wir unser ganzes Leben lang gebrauchen konnten. Auch wenn viele nach der Lehre vollkommen andere, oft artfremde Berufe ergriffen haben.“ Klaus Plotzitzas Lebensweg setzt sich von dem seines Lehrlingskollegen ab. „Mein Technikinteresse war immer stark ausgeprägt“, erinnert sich der Senior. Den Beruf Metallflugzeugbauer hatte der Leuchtenburger trotzdem nicht auf seinem Berufswunschzettel. „Eigentlich wollte ich Rundfunkmechaniker werden.“ Wie er an den Flugzeugbau gekommen ist? „Ein Schulkollege hatte hier angefangen und gefragt, ob ich nicht auch mitkommen wolle.“

Aus heutiger Sicht betonen beide Männer, diesen ersten Schritt ins Berufsleben nie bereut zu haben. Dietmar Bodschwinna, der mittlerweile in Delmenhorst lebt, hat über die Jahre hinweg eine tiefe Beziehung zum Werk aufgebaut. Nach seinem Grundwehrdienst sowie einiger Zeit bei der Luftwaffe der Bundeswehr und dem Besuch der Technikerschule kehrte Bodschwinna im Oktober 1968 ins Werk zurück. Die Entwicklungsabteilung sollte seine Berufung werden. „Wir haben Kerndaten von Werkstoffen ermittelt, denn die Flugzeuge sollten leichter werden“, erzählt der 76-Jährige. In all den Jahren in der Entwicklungsabteilung hat der Delmenhorster allerdings nie den Kontakt zur Fertigung verloren. „Ich liebe und lebe heute noch den Flugzeugbau“, sagt Bodschwinna versonnen.

Im Gegensatz zu Klaus Plotzitza. „Nach meinem Wehrdienst und der Technikerschule herrschte bei Weserflug Einstellungsstopp“, erinnert sich der 75-jährige Leuchtenburger. „Deshalb bin ich in den Anlagenbau gewechselt.“ Im Herzen ist Plotzitza allerdings immer „einer von oben“, wie die Mitarbeiter des etwas oberhalb des Ortes gelegenen Flugzeugwerks in Lemwerder genannt werden, geblieben. „Während des einjährigen Arbeitskampfes in den 1990er-Jahren habe ich mich mit den Betroffenen ans Feuer gestellt.“

Jetzt sind beide länger nicht in Lemwerder gewesen. Vor zehn Jahren, im April 2009, haben sie mit 26 ehemaligen Mitlehrlingen in Erinnerungen geschwelgt. Drei Tage traf man sich in Bremen-Nord und besuchte im Zuge des Wiedersehens eine von Horst Zwicker in der ehemaligen Pförtnerei eingerichtete Ausstellung. Zwicker hatte ebenfalls im Werk gelernt, später jahrzehntelang dort gearbeitet und während der Zeit angefangen, alles zu sammeln, was mit Flugzeugbau in Lemwerder zu tun hat. Für einige Jahre hatte er seine Sammlung aus Fotos, Dokumenten, Werkzeugen und anderen Gegenständen, die mit der Geschichte des Lemwerderaner Flugzeugbaus zusammenhängen, zusammengetragen.

Das Jahrgangstreffen vor zehn Jahren barg einen weiteren Höhepunkt. „Wir sind damals noch einmal durch die Hallen gegangen“, berichtet Plotzitza. „Wir durften bei der Fertigung der Rotorblätter reinschauen.“ Auch ihre alte Lehrwerkstatt hatten sie zu sehen bekommen. Hinein durften die Ehemaligen aber nicht mehr. Der Schuppen stand kurz vor dem Abriss. Jüngst haben sich die „59er“ wieder in Vegesack getroffen. Einen gemeinsamen Besuch des Werks gab es in diesem Jahr nicht mehr, denn es gibt nichts mehr, das sich anzuschauen lohnt, sagen Bodschwinna und Plotzitza. Aber Erinnerungen, die wurden immer noch ausgetauscht. „Wir haben es gut gehabt, 1959 dort zu lernen“, meint Plotzitza im Rückblick. „Wir lebten hier so richtig auf.“ Die umfangreiche Ausbildung, der Sport während der Arbeitszeit, der große Zusammenhalt, die einwöchige gemeinschaftsstiftende Zeit in Steinkimmen oder auch die Feiern mit selbst gemachter Musik möchte er ebenso wenig missen wie Dietmar Bodschwinna.

Die Begeisterung ist den beiden Senioren noch Jahrzehnte nach ihrer Ausbildung anzusehen. Gerne hätten sie sich im Flieger-Horst-Museum von Horst Zwicker noch einmal umgesehen, in alten Zeiten geschwelgt. Doch das Museum schloss vor gut vier Jahren, die Pförtnerei dient heute einem Zahnarzt als Praxis.

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