Gänsezucht auf dem Land Der Traum von der eigenen Farm

Gänsezüchter Frank Leiendecker möchte einen Stall für seine Tiere bauen. Die Crux: Die Landwirtschaftskammer stuft ihn als Hobbylandwirt ein. Und die dürfen im sogenannten Außenbereich nicht bauen.
12.10.2018, 07:00
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Der Traum von der eigenen Farm
Von Barbara Wenke

Aufgeregt watscheln Frank Leiendeckers Emdener Gänse durch ihr Gehege. An der schmalen Straße vor der kleinen Freifläche werden Bäume gekappt. Der Krach erregt die Tiere. Hektisch bewegt sich die Gruppe von einem Ende des Geheges zum anderen. Mehr als seine aufgeregten Tiere beschäftigt Leiendecker im Moment allerdings eine Klage, die er bei Gericht eingereicht hat. Die Landwirtschaftskammer untersagt ihm den Bau eines Stalles.

Der Stall ist Teil seines Zukunftskonzepts. Er wolle keinen großen Maststall bauen, betont der 54-Jährige, sondern eine kleine Farm. 70 Zuchttieren sollen es sein. Vor circa dreieinhalb Jahren kaufte Frank Leiendecker, damals noch im Ruhrgebiet beheimatet, sein erstes Pärchen. Gänsedame Silke und Ganter Ben sind noch heute bei ihm. Sie sind zwei von derzeit 45 Tieren. Der Sannauer besitzt 30 Weibchen und 15 Männchen.

Zur Gänsezucht ist er nicht ganz freiwillig gekommen. Von Haus aus ist der 54-Jährige Spediteur. Allerdings hatte er mit seinem Betrieb Insolvenz anmelden müssen. Eine Anstellung fand er aufgrund seines Alters anschließend nicht. So überlegte Leiendecker, wie er der Arbeitslosigkeit und Hartz IV auf andere Weise entfliehen könnte und kaufte die Gänse. Die Geschäfte laufen gut an. „Ich hätte einem Kunden in diesem Jahr auf einen Schlag 120 Eier verkaufen können. Aber die hatte ich nicht“, lässt der Gänsehalter die abgelaufene Saison Revue passieren. Begehrt sind Leiendeckers Gänseeier, weil er die seltene, großrahmige Rasse „Emdener Gans“ züchtet. Bis zu zwölf Kilogramm Lebendgewicht bringen die Männchen auf die Waage. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen bezeichnet die Rasse als „eine der besten Mastgänse mit vortrefflichem Fleisch“. Leiendecker mästet allerdings nicht. Er züchtet und verkauft die Eier. Die Aufzucht und Mast überlässt er anderen.

Abnehmer hat er bereits in Deutschland, Österreich, der Ukraine, Skandinavien und der Türkei gefunden. „Die Junggänse werden dort zu Silvester gegessen. Mit ihrem Gewicht eignen sie sich hervorragend als Festessen für Großfamilien.“ Der heute 54-Jährige packte also im August 2015 Silke und Ben ein, um auf dem Land eine kleine Farm aufzubauen. „Wenn ich gewusst hätte, dass das so kompliziert ist“, stöhnt der Sannauer und lässt den letzten Teilsatz offen. Im Außenbereich von Lemwerder erwarb er eine 2618 Quadratmeter große Parzelle. Schon bald zogen die schneeweißen Gänse, die auf der Roten Liste gefährdeter Tiere stehen, ein. Für das Jahr 2016 listete die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen nur noch 238 Weibchen und 132 Ganter.

Frank Leiendecker würde seine Anzahl gerne auf 70 Gänse steigern. Auch für 2019 lägen ihm bereits Nachfragen vor. Der Absatz sei gesichert, versichert der Sannauer. Doch um aufzustocken, braucht der Gänsehalter einen Stall. Weil die Landwirtschaftskammer seine Zucht als Nebenerwerb einstuft, darf er im sogenannten Außenbereich allerdings nicht bauen. „Für die Kammer bin ich ein Hobbyhalter, mit dessen Anzahl an Tieren man kein Geld verdienen kann.“

Leiendecker sieht das naturgemäß anders. „Mein Konzept geht genau auf“, versichert der Gänsehalter. Eine Emdener Gans lege im Durchschnitt 40 Eier pro Jahr, die älteren Zuchtgänse auch bis zu 65. Pro Ei erziele er zehn bis 15 Euro an Einnahmen. Bei 70 Alttieren käme genügend Geld zusammen, um davon zu leben, hat der Lemwerderaner ausgerechnet. Die Sachbearbeiterin der Landwirtschaftskammer hat ihm empfohlen, Land zu pachten und die Farm zu vergrößern. Doch Leiendecker ist überzeugt, dass sich seine Einnahmen gegenüber den Ausgaben dann nicht mehr rechnen würden. Müsse er dann doch in neue Zäune investieren und die Wiese zwischenzeitlich mähen lassen. Denn einen Trecker besitzt er nicht.

Franz-Josef Blome, der bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen Interessenten zu Fragen des Baurechts im Außenbereich berät, erläutert die Empfehlung seiner Kollegin. „Tierhaltung ist nur dann landwirtschaftlich, wenn sie überwiegend von der Fläche des Betriebs ernährt werden kann“, zitiert Blome ein Gesetz. Wer sein Futter dauerhaft zukaufe, werde als reiner Gewerbebetrieb behandelt, für den ein Bauen im Außenbereich verboten ist. Eine kleine Hintertür lässt Blome allerdings offen: „Wenn es sich um besondere Zuchtgänse und nicht um Mastgänse handelt, ist es ein Spezialbetrieb, für den andere Maßstäbe angesetzt werden.“

Frank Leiendecker wird noch einmal mit den Experten der Landwirtschaftskammer sprechen. Er ist überzeugt, aufs richtige Konzept zu setzen. „Die Regierung möchte doch weg von der Massentierhaltung“, sagt der 54-Jährige. „Ich würde von meiner Gänsefarm nicht reich werden, aber es würde genügen“, ist der Sannauer überzeugt.

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Rassegeflügelschau in Berne

Der Stedinger Rassegeflügelzuchtverein Berne veranstaltet am Sonnabend und Sonntag, 13. und 14. Oktober, seine 66. Rassegeflügelschau. Sechs Mitglieder der Jugendabteilung sowie 19 erwachsene Züchter präsentieren insgesamt 300 Enten, Gänse, Wachteln, Zwerghühner, große Hühner, Tauben und Ziergeflügel. Zu sehen sind auch alte, mittlerweile selten gewordene Rassen, die auf der Roten Liste gefährdeter Haustierrassen stehen. Die öffentliche Ortsschau in der Aula der Comenius-Schule am Kinnerpadd 2 in Berne öffnet am Sonnabend und Sonntag jeweils von 10 bis 17 Uhr ihre Türen. Der Eintritt kostet zwei Euro.

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