Sozialministerin in Lemwerder Ideen gegen Kinderarmut

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut bedroht. Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann hofft auf Abhilfe durch eine Kindergrundsicherung. In Lemwerder erhielt sie Tipps für weitere Maßnahmen.
21.02.2020, 18:09
Lesedauer: 4 Min
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Ideen gegen Kinderarmut
Von Barbara Wenke

Lemwerder. Wenn die niedersächsische Sozialministerin Carola Reimann und die Berner SPD-Landtagsabgeordnete Karin Logemann Angestellte und die Zuhörer der Podiumsdiskussion „Ein Armutszeugnis – Kinderarmut in Deutschland“ ihre Chefs wären, dann hätten die beiden Sozialdemokratinnen jetzt jede Menge neuer Arbeitsaufträge. Die Gäste warteten nicht lange ab, bis ihnen Redezeit zugewiesen wurde, sondern fielen dem Quartett auf dem Podium schon früh ins Wort.

Jedes fünfte Kind sei in Deutschland von Armut bedroht, informierte Alexander Bodenstab von der Friedrich-Ebert-Stiftung, die den Abend organisiert hatte. „In einer Klasse mit 30 Kindern trifft das sechs Kinder“, verdeutlichte er. Die betroffenen Kinder seien nicht am Verhungern. Aber sie können nicht gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Ganz banale Dinge wie Kino- oder Schwimmbadbesuche seien für sie oft unerschwinglich. Neben sozialer Isolierung verschlechtere die Armut auch Schulerfolge und gesundheitliche Perspektiven.

Ministerin Carola Reimann hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Kindergrundsicherung. Mit ihrer Hilfe solle eine möglichst einheitliche Förderung erreicht werden, die Leistungen aus der Sozialhilfe, des Kindergeldes, aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (Hartz IV) sowie Kinderzuschläge zusammenführt. Obwohl die Armutsgefährdungsquote in Niedersachsen zum zweiten Mal in Folge gesunken sei, seien immer noch 1,17 Millionen Niedersachsen von Armut bedroht, teilte die Ministerin mit. Besonders Kinder und Jugendliche seien gefährdet.

Staatliche Leistungen sollten so angepasst werden, „dass sie bei den Kindern ankommen“, forderte die Ministerin. Das Antragswesen müsse vereinfacht werden. Jens Pannemann , der Leiter des Kinderhauses Blauer Elefant des Deutschen Kinderschutzbundes in Brake, räumte ein: "Ich blicke manchmal auch nicht durch, an wen ich mich mit welchem Antrag wenden muss ." Reimann betonte: "Eine soziokulturelle Teilhabe ist mit den jetzigen Hartz-IV-Sätzen nicht zu erreichen."

Zuhörer Rolf Schinski fiel der Ministerin ins Wort. Es müsse so sein, dass ein Kind ein Angebot besuche, und der Anbieter sich den Eintritt per Antrag von den Behörden zurückhole. Seiner Meinung nach solle an alle Eltern nur ein Drittel des heutigen Kindergeldes ausgezahlt werden. Von den Einsparungen könnten kostenloses Frühstück und Mittagessen sowie Getränke in Schule und Kita, Schulkleidung und Schulbücher finanziert werden, schlug der Braker Sozialdemokrat vor.

Den Vorschlag Reimanns, die Mobilität von Kindern und Jugendlichen über eine App zu steuern, über die beispielsweise Busfahrten direkt über ein Teilhabekonto abgerechnet würden, konterte Schinski umgehend: „Dann muss jeder ein Smartphone besitzen.“

Daran würde der Vorschlag nach Einschätzung Jens Pannemanns nicht scheitern. „Bei armen Familien gibt es sehr viele Handys.“ Die Bekämpfung der Armut beginne im Kopf. So sei im Blauen Elefant ein begabtes zehnjähriges Mädchen aus armen Verhältnissen gewesen, das nicht auf ein Gymnasium wechseln wollte, weil dort „nur Besserwisser“ seien. Außerdem würde sie sich nicht trauen, Gymnasiasten zu sich nach Hause einzuladen. Die selbst wenig gebildeten Eltern wollten die Entscheidung ihrem minderjährigen Kind überlassen. So könne es keinen Ausweg aus der Negativspirale geben, befand Pannemann.

Die Sozialdemokratin Ursula Schinski schlug vor, jedem Kind zur Geburt einen Zukunftsausweis zu überreichen. Dieser solle freie Busfahrten, einen Kita-Platz und ähnliche Dinge enthalten, die ein Kind bis zu seinem 18. Geburtstag aufbrauchen könne. Sie habe sich als Mutter von sechs Kindern auch einiges vom Mund absparen müssen. Damit ihr Nachwuchs sich nicht benachteiligt fühlte, habe sie den Schuhen ihrer Kinder per Edding einen dritten Strich hinzugefügt und sie so wie Markenartikel erscheinen lassen. Jens Pannemann bemängelte, dass die mittlerweile per Gesetz vorgeschriebene Kita-Beitragsfreiheit insbesondere Besserverdienenden zugutekomme. „Hartz-IV-Empfänger haben auch vorher nicht zahlen müssen.“ Karin Logemann erwiderte, dass viele Durchschnittsfamilien („Polizist, Frisörin, zwei Kinder, Wohnung zur Miete“) knapp über der Bemessungsgrundlage gelegen hätten und nun entlastet würden. Sie kündigte an, dass ihre Partei Mobilität kostenfrei machen wolle. Während Schüler bis zur zehnten Klasse Schulbusse umsonst nutzen könnten, müssten Oberstufen- und Berufsschüler zahlen. Dafür seien zu Zeiten ihrer mittlerweile erwachsenen Kinder bereits 75 Euro pro Kind und Monat angefallen.

Die Berufsschullehrerin Ioanna Terzi bat die Ministerin, dafür zu kämpfen, dass die Finanzierung der Hausaufgabenhilfe für benachteiligte Kinder nicht erst übernommen werden, wenn die Note 5 bereits im Zeugnis steht. „Förderung muss früher ansetzen.“ Der Lemwerderaner Sozialdemokrat Ewald Helmerichs wünscht sich eine vernünftige Ganztagsschule. „Wenn die Kinder dann nach Hause kommen, sind sie mit dem Lernen fertig für den Tag.“

Gitta Wendelken, die Leiterin des Lemwerderaner Horts, forderte die Ministerin und die Landtagsabgeordnete auf, die Horte zu erhalten. „Um dieselbe individuelle Förderung in den Ganztagsschulen zu schaffen, benötigen wir einen anderen Personalschlüssel“, betonte die Pädagogin. Die Sozialministerin räumte ein, dass „alles schön geregelt ist, solange die Kinder klein sind. Beim Übergang in die Schule gibt es dann oft Abbruchkanten, weil Hort oder Ganztagsschule fehlen.“

Sie verwies auf den ab dem Jahr 2025 geltenden Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung. Damit sich Familien für das für sie passende System entscheiden können, müsse es weiterhin Hort und Ganztagsschule geben. „Die aber auch gleich finanziert werden müssen“, warf Lemwerders Bürgermeisterin Regina Neuke ein.

Die BBS-Lehrerin Bettina Pargmann wagte einen Blick in die Zukunft. Damit Mütter in der von technischen Arbeitsplätzen bestimmten Wesermarsch einen Job finden, solle schon in der Grundschule begonnen werden, Mädchen für sogenannte Männerberufe zu begeistern.

Nur knapp 30 Interessierte hatten am Donnerstagabend den Weg in die Begu gefunden. Doch die hatten ein großes Interesse daran, über Kinderarmut und Auswege aus der Situation zu debattieren.

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