Bienensterben Imker: Wir brauchen mehr Natur

Die Anzahl der Bienen geht zurück. Neben dem Wetter machen Imker insbesondere die Landwirtschaft verantwortlich für das Bienensterben. Aber auch Gartenbesitzer können zur Artenvielfalt beitragen.
10.01.2018, 10:28
Lesedauer: 4 Min
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Von Ulla Uden und Barbara Wenke

Wesermarsch. Es ist paradox. Während es den Insekten in Deutschland immer schlechter geht und „Insektensterben“ zu den Schlagwörtern des Jahres 2017 gehörte, hat sich die Zahl der Imker in der Region in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Henning Wessels, Vorsitzender des Imkervereins Jade-Weser, sieht das als Folge des Wunsches, zu einer vielfältigeren Natur zurückzukehren.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die Masse der Fluginsekten in Deutschland im zurückliegenden Vierteljahrhundert um 75 Prozent zurückgegangen ist. Es gibt Gegenden in Deutschland, in denen man nachts mit dem Auto unterwegs sein kann, ohne dass ein Insekt gegen die Scheibe klatscht. Eine Generation zurück musste man nach einer nächtlichen Fahrt stets die Scheibe reinigen, weil etliche Insekten dagegen geflogen waren.

In der Wesermarsch ist die Situation zwar nicht ganz so negativ wie in den Zentren der deutschen Intensivlandwirtschaft, aber auch hier habe sich die Umwelt für Insekten stark verschlechtert, bedauert Henning Wessels. „Güllen, mähen, güllen, mähen – da bleibt für Insekten nicht mehr viel“, beschreibt er den Rhythmus intensiver Grünlandwirtschaft. Inzwischen werden manche Flächen fünf- bis sechsmal im Jahr geschnitten. Da blüht keine Blume mehr.

Walter Stöver aus Motzen ist seit mehr als 40 Jahren Imker. Er hält mehr als zwei Dutzend Bienenvölker. Auch er bedauert, dass die Landwirtschaft negativen Einfluss auf die Insekten ausübt. „An den Ackerrändern wächst nichts mehr für unsere Insekten“, hat der Kassenwart des Imkervereins Blumenthal erkannt. „Die Ränder sind viel zu festgefahren.“

Stöver plädiert dafür, einen Randstreifen vom Anbau auszunehmen. „Da wachsen dann genügend Pflanzen, die von unseren Bienen zu gebrauchen sind.“ Eine spezielle Ansaat für Bienen hält er für überflüssig. „Wenn unsere heimischen Pflanzen sich entwickeln, genügt das den Insekten.“

Eine knappe Handvoll Imker sind in Stedingen aktiv. Einer von ihnen ist Erich Prößler. Der Hobby-Imker aus Lemwerder sieht eine Teilursache des Insektensterbens ebenfalls in der Landwirtschaft. „Wir haben mittlerweile riesige Maisfelder. Aber Mais ist eine Frucht, die von Bienen nicht angeflogen wird. So gibt es immer weniger Fläche, die für Bienen interessant ist.“ Die Folge: Die Bienen leiden Hunger.

Für seine geringe Ernte im vergangenen Jahr macht Erich Prößler aber eindeutig das Wetter und nicht die Landwirtschaft verantwortlich. „Die Honigernte 2017 war erheblich geringer als die 2016. Das hängt mit der Witterung zusammen.“ Vergleichswerte mit früheren Jahren kann der Lemwerderaner nicht vorweisen. Er hat sein erstes Bienenvolk erst vor knapp fünf Jahren erworben.

Während der Obsternte im Frühjahr ­seien die Temperaturen niedrig gewesen, erinnert sich Prößler. Zudem habe es 2017 viel geregnet. „Diese Kombination führt dazu, dass die Bienen nicht fliegen. Auch keine Wildbienen.“ Im Spätsommer hätten dann kaum Blumen geblüht, resümiert der Hobby-Imker. „Da haben die Bienen keinen Honig eingetragen, sondern ihn aus den Waben wieder geklaut.“

Der Lemwerderaner ist überzeugt, dass Bienen mittlerweile in der Stadt mehr Nahrung finden als auf dem Land. „In der Stadt haben viele Menschen Blumen auf ihren Balkonen.“ Seine Bienenvölker in Lemwerder hätten zumindest eine bessere Sommertracht eingebracht als seine Bienen in Bardewisch. Dort stünden zwar zahlreiche Lindenbäume an den Straßen, doch hätten die im Jahr 2017 wenig Tau abgegeben.

Da es im Neubaugebiet kaum Obst­bäume gebe und die umliegenden Wiesen nur wenig blühen, seien einem Neu-Imker in Barschlüte zwei Bienenvölker fast verhungert, berichtet Prößler. „Der musste sehr früh zufüttern.“ Statt Honig zu entnehmen, werde Zuckerwasser gereicht.

Es gibt Förderprogramme, die Bauern finanziell unterstützen, wenn sie artenreiche Wiesen und Weiden bewirtschaften. Ein Förderprogramm gewährt Zuschüsse abhängig von der Zahl der Blühpflanzen auf einer Fläche. An diesem Programm beteiligen sich auch mehrere Bauern aus der Wesermarsch.

Der Vorsitzende des Imkervereins Jade-Weser, Henning Wessels, findet großen Gefallen an der Aussaat blütenreicher Wiesen, wie sie ein Landwirt an mehreren Standorten in Nordenham betreibt. Auch dafür gibt es eine finanzielle Förderung. „Wir brauchen mehr solcher Flächen“, betont Henning Wessels.

„Es muss in der Natur in der Vegetationsperiode kontinuierlich und vernetzt Nahrungsangebote für Insekten geben“, fordert der Vorsitzende des Imkervereins. Dazu könnten auch die Städte und Gemeinden mit ihren Grünflächen beitragen, indem sie zum Beispiel Blühstreifen anlegen, sagt er. Während die Imker ihren Honigbienen helfen können, indem sie zufüttern, seien die wild lebenden Insekten zwingend auf das Nahrungsangebot in der Natur angewiesen.

Walter Stöver aus Motzen betrachtet speziell angelegte Blühstreifen als Alibi. „Blühstreifen sehen schön bunt aus. Aber sie müssen auch gepflegt werden.“ Er wünscht sich vielmehr Gärten und Freiflächen, auf denen heimische Kräuter und Blumen wachsen. Franz-Otto Müller, Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) in der Wesermarsch spricht sich für Gärten mit zahlreichen Blühpflanzen aus. Die würden Insekten ausreichend Nahrung bieten – und damit auch Vögeln und Fledermäusen, die sich von Insekten ernähren. Doch der Trend gehe in die andere Richtung, bedauert der Naturfreund. Immer mehr Gärten seien ökologische Wüsten. „Mir werden zunehmend geschwächte Fledermäuse gebracht“, erläutert Franz-­Otto Müller, „offensichtlich Tiere, die nicht ausreichend Nahrung gefunden haben.“

Unterdessen wächst die Zahl der Imker weiter. 160 sind es inzwischen in der Wesermarsch und Umgebung. Tendenz steigend. Die beiden Schulungskurse, die der Imkerverein Jade-Weser im Jahr 2018 anbietet, sind mit 50 Teilnehmern bereits ausgebucht.

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