Nachmittagsbetreuung in Lemwerder

Eltern haben Vorbehalte

Um allen Kindern die gesetzlich vorgeschriebene Nachmittagsbetreuung anbieten zu können, will die Politik eine offene Ganztagsschule mit kooperativen Hort einrichten. Viele Eltern haben allerdings Vorbehalte.
28.11.2020, 07:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Eltern haben Vorbehalte
Von Barbara Wenke

Lemwerder. Im Vorfeld der Schulausschusssitzung am Donnerstagabend waren die Fronten verhärtet. Im sozialen Netzwerk war erbittert gestritten worden. Was würde die Einrichtung einer offenen Ganztagsschule mit kooperativem Hort bedeuten? Für die einen: die Abschaffung des Hortes. Für die anderen: eine bedarfsgerechte Betreuung für mehr Familien als bislang. Am Ende wurde gut zwei Stunden sachlich diskutiert.

„Jeder weiß, dass sich viel ändern wird. Aber wir wollen nicht den Hort kaputtmachen“, eröffnete der SPD-Fraktionsvorsitzende Meinrad Rohde die Diskussion. Ziel sei es, möglichst allen Eltern, die den Wunsch nach einer Nachmittagsbetreuung haben, diesen zu erfüllen – und sei es nur für einen Tag pro Woche.

Üblicherweise in einer Mehrheitsgruppe mit der SPD vereint, schert die CDU in der Hort-Frage aus. Fraktionsvorsitzender Wolf Rosenhagen plädierte dafür, aus den beiden vom Arbeitskreis für Bildung und Betreuung im Grundschulalter entwickelten Modellen (die offene Ganztagsschule mit kooperativem Hort oder Halbtagsschule mit Hortbetreuung am Nachmittag) das Modell C (offene Ganztagsschule plus Hort) zu machen. Diese Variante stieß jedoch bei Grundschulrektorin Eike Glimm auf Kritik: „Das Modell C würde die Arbeit des Arbeitskreises ad absurdum führen.“

Die Schulleiterin sprach sich für die Kooperation aus. „Es gibt immer mehr Eltern mit Sprachbarrieren. Die sind nicht in der Lage, Anträge zu stellen. Aber gerade diese Kinder können die Betreuung gebrauchen und in der Schule um einiges besser abgeholt werden.“

Anschließend unterbrach die Ausschussvorsitzende Monika Drees die Sitzung für eine Einwohnerfragestunde. Ein knappes Dutzend Eltern und Hortmitarbeiter nahm an der Sitzung im Ratssaal teil. Mehr waren aufgrund der derzeit geltenden Abstandsregeln nicht zugelassen. Ein weiteres Dutzend Interessierter verfolgte die Sitzung durch die offenen Fenster.

Gemeinde bleibt Träger

Eine Mutter interessierte, warum die Entscheidung über die Schulform mit der Standortfrage entschieden werden müsse. Zudem verwies sie auf eine sich ändernde Gesetzeslage. Eine Falschinformation, wie Bürgermeisterin Regina Neuke aufklärte. „Der Hort bleibt ein Hort nach dem niedersächsischen Gesetz über Kindertagesstätten und Kindertagespflege, weil die Jahresarbeitsstunden und nicht die Wochenarbeitsstunden berechnet werden.“ Zudem bleibe die Gemeinde Träger der Einrichtung. Keine Mitarbeiter müsste befürchten, nach einer Umwandlung weniger zu verdienen. „Dann bleibt ja alles beim Alten“, entfuhr es einem Vater im Publikum. Die Dringlichkeit der Schulformänderung erklärten die Politiker mit einer gezielteren Planung der Räumlichkeiten.

Derzeit betreut der Hort montags bis freitags in drei Gruppen 75 Kinder, die nach bestimmten Kriterien eine Platzzusage erhalten haben. Bis zum jahrgangsabhängigen Unterrichtsende um 12 oder um 13 Uhr bis längstens 17 Uhr sind die Kinder in der Einrichtung. Weil das Horthaus für alle zu klein ist, wurde eine Gruppe ausgelagert. Das geplante Campusmodell sieht drei ausreichend große Häuser für Grundschule, Begegnung und Hort vor.

Das Modell der offenen Ganztagsschule mit kooperativen Hort sieht eine Zusammenarbeit von Schule und Hort in rund neun Stunden der 25-stündigen Nachmittagsbetreuung vor – dienstags, mittwochs und donnerstags von Unterrichtsende bis 15.15 Uhr. In dieser Zeit finden ein gemeinsames Mittagessen, eine Hausaufgabenzeit und ein festes Angebot statt.

Offene Ganztagsschulen arbeiten mit externen Anbietern zusammen. Ratsherr Günter Naujoks (SPD) betonte, dass die Schule einen Kooperationsvertrag mit der Gemeinde als Träger des Hortes schließen könne. Er verwies auf Runderlasse des niedersächsischen Kultusministeriums. Die Betreuungspersonen seien in ihrer Arbeit selbstständig und sachlich verantwortlich, die Schule nicht weisungsbefugt. Sie fungiere nur als Organisator. Die Kinder könnten – unabhängig von ihrer Anmeldung als Hort- oder Ganztagsschulkind – in allen drei Häusern betreut werden. Schulischer Unterricht findet am Nachmittag nicht statt.

Einigen Eltern erschien das feste Angebot, für das sie ihre Kinder jeweils zu Schuljahresbeginn verbindlich anmelden müssen, als ein zu starres Korsett. Entscheidend ist jedoch das Konzept, das Schul- und Hortpädagogen zusammen aushandeln. Statt Fußball, Handball oder Tennis könnte ein Angebot Ballspiele heißen. Dann könnte die Sportart wöchentlich festgelegt werden.

Gesicherte Ferienzeiten

Fix wäre einzig der sportliche Aspekt. Weit gefasste Angebote könnten auch „Werkstatt“, „Experimente“ oder „stille Zeit“ lauten. „Wir wollen uns in das pädagogische Konzept in keiner Weise einmischen“, betonte Meinrad Rohde, dessen private Vision über das aktuelle Hortangebot hinausgeht: „Ich möchte einen Mittagstisch für alle.“

Für Kinder, die Betreuung an allen fünf Tagen in Anspruch nehmen, seien die Ferienzeiten gesichert, teilte Bürgermeisterin Regina Neuke mit. Für die Kinder, die einzig die tageweise Betreuung der offenen Ganztagsschule nutzen, gelte es, ein weiteres verlässliches Angebot für die schulfreien Zeiten zu entwickeln.

Der Ausschuss empfahl dem am 10. Dezember tagenden Rat mit acht zu drei Stimmen die Ganztagsschule mit kooperativen Hort auf den Weg zu bringen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+