39. Nikolausmarkt in Lemwerder

Nasskalt und doch gemütlich

Heißgetränke, in Stiefeln versteckte Süßigkeiten oder Kunsthandwerk: Der Nikolausmarkt in Lemwerder bietet für jeden etwas. Der eintägige Markt ist wie ein großes Familientreffen, bei dem jeder jeden kennt.
09.12.2018, 18:02
Lesedauer: 4 Min
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Von Alexander Bösch

Lemwerder. „Das ist immer so gemütlich hier.“ Die Freundinnen Irene Ehlers und Ilona Ehli sind begeistert. Sie sind Zugezogene, mittlerweile aber Stammgäste auf dem Nikolausmarkt in Lemwerder. Irene Ehlers aus Lübeck und die gebürtige Norwegerin Ilona Ehli, die lange Zeit in Ostfriesland lebte, freuen sich besonders auf selbst gestrickte Strümpfe und friesischen Krüllkuchen. „Den hat meine Mutter immer selber gemacht, der zerkrümelt beim Reinbeißen“, erinnert sich Ilona Ehli.

Trotz Schmuddelwetters, stürmischem Wind und immer wieder einsetzenden Regenschauern lassen sich die Besucher des 39. Nikolausmarktes keineswegs die gute Laune an der Traditionsveranstaltung verderben. Die Werbegemeinschaft hat wieder dafür gesorgt, dass die Stedinger Straße und der Platz vor dem Rathaus festlich glänzen.

Zu den ortsansässigen Vereinen, die in ihren anheimelnden Holzhütten die Versorgung mit Heißgetränken übernehmen, gehört neben dem Skatclub „Harten Lena“ und dem Hundesportverein Lemwerder auch die Faustballabteilung des Turnvereins. Heidi Hase und Carmen Bartelt haben gerade ihre zweistündige Schicht hinter sich. Nun wollen sie sich selbst einen Überblick verschaffen. „Besonders gut kommen Eierpunsch und ,Tote Tante' an„, fasst Hase ihren Dienst zusammen. “,Tote Tante' sagen die älteren Leute zu heißer Schokolade mit Schuss“, klärt sie noch auf, bevor sie verschwindet. Es übernehmen drei Mitglieder der Ersten Herren. „Wir sind auch hier ein Team“, stellt Lasse Kienast fest.

Am Stand nebenan bietet ein vierköpfiges Team der Landfrauen Berne-Stedingen heiße Getränke an. Gunda Rose muss zwischenzeitlich allerdings wieder auf den heimischen Hof. Melken. „Nachher ist Punschabend bei der Feuerwehr, dann komm ich wieder“, sagt sie lachend.

Für zusätzlichen – und durchaus erwünschten – Trubel sorgt die beliebte Stiefelaktion der Werbegemeinschaft. Am 1. Advent hatten zahlreiche Kinder ihr hohes Schuhwerk abgegeben. Ortsansässige Geschäftsleute füllten die Stiefel mit Süßem. Auf dem Nikolausmarkt können die jungen Besitzer samt Eltern suchen, wo das mit Naschwerk angereicherte Schuhwerk positioniert wurde.

René Hesemann ist samt Familie dabei. Sohn Thilo hat seinen Stiefel bereits in einem Glühweinstand erspäht, Neffe Elias ist noch auf der Suche. Mit Ehefrau Merle und dem eineinhalbjährigen Sohn Jasper geht es Richtung Budenstadt. Fischbrötchen und Glühwein stehen auf dem Plan. „Hier trifft einfach jeder jeden, allein durch die Kita gibt es viele Kontakte. Lemwerder ist halt ein Dorf“, freut sich René Hesemann.

Dorota Mrohs hatte gleich vier Stiefel abgegeben und kutschiert nun ihre Kinderschar in einem Fahrrad samt überdachtem Anhänger über den Markt. „Ich hatte den Tipp bekommen, dass es so etwas hier gibt“, sagt die gebürtige Polin.

Auch Knecht Ruprecht lässt sich blicken. „Ich wohne im Tannenweg und komme aus Himmelpforten, deshalb hat es auch zwei Tage länger gedauert“, scherzt „Nikolaus“ Ditmar Grotheer. Gerade feiert die weibliche A-Jugend der HSG Stedingen im angrenzenden Zelt ihr Tor gegen den SV Ofenerdiek. „Roller-Poller Rumpelsack, Niklas trug ihn huckepack, Weihnachtsnüsse gelb und braun, runzlig-punzlig anzuschauen“, lautet das Gedicht von Jana Lintzen. Für soviel Poesie bekommt die 17-Jährige prompt eine Tüte mit Naschwerk. Dass Trainerin Aenne Ohlenbusch den 74-Jährigen unter dessen Maskerade nicht erkennt, bereitet dem Rauschebart sichtliches Vergnügen. „Man muss vor allem schlagfertig sein – zum Beispiel, wenn man mal mit frechen Kindern zu tun hat“, sagt Grotheer, der auf dem Nikolausmarkt schon mal plattdeutsche Geschichten vortrug.

Plötzlich erklingt „Morgen Kinder wird’s was geben“ in einer Blasmusikversion. Der zehnköpfige Posaunenchor Lemwerder-Altenesch gibt sein Bestes. „Wir spielen den ganzen Tag an verschiedenen Orten, uns wird man so schnell nicht los“, scherzt Thorben Boyhksen. „Eigentlich könnte man die Stedinger Straße an diesem Tag überdachen, dann macht einem der Regen nichts aus“, sagt ein Biker-Fan, der unter dem Spitznamen „Chopper“ bekannt ist.

Einige Kinder entdecken im Schaufenster des Einrichtungshauses Rodiek derweil ihre Stiefel. Insgesamt 260 Stück haben die Kaufleute gefüllt und versteckt. „Für uns Einzelhändler ist der Markt eine gute Gelegenheit, Kunden ins Haus zu locken, die sich sonst nicht unbedingt zu uns verirren würden“, sagt Geschäftsführerin Anja Rodiek.

Heidrun Torunsky vom Wagen der Fleischerei Horn beobachtet den von zwei Pferden gezogenen Kremserwagen. Sechsmal pro Stunde ziehen Kutscher Gerd Ostermann und die Fjordpferde Herko und Haakon samt Gästen ihre Runde durch den Ortskern.

Mit Blick auf die Witterung gemütlicher ist es im Rathaus. Hier haben Hobbyhandwerker Stände aufgebaut. Zu den beeindruckenden Laubsägearbeiten von Elke und Werner Siems gehören zwei Meter hohe Weihnachtsmänner und überdimensionale Kerzen aus Holz.

Auch Anke Thölken beschäftigt sich seit 17 Jahren mit Laubsägearbeiten. Ihre charakteristischen Holzelche mit den vorwitzigen Hasenzähnen sind ein echter Hingucker. „Die laufen momentan aber nicht so gut, ich habe heute keinen einzigen verkauft“, bedauert die Lilienhalerin. Umso begehrter sind ihre in Serviettentechnik bemalten Konservendosen. „Die sind vorher noch nicht benutzt worden, sonst wäre es von der Deckelwölbung her nicht möglich, sie in dieser Form zu bemalen“, erklärt Thölken. „Toll, so etwas habe ich so noch nie gesehen“, haucht eine verzückte Marktbesucherin.

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