Lemwerder

Sanierungsgebiet Eschhofsiedlung

Soziale Stabilisierung ist ein wichtiger Teil des Gesamtprogramms, wenn es um die Sanierung und städtebauliche Erneuerung der Eschhofsiedlung geht. Der Anliegerbeirat nimmt aktiv Einfluss auf die Entwicklung.
18.10.2018, 15:11
Lesedauer: 4 Min
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Von Hannelore Johannesdotter

In der Eschhofsiedlung in Lemwerder herrscht seit zwei Jahren rege Bautätigkeit. Vor allem in der Thammo- und der St. Veitstraße geben sich die Gewerke die Klinken praktisch in die Hand. Kräftig rot leuchten mit neuen Pfannen gedeckte Dächer, schmucke pastellfarbene Häuserfassaden zeugen von frischen Wandanstrichen. Die Sanierungsmaßnahmen fallen besonders deshalb ins Auge, weil an vielen Gebäuden sehr lange nichts mehr gemacht worden ist. Bauliche Missstände machten die Siedlung, obwohl sie nahe am Ortszentrum gelegen ist, unattraktiv und führten zu zahlreichen Leerständen.

Es ist die Gemeinde Lemwerder selbst, die hier jetzt saniert. Im Jahr 2015 hat sie erreicht, dass die rund 16,9 Hektar große Eschhofsiedlung in das Programm „Soziale Stadt“ der Städtebauförderung von Bund, Land und Kommunen aufgenommen wurde. Dadurch sind Instandsetzungen und Modernisierungen des Gebäudebestandes förderwürdig geworden. Das Programm läuft bis 2025; auch private Eigentümer könnten davon profitieren. Der Fokus der Förderung liegt auf der Stabilisierung und Aufwertung städtebaulich, wirtschaftlich und sozial benachteiligter und strukturschwacher Stadt- und Ortsteile.

Die Eschhofsiedlung hat für die Gemeinde historische Bedeutung. „Hier zeigt sich gelebte Geschichte im Zusammenhang mit dem Flugzeugwerk“, begründet Bauamtsleiter Matthias Kwiske das städtebauliche Engagement der Kommune. Zwischen 1936 und 1938 wurden hier 62 Häuser mit je vier Wohneinheiten für die Werksangehörigen der Weser-Flugzeugbau GmbH, des viertgrößten deutschen Flugzeugwerks in der Zeit des Nationalsozialismus, errichtet. Die Gemeinde Lemwerder hatte 2013 extra die Eschhof GmbH gegründet, um knapp 50 Häuser zu erwerben. 90 Prozent der Anteile hält die Gemeinde, zehn Prozent die Wohnungsbau Wesermarsch mbH, die die Häuser verwaltet und jetzt auch die Sanierungen begleitet.

Viele Gebäude sind stark heruntergekommen, weil jahrzehntelang keine wesentlichen Investitionen mehr getätigt wurden. Die Gemeinde Lemwerder will die Bauten im Kern der Siedlung wegen ihrer charakteristischen Bauweise weitestgehend erhalten. Sie hat in der Thammostraße und der St.-Veitstraße mehrere Gebäude bereits instandgesetzt.

Nach Auskunft des Bauamtsleiters wurden sie zum Teil komplett entkernt, Türen und Fenster erneuert, Wände gedämmt, und neue Haustechnik installiert. Zur kontrollierten Lüftung der Wohnungen wurden Abluftanlagen eingebaut. „Es ist aber keine Luxussanierung geworden“, sagt Matthias Kwiske. Grundsätzlich werden nach der Sanierung auch die Mieten angepasst. Insgesamt soll durch die Sanierung aber weiterhin bezahlbarer Wohnraum in Lemwerder erhalten oder geschaffen werden. Da die Mietverträge sehr unterschiedlich seien, so Kwiske, könne keine Aussage über eine prozentuale Erhöhung getroffen werden. Insgesamt 15 Häuser an der Eschhofstraße wurden als nicht erhaltenswert eingestuft: Sie müssen abgerissen werden. Hier könnte, informiert Matthias Kwiske, künftig ein privater Geschoss-Wohnungsbau mit barrierefreien Miet- oder Eigentumswohnungen entstehen.

Als die Eschhofsiedlung in den 1930er-Jahren aus dem Boden gestampft wurde, zogen hier in kurzer Zeit Fachkräfte mit ihren Familien aus ganz Deutschland ein. Sie waren als Kollegen alle im gleichen Werk beschäftigt; ihre Kinder besuchten gemeinsam die Schule. Man kannte sich untereinander.

Dieses Sozialgefüge hat sich im Laufe der Jahrzehnte stark verändert. Deshalb ist die Beseitigung baulicher Missstände nur eine Seite der Sanierung. Die andere ist die Wiederbelebung einer intakten Nachbarschaft. Dazu gehört auch die Integration der Bewohner mit Migrationshintergrund, die etwa zehn Prozent ausmachen.

„Soziale Stadt“ heißt das Programm, das die Kontaktstelle, der „Eschhoftreff“, fördert. Den hat die Gemeinde gemeinsam mit den Johannitern in der Eschhofstraße 17 geschaffen. Es gibt dienstags, mittwochs und donnerstags Angebote: Frauentreff und Klönschnack, Sprechstunden und Bastelnachmittage. Bis auf das Mittagessen sind alle Angebote offen. Man kann spontan kommen. Quartiersmanagerin ist Susanne Woltjen von den Johannitern. Sie kommt aus der Flüchtlingshilfe und hat durch diese Arbeit Kontakt zu vielen Familien aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Sudan und Eritrea, die in Lemwerder Asyl gefunden haben.

Gern würde sie im Eschhoftreff noch weitere Angebote machen. Aber ihre Arbeitszeit hier ist begrenzt. Deshalb wünscht sie sich, dass sich Menschen ehrenamtlich im Treff engagieren. Sie könnten das Basteln leiten oder das neue Angebot „Deutsch lernen – leicht gemacht“ übernehmen. Auch gemeinsame Feste ließen sich mit ehrenamtlicher Hilfe organisieren. „Die ausländischen Bewohner fänden das toll“, weiß Susanne Woltjen. „Das würde viel an Integration bringen“, ist sie sicher.

Zurzeit bemüht sich Susanne Woltjen, die Bewohner der Eschhofsiedlung für den Anliegerbeirat zu interessieren. Das Gremium trifft sich alle zwei Monate und nimmt aktiv Einfluss auf die Pläne der Gemeinde. Das nächste Treffen ist für diesen Freitag, 19. Oktober, ab 18 Uhr geplant.

Bisher haben vor allem Bewohner jener Straßen davon Gebrauch gemacht, in denen durch Sanierungen viele Fragen aufgetaucht sind. Die Quartiersmanagerin würde sich wünschen, dass jetzt schon Bewohner der Bolko-, Eschhof- und Detmarstraße sowie der Schlesischen Straße dazukommen, die demnächst von Sanierungen betroffen sein werden.

Bürgermeisterin Regina Neuke hat den Eschhoftreff zur Chefsache gemacht. Sie war bisher bei jeder Zusammenkunft zu Gast und will auch am 19. Oktober wieder dabei sein. Dann wird sie eine Geschäftsordnung vorlegen, um die Arbeit des Anliegerbeirats zu strukturieren und damit effektiver zu machen. Susanne Woltjen kann die Teilnahme am Beirat nur empfehlen. „Das ist ein kurzer Weg zur Gemeinde“, erklärt sie. „Viele Dinge lassen sich hier sehr schnell regeln“, ist ihre Erfahrung.

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