Meine Woche

Zu viel Rotwein bei der virtuellen Weihnachtsfeier getrunken

Martin Michels ist Läufer bei der SG akquinet Lemwerder. Der 41-Jährige Michels war erst im vergangenen Jahr als neues Mitglied zur SGaL gestoßen und berichtet über eine spannende Woche.
22.12.2020, 13:38
Lesedauer: 6 Min
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Von KH
Zu viel Rotwein bei der virtuellen Weihnachtsfeier getrunken

Martin Michels

frei

Mittwoch, 16. Dezember: Heute beginnt der „harte“ Lockdown. Und leider werde ich meine Eltern, die am Niederrhein leben, diese Weihnachten wohl allenfalls kurz sehen. Das ist schade, denn ein ausgedehnter Heimatbesuch zum Jahresende hat mir eigentlich immer geholfen, abzuschalten. Dass ich aktuell aus dem Home-Office meinem Broterwerb nachgehen kann, empfinde ich als Segen. Allerdings bin ich auch froh, dass ich über die Feiertage und bis ins neue Jahr hinein Urlaub habe. Die Medienflut in Form zahlreicher Videokonferenzen, Telefonkonferenzen und Präsentationen verursacht auf Dauer in Kombination mit den komplett zurückgefahrenen sozialen Aktivitäten doch eine gewisse Erschöpfung. Daher plane ich, mein Smartphone und meinen PC zwischen den Jahren möglichst gar nicht zu nutzen. Als Trainingseinheit absolviere ich einen lockeren Halbmarathon. Dabei bestreite ich die erste Hälfte auf den Straßen von Sandkrug, die zweite Hälfte auf der Bahn. Bei einem Tempo von 4:15 Minuten pro Kilometer benötige ich 1:29 Stunden. Das Wetter ist perfekt, nicht zu kühl und trocken. Es ist immer wieder ein gutes Gefühl, wenn sich die Lungen mit frischer Luft füllen. Und es ist schön, dass ich dem Laufsport trotz Corona nachgehen kann. Eigentlich wollte ich noch ein paar Notfall-Medikamente in der Apotheke besorgen. Aber wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen sich dort im Moment die kostenlosen FFP2-Masken abholen wollen, nehme ich doch lieber, im wahrsten Sinne des Wortes, Abstand davon.

Donnerstag, 17. Dezember: Ich habe einen Startplatz für den Berlin-Marathon am 26. September ergattert. Allerdings ist die Freude gedämpft. Selbst wenn man 50000 Menschen am Tag gegen Corona impfen kann, wären im Herbst zehn Millionen immunisiert. Die schlimmsten Risikofälle wären geschützt. Aber reicht das? Das niedersächsische Vorgehen im Hinblick auf die halben Schulschließungen hinterlässt ein ungutes Gefühl und wirkt unüberlegt: Den Eltern zunächst die Wahlfreiheit zu übertragen, ob Kinder weiterhin zur Schule gehen oder ins Home-Learning wechseln möchten, überfordert Lehrer, Schüler und Eltern gleichermaßen. Lehrer bekommen kurz vor Weihnachten so noch einmal die Doppelbelastung von Online-Unterricht und -aufgaben. Eltern müssen sich entweder für die mutmaßlich effektivere Lernform und gegen Infektionsschutz oder umgekehrt entscheiden und haben den schwarzen Peter. Und unter Schülern bricht Unsicherheit aus, wenn die beste Freundin oder der beste Freund plötzlich nicht mehr zur Schule kommen darf. Was wäre an der Ansage: „Die Schulen sind zu – aber eine Notbetreuung wird gewährleistet“ so schlimm gewesen? Fünf bis zehn Tage weniger Schule machen noch kein Kind dumm. Als Training laufe ich eine Runde um den Ort im regenerativen Tempo, also 14 Kilometer in 1:03 Stunden. Ich genieße es, im Moment keine festen Zeitvorgaben zu haben und die Läufe rollen lassen zu können, bevor wir im Januar wieder richtig loslegen.

Freitag, 18. Dezember: Ich habe nicht zuletzt auch mit meinem Trainer Karl Spieler schon häufiger darüber diskutiert, was denn die wohl wichtigste Eigenschaft von Laufschuhen sei. Gerade habe ich ein Interview mit dem deutschen Spitzenläufer Richard Ringer gelesen, der in Valencia bei seinem Debüt über die Marathondistanz mit 2:10:59 Stunden die Olympia-Norm (2:11:30) unterboten hat. Ringer sagt, dass die ewige Bestenliste durch die neue Schuhtechnik gar nicht mehr vergleichbar sei, da ein Schuh mit eingebauter Carbonplatte, wie ihn mittlerweile fast alle Hersteller anbieten, einem Profi rund zwei bis drei Sekunden Vorteil pro Kilometer bringe. Die technologische Entwicklung bei Laufschuhen in den vergangenen drei Jahren ist abenteuerlich. Im reinen Trainingsbetrieb sollte man in der Regel weiterhin ausreichend gedämpfte und “gesunde”, aber eben oft auch schwere Schuhe verwenden. Gerade dann, wenn man viele Kilometer pro Woche zurücklegt, beugt man so Verletzungen vor. Im Wettkampf greift man dann eher zu weniger gedämpften und somit leichteren Exemplaren zurück, denn das Gewicht des Schuhs ist durchaus ein relevanter Faktor. Wenn man einen Marathon in drei Stunden läuft und dabei 180 Mal in der Minute den Fuß aufsetzt, bewegt man allein in Form der Schuhe, wenn sie je 300 Gramm wiegen, 9,7 Tonnen an Gewicht. Wenn die Schuhe nur je 200 Gramm wiegen, sind es nur 6,48 Tonnen! Um den Körper an die Belastungen durch die Wettkampfschuhe zu gewöhnen, halte ich es für sinnvoll, diese ab und zu auch mal im Training zu tragen. In diesen Schuhen leite ich mit einem ruhigen Halbmarathon das Wochenende ein.

Sonnabend, 19. Dezember: Gestern Abend fand die virtuelle Weihnachtsfeier meines anderen Vereins, TSG Hatten-Sandkrug, statt. Wir trafen uns für einige Stunden in einer Videokonferenz vor dem Computer. Dies war für eine Weihnachtsfeier natürlich ein ungewöhnlicher Rahmen, aber in Corona-Zeiten die einzige Möglichkeit, sich überhaupt zu sehen und ein wenig Gemeinsamkeit zu erleben. Rückblickend war es vielleicht ein Fehler, dass ich eine Flasche Rotwein neben den Computer gestellt hatte, denn ich habe definitiv zu viel getrunken. Aufgrund meines brummenden Schädels gehe ich das Training eher etwas widerwillig an. Erstaunlicherweise läuft es dann doch besser als erwartet. Der Kopf ist danach auch wieder frei. Ich weiß, dass viele sportbegeisterte Menschen ein eher asketisches Dasein fristen und versuchen, so gesund wie möglich zu leben. Meine persönliche Erfahrung ist aber, dass Salz, Fett und Zucker auch ihre Berechtigung in meinem Speiseplan haben und der Körper manchmal regelrecht danach verlangt. Die Dosis macht das Gift. Es gibt nichts Schöneres, als nach einem anstrengenden Wettkampf eine ordentlich belegte Pizza zu verdrücken. Und auch ein gutes Glas Rotwein tut manchmal gut. Eine ganze Flasche muss es dann aber doch nicht sein.

Sonntag, 20. Dezember: Der vierte Advent kommt schneller als erwartet. Doch bei Temperaturen um die zehn Grad kommt noch nicht so richtig Weihnachtsstimmung auf. Nur, wenn man im Dunkeln durch die Gemeinde zieht, deuten die vielen bunten Lichter und geschmückten Bäume das nahende Fest an. Einen Vorteil haben die Temperaturen ja für Läufer: Man kann immer noch mit kurzer Hose und T-Shirt nach draußen gehen, auch wenn man dann von einigen Menschen eher verwundert angeschaut wird. Während ich im Sommer lieber Musik und dabei meistens Heavy Metal oder Progressive Rock bei meinen Läufen höre, ziehe ich im Winter Hörbücher und Hörspiele vor. Ich greife dabei gerne zu den Klassikern aus meiner Kindheit, also die „Die drei ???“ und „TKKG“ zurück. Meine Tochter kann ich davon allerdings nur begrenzt überzeugen.

Montag, 21. Dezember: Ein schöner Brauch zum Jahresende sind im Laufsport die Silvesterläufe. Dieses Jahr werden sie leider nicht wie gewohnt stattfinden. Aber immerhin besteht die Möglichkeit, dass in Form sogenannter virtueller Läufe jeder für sich an einer Veranstaltung teilnimmt. Die Zeitmessung erfolgt dabei über GPS-Uhren. Die Zeiten werden mit Beweisfoto von jedem einzelnen Teilnehmer an den Veranstalter gemeldet. Ich selbst werde am Silvesterlauf Oldenburg über die zehn Kilometer teilnehmen. Der größte Unterschied zu normalen Rennen ist dabei die fehlende reale Konkurrenz. Dies führt dazu, dass es wesentlich schwerer ist, ein hohes Tempo zu halten. In einer echten Rennsituation fällt es durch die anderen Läufer und das Adrenalin wesentlich leichter, über sich hinauszuwachsen.

Dienstag, 22. Dezember: Es ist der letzte Arbeitstag vor meinem Winterurlaub. Also gilt es, den Schreibtisch sauber zu hinterlassen. Ich bin zufrieden, denn ich kann alles zu einem sauberen Abschluss bringen und daher entspannt in den Urlaub gehen. Die nächsten Tage werde ich mit meiner Familie dann endlich mal wieder ein paar Filme schauen. Dabei stehen alle drei Teile von „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ auf dem Programm. Ich freue mich auf die Ruhe und das gute Essen, für das wir schon alles Nötige eingekauft haben. Laufen werde ich trotzdem täglich, aber ohne Druck und ohne Ziel – ich wünsche allen schöne Feiertage...

Christina Recker, die Tennis-Spielerin aus der Damen-30-Formation und Schriftwartin des TV Schwanewede, wird als Nächste über ihre Woche berichten.

Info

Zur Person

Martin Michels (41)

ist Läufer bei der SG akquinet Lemwerder. Der Mathematiker ist verheiratet mit Isabel Michels, mit der er gemeinsam eine Tochter (12) hat. Die Familie wohnt in Hatten. Michels war erst im vergangenen Jahr als neues Mitglied zur SGaL gestoßen.

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