Nachwuchs im Nest in Deichshausen Seeadler-Nachwuchs in Deichshausen

Aufregung im Seeadler-Nest in Deichshausen: Das Vogelpaar, das dort seit 2017 brütet, hat erneut Nachwuchs bekommen.
19.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Georg Jauken

Gesehen wurde er noch nicht. Dennoch sind sich Hubert Reisch und Hartmut Drebing vom Naturschutzbund Nabu sicher, dass das in Deichshausen ansässige Seeadlerpaar erneut Nachwuchs bekommen hat. „Das Verhalten der Alttiere spricht Bände“, schreibt Drebing. „Sobald ein Junges geschlüpft ist, herrscht Aufregung am Nest und die stolzen Eltern bewundern ihr neuestes Werk vom Horstrand aus.“ So wie auf einem Foto, das Hubert Reisch am 9. April gelang. Zuvor hatte der Nabu beobachtet, dass das Seeadler-Weibchen am 27. Februar ihr erstes Ei gelegt hatte. Nach der üblichen 38-tägigen Brutzeit müsste das Junge am 6. April geschlüpft sein.

Es ist die fünfte Brutsaison des Seeadlerpaars in Deichshausen seit 2017. Für die Nabu-Beobachter ist sie etwas Besonderes. Wegen der Tiefbauarbeiten für die Erweiterung des Gewerbegebiets Edenbüttel in der Nähe des Horstes waren sie unsicher, ob die Arbeiten auf der Baustelle das Brutgeschäft der Seeadler womöglich beeinträchtigen würde. Tatsächlich erwies sich Drebing zufolge aber nicht der Baubetrieb als Problem, sondern die freiere Zugänglichkeit der Pappelschonung, in dem sich der Seeadlerhorst befindet. Wer mochte, konnte sich dem Horst über die provisorische Baustraße bis auf weniger als 150 Meter nähern, nachdem Gräben, Zäune und Tore die Neugierigen in den Vorjahren noch auf Abstand gehalten hatte.

Nabu-Mitglied und Greifvogelwart Franz-Otto Müller suchte daraufhin das Gespräch mit der Projektleitung des Tiefbauunternehmens sowie Vertretern der Gemeinde Lemwerder und des Landkreises Wesermarsch und erreichte, dass provisorische Barrieren aufgestellt wurden, um die für brütende Seeadler wichtige größere Fluchtdistanz von mindestens 300 Metern zum Horst wiederherzustellen und so die Störungen während der Brutphase durch Menschen zu reduzieren.

Ab nächste Woche, erwartet Drebing, dürften dann erstmals die Köpfe der Jungvögel zu sehen sein, wenn sie beim Betteln um Nahrung ihre Schnäbel aus dem tiefen Nest recken. Dann wollen die Seeadler-Freunde vom Nabu wieder aus sicherer Entfernung mithilfe von Fernglas und Teleobjektiv ganz genau hinschauen, wie viel Nachwuchs es diesmal gegeben hat. Mit dessen ersten ungelenken Flugmanövern ist laut Nabu ab Ende Juni zu rechnen.

Das Seeadlerpaar hatte sich vor fünf Jahren in den Pappeln in Deichshausen niedergelassen und seitdem Jahr für Jahr weiter an seinem Nest gebaut, wie aus einem Bericht von Franz-Otto Müller über die Wiederansiedlung des Seeadlers (Haliaeetus albicilla) in der Wesermarsch hervorgeht. 2017 stellte sich der erste Bruterfolg ein und das Seeadlerpaar zog einen Jungvogel auf. In den folgenden Jahren waren es jeweils zwei junge Seeadler und im Jahr 2020 sogar drei.

Die durch Jagd ab dem 17. Jahrhundert und - nach einer kurzen Erholungsphase - durch das Insektizid DDT in 1950er- und 1960er-Jahren in Westeuropa fast ausgerottete Art konnte sich erst nach dem DDT-Verbot ab Anfang der 1970er-Jahre langsam erholten. Mit 23 Brutpaaren wurde 2008 die bis dahin höchste Zahl an Seeadlern in Niedersachsen in neuerer Zeit erreicht. Bis dahin besiedelten Seeadler allerdings nur die östlichen Landesteile. Die erste Wiederansiedlung eines Seeadlerpaares in der Wesermarsch wurde 2013 in Neuenfelde westlich von Elsfleth beobachtet. In einem Pappgehölz in der Nähe eines Fischteichs hatte sich das Paar in einer Baumkrone in 15 Metern Höhe einen Horst gebaut und zog drei Junge auf. Die Verfügbarkeit seiner hauptsächlichen Nahrung, Fische und Wasservögel, dürfte den Ausschlag für die Standortwahl gegeben haben, vermutet Müller.

Im Herbst 2010 war in der Gemeinde Stadland im Rahmen einer Biotop-Kartierung für die Planungen der Autobahn A 21 ein Seeadlerpaar entdeckt worden, das sich offenbar auf Reviersuche befand und mit dem verlassenen Horst eines Mäusebussards in einer Pappelreihe liebäugelte. Nach einigen Tagen verließen die Vögel das Gebiet jedoch wieder und wurden auch im größeren Umkreis nicht mehr gesehen. Die Seeadler von Neuenfelde blieben ihrem Standort treu. Inzwischen haben sie dort 23 Jungvögel großgezogen.

Die Hoffnung der Experten auf eine weitere Ansiedlung konzentrierte sich in der Folgezeit auf den Harriersand, den Elsflether Sand, den Rönnebecker Sand und die Juliusplate. Dort gibt es ihrer Einschätzung nach die besten Voraussetzungen für einen Brutplatz. Im Dezember 2018 entschied sich ein brutreifes Seeadlerpaar allerdings anders und ließ sich in einem kleinen Pappelgehölz in Neuenhuntorf westlich von Berne inmitten intensiv genutzten Grün- und Ackerlandes nieder. Auch dieses Paar nutzte den verlassenen Horst eines Mäusebussards, baute ihn aus und zog dort 2019 und 2020 jeweils ein Junges auf.

Weitere Seeadlerreviere in der Wesermarsch gibt es nicht, aber eines gleich hinter der Landkreis-Grenze. In der zu Varel gehörenden Ortschaft Hohelucht unweit von Jaderberg begann Ende November 2016 ein Seeadlerpaar einen verlassenen Mäusebussard-Horst weiterzubauen. Im April 2017 schlüpften die ersten zwei Jungvögel. Im folgenden Herbst fiel der Baum dem Sturm Xavier zum Opfer. Das Seeadlerpaar baute ein paar Meter weiter einen neuen Horst und zog dort 2018 und 2019 jeweils zwei Junge auf.

Ein Frühjahrssturm im Jahr 2019 zerstörte auch diesen Horstbaum. Ein Jungvogel flog bereits. Das andere Junge wurde von den Altvögeln auf dem Boden weiter versorgt, bis es ein paar Tage später ebenfalls fliegen konnte. Das Seeadler-Paar bliebt dem Pappelwäldchen treu und baute ein neues Nest. 2020 gab es dort keinen Nachwuchs. Die gegen Störungen empfindlichen Seeadler brachen die Brut Mitte März ab, nachdem Landwirte am Gehölzrand in 50 Meter Entfernung zum Horst mehrere Stunden lang Sägearbeiten durchgeführt hatten.

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