Lemwerderaner Facebook-Gruppe Treffen im richtigen Leben

Die Facebookgruppe „Ortsgespräch“ will sich aus dem Internet lösen und ins reale Leben eintauchen. Dafür hat sie Fördergelder eingeworben. Die offenen Begegnungen werden in der Begu stattfinden.
18.06.2019, 17:36
Lesedauer: 3 Min
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Treffen im richtigen Leben
Von Barbara Wenke

Lemwerder. „Wir gehen aus dem Internet raus ins reale Leben“, sagt Oliver Hildebrandt. Neudeutsch könnte man sagen: Facebook goes real life. Was gerade in Lemwerder geschieht, ist beispielhaft und wird deshalb von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert.

Im Februar 2016 hatten Hildebrandt und ein Mitstreiter die Facebookgruppe „Lemwerder Ortsgespräch“ gegründet. Mit Bürgern über ihre Gemeinde ins Gespräch kommen, so lautete die Intention. Was findet statt? Was läuft toll? Wo gibt es Verbesserungsvorschläge. „Wir haben jeden Tag eine Presseschau. Es werden Veranstaltungen, die in Lemwerder stattfinden, gepostet. Und die Mitglieder stellen alles zur Diskussion, was sie bewegt“, beschreibt Hildebrandt die geschlossene Gruppe, der mittlerweile mehr als 1700 Mitglieder angehören.

Einen Shitstorm, also das lawinenartige Auftreten negativer Kritik gegen eine Person oder ein Unternehmen, gibt es im Ortsgespräch selten. Sollte es doch mal dazu kommen, wird der „Sturm“ unterbunden. Admins, Personen die die Gruppe hinter den Kulissen betreuen, greifen ein, wenn die Stimmung zu eskalieren droht. „Manchmal regelt die Gruppe das aber auch selbst, sodass gar keine Admins mehr eingreifen müssen“, sagt Lena Gutjahr, die vor einigen Wochen mit einer Handvoll weiterer Personen Hildebrandts Aufruf folgte, sich nicht nur virtuell, sondern auch im realen Leben zu treffen. Ihr Ziel: die Ortsgespräche aus dem Internet in real existierende Treffpunkte befördern. Am 2. November soll das erste organisierte Treffen in der Begegnungsstätte Lemwerder stattfinden.

Den Ausschlag für die Idee hat die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) gegeben, genauer: der von ihr initiierte Ideenwettbewerb „Miteinander reden: Gespräche gestalten – Gemeinsam handeln (2018-2020)“. Unter diesem Motto suchte die Bundeszentrale „Ideen zur Gestaltung neuer Formen von lebendiger und streitbarer Gesprächskultur im ländlichen Raum“. Ins Zentrum der gesellschaftlichen Auseinandersetzung soll dabei das respektvolle Miteinander rücken.

Hildebrandts Interesse war geweckt, Mitstreiter schnell gefunden. Bewerben konnten sich Orte, Ortsteile und Städte mit weniger als 15 000 Einwohnern. Die aus dem „Lemwerder Ortsgespräch“ entstandene Initiative #Lemwerderschnacktundmacht hat es mit ihrer Bewerbung unter die 100 förderfähigen Bewerber geschafft. Die Bundeszentrale war begeistert. „Wir gehören zu den 24 Projekten mit dem höchsten Fördersatz“, stellt Oliver Hildebrandt stolz fest. Dabei hatte das Organisationsteam in seiner Bewerbung überhaupt keine finanzielle Forderung aufgestellt.

Nun gibt es laut BPB-Homepage also 12 000 Euro an Unterstützungsleistungen für Projektmanagement, Beratung und Prozessbegleitung sowie Fördermittel für kleine, mittlere und größere Projekte. Oliver Hildebrandt selbst hatte die Fördersumme bei einem Pressegespräch in kleiner Runde nicht genannt. „Dann haben wir eine Diskussion übers Geld. Das wollen wir nicht.“ Vielmehr gehe es darum, über Projekte zu schnacken.

#Lemwerderschnacktundmacht wird das Fördergeld in eine professionelle externe Moderation investieren. Mit ihrer Hilfe wollen die Lemwerderaner ein neues Veranstaltungsformat ausprobieren: das Barcamp. Barcamps sind offene Veranstaltungsformate, zu deren Beginn sowohl die Inhalte als auch der Ablauf der Tagung noch offen sind. Beides wird erst vor Ort von den Teilnehmern festgelegt.

An drei Sonnabenden (2. November 2019, 15. Februar und 12. September 2020) soll in der Begu gefrühstückt und über Themen diskutiert werden, die den Lemwerderanern unter den Nägeln brennen. Sollte wegen des unerprobten Formats wenig von außen eingebracht werden, „hätten wir Themen aus dem Ortsgespräch parat“, verspricht Hildebrandt. Brötchen und Getränke stellt der Veranstalter. Den Rest bringen die Teilnehmer mit. Anmeldungen nimmt die Begu unter Telefon 04 21 / 68 86 10 entgegen. Letztlich sollen aus dem Schnacken heraus Projekte entstehen. Für deren Finanzierung hat Hildebrandt die Gemeindestiftung ins Visier genommen.

#Lemwerderschnacktundmacht möchte Neues in Bezug auf Begegnung und Kommunikation versuchen. „Ich könnte mir einen Livestream ins Altenheim vorstellen und von dort aus eine Leitung zurück. Dann müssten die Senioren, wenn es ihnen schwerfällt, nicht in die Begu kommen und können trotzdem dabei sein“, sagt Torsten Schröder vom Organisationsteam. Abschließend fasste Oliver Hildebrandt zusammen: „Es geht um Begegnung; dass Leute ihre Themen frei mitbringen können und den Raum vorfinden, um darüber zu schnacken und miteinander ins Machen zu kommen.“ Am Sonnabend, 2. November, um 9 Uhr geht es los.

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