Weser Side Gallery

Kreativ mit der Sprühdose

Teilnehmerinnen eines Graffiti-Workshops haben einen Abschnitt der Weser Side Gallery in Lemwerder neu gestaltet. Das ursprüngliche Motiv war durch Vandalismus zerstört worden.
10.05.2021, 07:00
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Von Daniela Schilling
Kreativ mit der Sprühdose

Die Frauen sprühen ein sogenanntes Writing, einen kunstvoll gestalteten Schriftzug, der aus mehreren Ebenen zusammengesetzt ist. Er lautet „Qween D’chor“ und soll zum Interpretieren einladen.

Christian Kosak

Lemwerder. Die Sonne scheint an diesem Sonnabendmittag in Lemwerder. Direkt an der Weser weht ein leichter Wind und es ist immer noch überraschend kühl für einen Mai-Tag. Das hält eine Gruppe von Frauen jedoch nicht davon ab, sich mit Sprühdosen bewaffnet auf der Spundwand am hinteren Teil der sogenannten Weser Side Gallery künstlerisch zu betätigen. Zu der Aktion eingeladen hat Mia Himme. Gemeinsam mit ihrem Mann bietet sie Graffiti-Workshops für Kinder und Erwachsene an.

Ob Schul-AG, Teambuilding oder Arbeit mit beeinträchtigten Kindern: Durch ihre Angebote sollen die Teilnehmer die Chance bekommen, sich auszuprobieren, etwas Neues kennenzulernen und kreativ zu werden. Die Möglichkeit auf einer Wand zu sprayen, sei etwas ganz Besonderes, berichtet Himme. „Das hat man nicht immer. Oft arbeiten wir auf Leinwänden. In diesem Fall war die Wand aber frei und wir durften sie für unser Projekt nutzen.“

Dass die Fläche am Ende der sogenannten Weser Side Gallery frei war, liegt nicht etwa daran, dass sie nicht zum Kunstprojekt der Begegnungsstätte (Begu) gehörte. Vielmehr zählt sie zu einem von mehreren Abschnitten, deren eigentliches Motiv durch Vandalismus zerstört wurde. Auch gibt es Areale, die freigegeben werden, weil das aufgebrachte Bild die Veranstalter nicht überzeugt hat. In solchen Fällen werden die betreffenden Teilabschnitte grundiert und können im Rahmen von Kunstprojekten und kulturell-sozialen Aktionen neu gestaltet werden.

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Vor der Spundwand stehen mehrere Dutzend Spraydosen in allen möglichen Farb-Nuancen. Ein Teil der Farben findet sich auch auf der Kleidung der Teilnehmerinnen wieder. Drei Meter ist der Abschnitt hoch, der besprüht wird und doppelt so breit. Steht man direkt davor, geht der Überblick über das Gesamtmotiv schnell verloren. “Man muss immer mal wieder Abstand nehmen vom Objekt, um daran weiterarbeiten zu können“, erklärt Birgit Jaklin und tritt ein paar Schritte von der Spundwand zurück. Die Lemwerderanerin arbeitet gemeinsam mit sieben anderen Teilnehmerinnen an dem Graffiti. Die Frauen aus Lemwerder, Bremen und Ganspe sprayen das erste Mal. „Am Anfang ist man schon etwas aufgeregt, aber wenn man einmal angefangen hat, läuft es irgendwann wie von selbst“, sagt Anke Klautke.

Bei dem Motiv handelt es sich um ein sogenanntes Writing, also einen kunstvoll gestalteten Schriftzug, der aus mehreren Ebenen zusammengesetzt ist. Er lautet „Qween D’chor“ und soll zum Interpretieren einladen. „Graffiti gilt immer noch als Männerdomäne und die besten ihres Faches nennen sich King“, erklärt Anke Klautke. „Also haben wir das aufgenommen und wollten mit Queen die Frauen in diesem Bereich sichtbar machen.“ Generell sei das Motiv jedoch auf verschiedenen Ebenen lesbar, erläutert Klara Linde. „Die Schreibweise mit dem ,w' gibt dem Ganzen noch mal eine andere Bedeutung“, so die Studentin über die Idee hinter dem Motiv.

Mit dem Element „D’chor“ wurde dem Lemwerderaner Damenchor d'aChor ein Zeichen gesetzt. Gleich drei Teilnehmerinnen sind dort aktiv und vermissen das gemeinschaftliche Singen. „Wir waren mit die Ersten, die aufgrund von Corona aufgehört haben zu proben“, berichtet Birgit Jaklin. Zeit, die gefüllt werden will, denn nicht nur aufgrund der ausfallenden Proben und Konzerte suchte die 59-Jährige nach einer Abwechslung. „Normalerweise sind die Wochenenden immer verplant, aber jetzt hat man seit Monaten nicht wirklich etwas zu tun. Da ist es schön, wenn man die Möglichkeit hat, etwas Neues auszuprobieren und rauszukommen.“ Klara Linde dagegen hat sich für den Workshop extra Zeit frei gemacht. „Als Vollzeitstudentin im Homeoffice ist es zum Teil sehr stressig, aber als ich das Plakat mit der Veranstaltung gesehen habe, wollte ich unbedingt mitmachen."

Mia Himme ist zufrieden mit der Resonanz auf den Workshop und kann sich vorstellen, im Sommer noch mal etwas Ähnliches anzubieten. „Viele Eltern, deren Kinder bei uns einen Kurs besucht haben, haben gefragt, ob wir das Gleiche nicht auch für Erwachsene machen können“, so Himme. „Vielleicht trauen sich ja jetzt auch diejenigen, das Sprayen auszuprobieren, denen vorher der Mut fehlte. Sicher wird es einen solchen Workshop noch mal geben, wenn sich eine Wand findet.“

Info

Zur Sache

Die Weser Side Gallery

An der Flughafenstraße, direkt am Aussichtsturm „Weitblick“, beginnt die Weser Side Gallery. Die Freiluftgalerie, die nach Angaben der Gemeinde Lemwerder zu den größten des Landes gehört, erstreckt sich auf knapp einem Kilometer Länge auf einer Hochwasserschutzwand entlang des ehemaligen Flughafengeländes. Sie entstand 2018 im Rahmen des Farbflut-Festivals, an dem sich mehr als 200 lokale und internationale Street-Art-Künstler beteiligten. An drei Tagen wurden knapp 100 Motive auf die vormals graue Wand auf Höhe des früheren ASL-Geländes gebracht. Darunter sind Werke von Sprayern aus ganz Deutschland sowie aus Frankreich, Kolumbien und anderen Ländern. Veranstaltet wurde das Festival von einer Gruppe Bremer Kulturschaffender mit der Unterstützung der Begegnungsstätte Lemwerder.

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