Verwandt mit Bronzezeitmenschen im Südharz

68-Jähriger gehört zur längsten Stammbaumlinie der Welt

Die Ahnentafel des Lehrers Manfred Huchthausen reicht bis in die Bronzezeit zurück: Seine Gene stammen mit denen der Menschen überein, die vor 3000 Jahren in der Lichtensteinhöhle bestattet wurden.
17.09.2017, 21:14
Lesedauer: 3 Min
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Von Heidi Niemann
68-Jähriger gehört zur längsten Stammbaumlinie der Welt

Manfred Huchthausen neben der Büste seines Vorfahrens aus der Bronzezeit.

Heidi Niemann

Eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten im Südharz ist das Höhlenerlebniszentrum in Bad Grund. Jedes Jahr besuchen etwa 70.000 Menschen das Höhlenmuseum mit der angrenzenden Iberger Tropfsteinhöhle. Einer der häufigsten Besucher ist Manfred Huchthausen. Der 68-Jährige hat eine ganz besondere Beziehung zu dem Museum: Der ehemalige Berufsschullehrer begegnet dort seinen Vorfahren. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine prähistorische Großfamilie, die vor etwa 3000 Jahren in der rund 15 Kilometer entfernt liegenden Lichtensteinhöhle bestattet worden war. Vor zehn Jahren hat Huchthausen erfahren, dass er ein direkter Nachfahre dieses bronzezeitlichen Familienclans ist. Göttinger Wissenschaftler hatten dies damals bei einem spektakulären Gentest ermittelt. Der 68-Jährige gehört damit zur längsten bekannten Stammbaumlinie der Welt.

Seitdem er um diese lange Familiengeschichte weiß, sieht Manfred Huchthausen seine Heimat mit anderen Augen an: „Das ist schon ein ganz besonderes Erlebnis, dass man seine Vorfahren soweit zurückverfolgen kann“, sagt der 68-Jährige. Anfang der 1980-er Jahre hatten Forscher in der Lichtensteinhöhle zunächst 40 Skelette aus der Bronzezeit entdeckt. Die Höhle gilt seitdem als eine der bedeutendsten urgeschichtlichen Fundstätten in Mitteleuropa. Die Zähne und Knochen waren so gut erhalten, dass Wissenschaftler vom Institut für historische Anthropologie in Göttingen nicht nur genetische Fingerabdrücke der einzelnen Individuen erstellen, sondern auch die verwandtschaftlichen Beziehungen über mehrere Generationen nachvollziehen konnten.

Huchthausen sieht dem Bronzezeit-Mann tatsächlich ähnlich

Vor zehn Jahren starteten die Göttinger Spezialisten ein weiteres spektakuläres Forschungsprojekt: Die Wissenschaftler wollten herausfinden, ob es unter den heutigen Bewohnern im Südharz Nachfahren der prähistorischen Großfamilie gibt. Ihr Aufruf stieß auf eine große Resonanz. Mehrere hundert Menschen stellten sich für die DNA-Untersuchungen zur Verfügung und gaben ihre Speichelprobe ab. Die Gen-Typisierungen ergaben, dass zwei Teilnehmer von Mitgliedern der Bronzezeitfamilie abstammen. Beide wohnen nur wenige Kilometer von der Lichtensteinhöhle entfernt. Manfred Huchthausen lebt im Südharzer Dorf Förste. Der zweite Nachfahre, der Katasteramtsmitarbeiter Uwe Lange, wohnt im Nachbardorf Nienstedt.

Im Höhlenmuseum können sich die Besucher einen Eindruck von der archäologischen Erforschung der Lichtensteinhöhle verschaffen und den ältesten bekannten Stammbaum der Menschheitsgeschichte nachverfolgen. Huchthausen ist ein Nachfahre jenes Bronzezeitmenschen, den die Wissenschaftler als „M1“ bezeichnet haben.

In mehreren Vitrinen sind auch plastische Rekonstruktionen der prähistorischen Südharzbewohner zu sehen. Manchmal stellt sich Huchthausen neben die lebensechten Büsten, die mit Hilfe moderner kriminalistischer Methode erstellt wurden. Das Verblüffende dabei: Er sieht dem Bronzezeit-Mann mit den langen, dunklen Haaren und dem Vollbart tatsächlich ähnlich.

Arzt erkundigte sich nach Nachwuchs

Als vor zehn Jahren die sensationellen Forschungsergebnisse bekannt wurden, konnte sich Huchthausen vor Interviewwünschen der Medien kaum retten. „Ich war die ganzen Sommerferien damit beschäftigt“, erzählt der Berufsschullehrer, der inzwischen im Ruhestand ist. Außerdem gab es diverse Anfragen von Menschen, die meinten, dass sie mit ihm verwandt seien. Nachforschungen ergaben, dass dies in einigen Fällen stimmte. „So wird der Kreis um M1 immer größer“, schmunzelt Huchthausen. Es gab aber auch skurrile Anfragen, erzählt Huchthausen. So habe sich beispielsweise ein Arzt erkundigt, ob seine Kinder denn Nachwuchs hätten. Es müsse doch sichergestellt werden, dass die Linie nicht aussterbe. Huchthausen gab ihm freundlich zu verstehen, dass dies wohl kaum seine Angelegenheit sei.

Bei der Erforschung der Familiengeschichte gibt es immer wieder neue Erkenntnisse. In den vergangenen Jahren haben die Wissenschaftler weitere Funde in der Lichtensteinhöhle gemacht. Inzwischen gehen sie davon aus, dass in der Höhle mindestens 60 prähistorische Südharzbewohner bestattet wurden.

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