Jubiläum Von Grünkohl bis Hochdeutsch: Was ist typisch für Niedersachsen?

Das Land Niedersachsen feiert seinen 75. Geburtstag. Was macht es aus, wofür steht es? Es gibt Klischees, Mythen, Besonderheiten und auch Ober- und Untersachsen, die aber gar nicht in Niedersachsen wohnen.
30.10.2021, 12:13
Lesedauer: 3 Min
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Von Von Helmut Reuter und Mia Bucher, dpa

Die Niedersachsen essen jedes Jahr kilogrammweise Grünkohl, fahren am liebsten ein Auto aus dem eigenen Bundesland und sprechen in Hannover das lupenreinste Hochdeutsch – ob das alles stimmt? Sieben Aussagen etwas näher betrachtet: 

Hochdeutsch-Zentrum Hannover?

Es ist seit etwa 200 Jahren eine weit verbreitete sprachliche Behauptung: In und um Hannover wird das „beste/reinste“ Hochdeutsch gesprochen. Diese Aussage kennen laut Umfrage immerhin 51 Prozent der Deutschen. Ob es aber wirklich zutrifft, untersuchen seit Januar 2020 Wissenschaftler der Leibniz Universität Hannover in dem Drei-Jahres-Projekt „Die Stadtsprache Hannovers“. Sprachaufnahmen von Hannoveranerinnen und Hannoveranern und sprachbiografische Interviews werden mit aktuellen linguistischen Methoden analysiert und ausgewertet. Bis Ende 2022 könnte es dann konkretere Antworten darauf geben, wie hochdeutsch die Sprache in Hannover wirklich ist. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Grünkohl-Land Niedersachsen?

Es stimmt: In Niedersachsen wird bundesweit der meiste Grünkohl geerntet. 8700 Tonnen waren es 2020 – knapp die Hälfte der Gesamternte in Deutschland. Dieses Jahr hat sich das Gemüse, das auch als Braun-, Blätter- oder Winterkohl und humorvoll als „Oldenburger Palme“ bezeichnet wird, gut entwickelt, wie die Landwirtschaftskammer Niedersachsen zu berichten weiß. Grünkohl gilt als niedersächsisches Kulturgut, nicht nur wegen der allseits beliebten Kohltouren. Es gibt auch einen Oldenburger Grünkohlkönig. Und gesund ist es auch noch. Grünkohl ist reich an Mineralstoffen (Kalium, Calcium, Phosphor, Magnesium, Natrium, Eisen), Vitaminen (A, C) und Eiweiß.

Pferde-Land Niedersachsen?

Das Land trägt das Pferd – oder besser das Ross – nicht nur in seinem Wappen. Es ist auch ziemlich oft auf Weiden, Reitwegen und in Ställen anzutreffen. Insgesamt 204.000 registrierte Pferde gibt es in Niedersachsen, das im Bundesländervergleich die meisten Pferdezüchtervereinigungen aufweist. Das konnte man auch im Sommer in Tokio sehen. Schließlich waren es ein Hannoveraner und ein Oldenburger Rassepferd, die mit ihren Reiterinnen für Deutschland die Goldmedaille im Dressurreiten gewannen. Hochachtung vor Pferden hat man natürlich in Verden, wo das Deutsche Pferdemuseum dem Leitspruch „Gaudemus equis“ („Wir haben Freude an Pferden“) folgt. Das bekommen auch Fußgänger zu spüren. Auf Gehwegplatten, die vom Museum in die Innenstadt führen, sind 500 Messinghufeisen in den vier Pferdegangarten Schritt, Trab, Galopp und Renngalopp eingelassen.

Auto-Land Niedersachsen?

Aber in Niedersachsen ist man nicht nur zu Pferde, sondern vor allem auch motorisiert unterwegs. Die Automobilwirtschaft spielt mit Europas größtem Autobauer Volkswagen in Wolfsburg eine bedeutende Rolle. Sie ist die wichtigste Industriebranche in Niedersachsen und mit rund 120.000 Direktbeschäftigten, von denen die Hälfte im Bundesland arbeitet, der größte industrielle Arbeitgeber. 1945 rollte der erste VW-Käfer in Serienproduktion vom Band. Bis 2002 blieb er der meistverkaufte Wagen der Welt. Heute sollen die neuen Autos von VW vor allem autonomer und umweltfreundlicher werden.

Windrad-Land Niedersachsen?

Der Wind bläst ordentlich in Niedersachsen. Ein Grund, warum dort 6352 Windenergieanlagen (2020) an Land stehen. Damit hat das Bundesland im Vergleich die meisten sogenannten Onshore-Windräder. Das Land ist „verspargelt“, finden viele Kritiker. Der Umweltminister will noch deutlich aufstocken, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Künftig sollen mehr Flächen für Windräder zur Verfügung stehen und moderat auch Waldflächen genutzt werden. Ab 2030 sollen 2,1 Prozent der Landesfläche für die Windenergie nutzbar sein; bis dahin sind 1,4 Prozent vereinbart.

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Insel-Land Niedersachsen?

Den Titel größtes Flächenland muss Niedersachsen (47.600 Quadratkilometer) als Zweitplatzierter zwar klar an Bayern (70.500) abgeben – aber die Bayern haben keine Inseln im Meer. Ganz anders Niedersachsen, wo der leicht anzügliche Merkspruch „Welcher Seemann liegt bei Nelly im Bett?“ einen Hinweis gibt auf die sieben Ostfriesischen Inseln Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist und Borkum. Nur das „J“ von Juist wurde behelfsweise zum „I“. Zugegeben: Der Norden ist geografisch bedingt klar im Vorteil bei den Meer-Inseln. Schleswig-Holstein hat sieben Inseln, zudem viele Halligen und mit Helgoland die einzige Hochseeinsel und in Mecklenburg-Vorpommern liegt die mit Abstand größte Insel Rügen.

Gibt's eigentlich auch Obersachsen?

Ja, aber deren Zahl ist eher überschaubar. Es gibt acht Millionen Niedersachsen, aber nur wenige Ober- und noch weniger Untersachsen. Denn beides sind idyllisch gelegene Ortsteile der bayerischen Gemeinde Diespeck im Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim. Und dort gibt 123 Obersachsen und 88 Untersachsen.

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