Endstation Hastedt: Aufsteigende Fische finden die Treppe nicht, absteigenden droht der Tod im Weserkraftwerk

Aale sollen Taxi fahren

„Das ganze Ding hätte nie gebaut werden dürfen.“ Jens Salva, Fischereibiologe Hannover·Bremen.
06.02.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Aale sollen Taxi fahren
Von Justus Randt
Aale sollen Taxi fahren

Rolf Libertin vom Landesfischereiverband Bremen hält die Fischtreppe für zu eng.

Frank Thomas Koch

Ob Aal, Flussneunauge, Lachs oder Meerforelle – alle Wanderfische sind dann mal weg, wenn sie am Weserkraftwerk ankommen. Der Fischpass in Hastedt „ist eine Katastrophe“, sagt Heinz Pyka. Mit der Einschätzung steht der Vizepräsident des niedersächsischen Landessportfischerverbandes (LSFV) längst nicht allein da.

„Das ganze Ding hätte nie gebaut werden dürfen“, ist Jens Salva, Fischereibiologe im Sportfischerverband Weser-Ems in Oldenburg, überzeugt. Beim Abstieg würden die Fische in den Turbinen „plattgemacht“, wie Salva sagt. Der Aufstieg funktioniere nicht, weil die Fische die Treppe gar nicht erst fänden. Berufsfischer schmieden bereits Pläne, wie sie den Aal – am Nadelöhr in Hastedt vorbei – über den Landweg in die Außenweser bringen können.

Heinz Pyka, dessen Verband 90 000 Mitglieder zählt, ist es gewohnt, mit großen Zahlen zu hantieren: „Wir setzen zum Bestandsschutz jedes Jahr beispielsweise 80 000 Lachse aus“, sagt er. Dieses und viele andere Projekte – auch an Aller, Leine oder Oker – seien zum Scheitern verurteilt, „weil die Fische auf Nimmerwiedersehen verschwinden“ – und zwar in Bremen. „Zehn statt 10 000 Fische gehen die Fischtreppe im Jahresdurchschnitt pro Tag hoch“, sagt Pyka. Dabei bezieht er sich auf den „Jahresbericht 2013 über die Ergebnisse zum Fischschutz-Monitoring am Wasserkraftwerk“ vom März 2015. Um die Durchlässigkeit zu beobachten, seien an 150 Tagen des Jahres Fische gezählt worden – etwa 1500 insgesamt. Zum Vergleich: Im Fischpass Geesthacht an der Elbe seien es täglich bis zu 25 000 Fische.

Der Bericht für 2014 liege ihm noch nicht vor, sagt Ralf Gerken, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim LSFV in Hannover, „er bewegt sich aber wohl noch immer auf dem erbärmlichen Niveau von 2013. Den Bericht haben wir nach zigfacher Anforderung bekommen.“ Im Vergleich zum Vorjahr (12) wurden 2014 bereits 21 Lachse am Tag gezählt, die Zahl der Aale verringerte sich hingegen von 57 (in 2013) auf 35 im Jahr 2014. Gerken fordert: „Es muss größer gebaut und der Einstieg muss auffindbar gemacht werden, und wir fordern ein fachliches Monitoring. Die ganze Fischtreppe muss auf den Prüfstand, sie funktioniert nicht.“

Die Beobachtung der Anlage auf ihre Funktionsfähigkeit hin übernimmt deren Betreiberin, Weserkraftwerk Bremen GmbH und Co. KG, die zu gleichen Teilen zur EIPP GmbH und der SWB AG gehört, im Auftrag des Bremer Umweltsenators Joachim Lohse (Grüne). Der hat in seinem Umweltzustandsbericht 2015 eine Flussneunaugenzählung zitiert, bei der 85 000 Fische registriert worden seien – allerdings ohne Hinweis auf die Methode und den Vorjahreswert zum Vergleich. Die Sportfischer ärgern sich über mangelnde Transparenz. Heinz Pyka lässt solche Zahlen nicht gelten, was für ihn zählt, ist, was die Treppe hoch und den Flusslauf hinauf kommt.

„Es liegen insgesamt wenig Zahlen zu den Fischbeständen in Mittel- und Unterweser vor, man weiß nicht, von welchen Beständen auszugehen ist“, wehrt sich Christoph Brinkmann, Sprecher der Weser-Kraftwerk Bremen. „Wir betreiben die schonendste und modernste Anlage an der Weser“, sagt er über das 2011 in Betrieb genommene Kraftwerk. „Zehn Prozent der gesamten Bausumme sind in den Fischschutz geflossen, 5,5 Millionen Euro.“ Seither habe es mehrere „Optimierungen“ am Fischpass gegeben, zuletzt seien 2014 sogenannte Störsteine in die Treppe gestellt worden, Ruhezonen beim Aufstieg, in denen die Fließgeschwindigkeit reduziert sei. „Speziell den Neunaugen, die Schwierigkeiten mit der Strömung haben, kommt das zugute.“

Warum das Bremer Bauwerk dennoch „nicht funktionieren kann“, weiß Rolf Libertin. Der Vize des Bremer Landesfischereiverbandes mit rund 6000 Mitgliedern in 19 Vereinen ist nicht gut zu sprechen auf das neueste der sieben Turbinen-Kraftwerke entlang der Weser. „Die Fischtreppe ist zu eng gebaut“ und die Leitströmung, der größte zu überwindende Widerstand, an dem sich aufsteigende Fische orientierten, sei nun mal nicht der vorgesehene Fischeinstieg mit 1,2 Kubikmetern Wasser, die dort pro Sekunde strömen. Stattdessen fühlten sich die stromaufwärts ziehenden Fische vom Abfluss der Bypassanlage am Rechen angezogen, der mit 7,5 Kubikmetern pro Sekunde um ein Vielfaches stärker strömt.

„Die Leitströmung lenkt also vom Einstieg in die Fischtreppe ab, die Fische kommen nicht zurück in ihre Laichgewässer“, sagt Libertin. „Gerade für den Lachs ist das sehr schwierig“, weiß Heinz Pyka, die Fische versuchten bis zur Erschöpfung, sich aufwärts zu kämpfen. „Die Meerforelle ist da findiger, was Querströmungen betrifft.“

Stromabwärts, durch die Turbinen hindurch, kämen viele Meerforellen, Lachse und Neunaugen zu Tode, beklagt Pyka. „Wir haben mehr Wolfsberater als Wölfe, ich wünschte mir einen Bruchteil der Aufmerksamkeit für die Probleme der Wanderfische.“ Das hat er Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) im vergangenen Jahr schriftlich gegeben. „Der Abstieg ist noch nirgendwo vernünftig geregelt worden.“ Libertin bestätigt das, er geht davon aus, dass im Bremer Kraftwerk rund ein Drittel der Fische geschädigt werde. „Aale beispielsweise, die lassen sich flussabwärts einfach treiben und geraten so durch den Rechen.“

„Wir sehen uns nicht als Fischhäcksler“, stellt Christoph Brinkmann klar.

In diesem Bewusstsein haben es die Bremer Kraftwerksbetreiber abgelehnt, das Projekt Aal-Taxi zu unterstützen. Die Initiative des Landesfischereiverbandes Niedersachsen verfolgt den Ansatz, das Problem zu umgehen, statt es weiter zu diskutieren: „Wir wollen gefangene, gesunde Aale hinter das Bremer Kraftwerk als letzte Wanderhürde bringen. Je mehr Aale abwandern können, desto mehr kommen auch zurück“, sagt der Verbandsvorsitzende Carsten Brauer, Berufsfischer in Landesbergen (Kreis Nienburg). Lastwagen sollen die Aale von der Mittelweser an die Außenweser bringen, wo sie zwischen Bremerhaven und Cuxhaven wieder eingesetzt werden. Noch würden Geldgeber für die „Artenschutzmaßnahme“ gesucht, sagt Carsten Brauer. So ein Aaltaxi kostet.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+