Prüfungsaufgaben: schlechte Vorbereitung Abi-Pannen in Mathe und Geografie

Die Panne beim zu schweren Mathe-Abitur in Niedersachsen steht nicht allein. Auch bei einer weiteren schriftlichen Prüfung passierten Fehler, wie Informationen des WESER-KURIER belegen.
14.05.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Panne beim zu schweren Mathe-Abitur in Niedersachsen steht nicht allein. Auch bei einer weiteren schriftlichen Prüfung passierten Fehler, wie Informationen des WESER-KURIER belegen.

Die Panne beim zu schweren Mathe-Abitur in Niedersachsen steht nicht allein: Auch bei der schriftlichen Prüfung im Fach Geografie passierte ein peinlicher Fehler: In der Abi-Aufgabe für den Leistungskurs zum Thema Japan wurden nach Informationen des WESER-KURIER Millionen mit Milliarden verwechselt. Am Domgymnasium in Verden machten Lehrkräfte die betroffenen Schüler noch während der laufenden Klausur darauf aufmerksam; im Gymnasium am Schloss in Wolfenbüttel kam dagegen der Hinweis zu spät.

Das Kultusministerium bestätigte den Fehler. „Nachdem dies entdeckt wurde, sind die Schulen sehr frühzeitig informiert worden, so dass vor Ort entsprechende Korrekturen zeitnah nach Prüfungsbeginn erfolgen konnten“, erklärte ein Sprecher von Ressortchefin Frauke Heiligenstadt (SPD). Bisher seien auch keine Meldungen über Probleme an das Ministerium herangetragen worden. Die Zahl der Geografie-Klausuren liegt landesweit bei rund 5000.

Vorgänge genauer untersuchen

Nach Auskunft von einigen Erdkundelehrern soll die falsche Zahl jedenfalls keine größeren Auswirkungen auf das Notenergebnis haben. Dennoch forderte der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz, auch diesen Vorgang genau unter die Lupe zu nehmen, um mögliche Nachteile auszuschließen. „Wenn sich ein Schüler auf die falschen Zahlen bezogen hat, darf man ihm das nicht ankreiden“, sagte Au-dritz dem WESER-KURIER. Und wer den Fehler von sich aus selbst bemerkt habe, müsse eigentlich mit Bonus-Punkten belohnt werden.

Im Kultusausschuss des Landtags gestand das Ministerium am Freitag ein, dass bei den von rund 20.000 Schülern geschriebenen Mathe-Klausuren die Bearbeitungszeit nicht ausgereicht habe. Man werde daher den Bewertungsmaßstab für die Noten der Arbeiten anpassen, erklärte Referatsleiter Andreas Stein. Weitere Konsequenzen schloss er jedoch aus, insbesondere komme eine Wiederholung der schriftlichen Prüfung nicht in Betracht. „Die Aufgaben waren anspruchsvoll, aber vom Schwierigkeitsgrad her leistbar.“ Sie hätten auch den vorgegebenen Unterrichtsinhalten entsprochen. Lediglich der Umfang der Klausur sei zu groß gewesen.

Hunderte Schüler, Eltern und auch Lehrer empfanden das ganz anders. In einer Flut von E-Mails beschwerten sie sich darüber, dass das Mathe-Abi viel zu schwer, zu kompliziert und zu überfrachtet gewesen sei. „Das war das schwierigste Mathematik-Abitur der vergangenen zehn Jahre“, schrieb ein Studienrat. 2006 war das Zentralabitur in Niedersachsen eingeführt worden. Die Probleme traten im „länderspezifischen Teil“ auf, also bei jenen Aufgaben, die in der Verantwortung des Ministeriums in Hannover liegen. Warum sie nicht vorher aufgefallen sind, vermochte Fachmann Stein den Abgeordneten nicht zu erklären. „Wir haben aber Anlass darüber nachzudenken, ob die Qualitätskontrollen ausreichend sind.“

Neue Probleme in Sicht

Die Opposition bezweifelte dagegen, dass es nur am Umfang gelegen habe. „Der ganze Aufbau hat doch nicht gestimmt“, meinte die Ausschussvizevorsitzende und ehemalige Studienrätin Karin Bertholdes-Sandrock (CDU). Die schwarz-gelben Abgeordneten ärgerten sich auch darüber, dass es keine Auskunft über jene Schüler gab, die die Klausur entnervt abgebrochen hätten. Schon ist von Klagen gegen die Ergebnisse die Rede. FDP-Schulexperte Björn Försterling warf Heiligenstadt vor, durch ihr zögerliches Handeln die Schüler im Ungewissen über die Abi-Noten zu lassen. Gleichzeitig warnte er vor neuen Problemen, wenn in nächste Woche die Schüler, die beim ersten Prüftermin fehlten, zum Nachschreiben antreten müssen. Das Ministerium will aus Gründen der Vergleichbarkeit keine Ab-
striche am Umfang dieser Klausuren ­machen. Für Försterling ein Unding, da die jungen Menschen in eine Prüfung geschickt würden, bei der von vornherein klar sei, dass die Bearbeitungszeit nicht ausreiche.

Der Verband der Elternräte an Gymnasien hielt dem Ministerium vor, die Probleme kleinzureden und die Schüler im Regen stehen zu lassen. Die Aussage, das Klausur- ergebnis mache lediglich einen kleinen Teil der Gesamtnote aus, gehe völlig an der Realität vorbei, schimpfte der Verbandsvorsitzende Oliver Gossel. „Jeder Punkt zählt, jeder Punkt ist entscheidend.“ Es handle sich schließlich um die wichtigste Prüfung im Leben eines Gymnasiasten. „Wir reden hier schließlich nicht von einem verunglückten Vokabeltest.“

Der Chef des Schulleitungsverbands, Frank Stöber, nannte die Lage für die Ministerin „etwas peinlich“ und forderte mehr Sorgfalt bei der Vorbereitung des Abiturs an. Ebenso wie Philologen-Chef Audritz. Die Auswahl der Prüfungsfragen dürfe man nicht nur Theoretikern überlassen. „Da müssen mehr Praktiker ran.“ Daher gehöre auch das Ob und Wie des „Gegenkorrigierens“ auf den Prüfstand, also der Tauglichkeits-Check durch Lehrkräfte, bevor man die Klausuren den Schülern vorlege. (dpa)

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