Dauerhaft sinkende Zahlen Abschied von der Apotheke

Die Niedersachsen werden weniger. Entsprechend dem demografischen Wandel entwickelt sich hier auch die Infrastruktur zurück: Weniger Schulen, Läden, Ärzte - und auch immer weniger Apotheken.
11.09.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Abschied von der Apotheke
Von Michael Lambek

Die Niedersachsen werden weniger. Von derzeit knapp 7,8 Millionen Einwohnern wird das Land einer Studie der N-Bank zufolge im Laufe der nächsten 20 Jahre rund 370.000 verlieren. Stärker als in den Städten wird diese Entwicklung auf dem Land stattfinden.

Entsprechend dem demografischen Wandel entwickelt sich hier auch die Infrastruktur zurück: Weniger Schulen, Läden, Ärzte und, darauf weist jetzt der niedersächsische Apothekerverband hin, auch weniger Apotheken – mit den naheliegenden Folgen für die Medizinversorgung im ländlichen Raum.

Die Ursachen sind unterschiedlich: Infolge der Bevölkerungsentwicklung gehen den Apotheken langfristig Kunden verloren. Da es anders als in den Zentren in den Flächenkommunen so gut wie keine Laufkundschaft gibt und die Unternehmen unter solchen Bedingungen nur schwer wirtschaftlich zu betreiben sind, finden sich auch nur wenige Jungapotheker, die bereit sind, ältere Apotheken von deren abgebenden Alt-Eigentümern zu übernehmen.

Baltrum ist ein Extrembeispiel

Jüngstes Beispiel, auf das Apothekerkammer und -verband warnend hinweisen, ist die Inselapotheke auf Baltrum. Dort gibt es nur diese eine Apotheke, und die Betreiber wollen in den Ruhestand wechseln. Eine Nachfolge ist bislang nicht in Sicht. Wenn es dabei bliebe, hieße das für die Insulaner: Medizinversorgung Null, was wegen der tideabhängigen Überfahrt zum Festland zu einigen Problemen führen würde.

Baltrum ist ein Extrembeispiel – das räumen auch die Interessenverbände ein. „Wir haben insgesamt keine erdrutschartigen Entwicklungen“, sagt etwa Anja Hugenberg von der Apothekerkammer Niedersachsen. Die Entwicklung sei bisher keineswegs dramatisch. Aber man beobachte, dass der Trend stetig abnehmender Apothekenzahlen ungebrochen sei.

Ein Trend, der sich regional allerdings sehr unterschiedlich entfaltet. In den Landkreisen rund um Bremen ist die Entwicklung bei nur vereinzelten Schließungen weitgehend stabil: Im Landkreis Diepholz gab es Anfang diesen Jahres 52 Apotheken (vor fünf Jahren waren es noch 55), im Landkreis Osterholz 23 (24), im Landkreis Verden 30 (32), im Landkreis Oldenburg 26 (28), im Landkreis Rotenburg 35 (36) und im Landkreis Wesermarsch 20 (21).

119 Apotheken weniger als vor fünf Jahren

Anders sieht es zum Beispiel in der Region um Aurich aus, der in den vergangenen fünf Jahren elf Apotheken verloren gegangen sind, in der Region Cuxhaven sind es acht Apotheken weniger, im Umland von Hannover 23, im Raum Hildesheim 18, rund um Osnabrück zwölf. Insgesamt ist der Süden Niedersachsens deutlich stärker vom Apothekenschwund betroffen als der Norden. Alles in allem haben in Niedersachsen in den vergangenen fünf Jahren 258 Betriebe geschlossen, und nur 139 Apotheken sind neu eröffnet worden. Damit sind dem Land insgesamt 119 Apotheken verloren gegangen.

Am Extrembeispiel Baltrum wird deutlich, dass hinter dem Apothekenschwund ein ernsthafter Regelungsbedarf entsteht, der mittelfristig auch für andere Orte oder Regionen aktuell werden könnte: Denn die Apotheken übernehmen zwar im Auftrag der Landesregierung die Medikamentenversorgung der Bevölkerung, aber es herrscht Niederlassungsfreiheit. Was also, wenn – wie auf Baltrum absehbar – keine Apotheke da ist, die sich des Versorgungsauftrags annimmt?

Notlösung ist eine Saisonapotheke im Sommer

Bereits in der Vergangenheit war die Baltrumer Apotheke lediglich eine Art Notlösung. Eine „Saisonzweigapotheke“, wie Dominik Kimyon, der Sprecher im Sozialministerium klarstellt. Eine solche Lösung sei für den Fall einer Versorgungsnotlage in dem Apotheken-Notdienst-Sicherstellungsgesetz vorgesehen. Sie ist lediglich in den Sommermonaten geöffnet, wenn mehrere Zehntausend Feriengäste die Insel bevölkern. Außerhalb der Saison gibt es statt der Zweigapotheke lediglich eine Rezeptsammelstelle der Hauptapotheke auf dem Festland – in Norden. Grundsätzlich, sagt Kimyon, sei die Versorgung der Inselbevölkerung durch diese Hauptapotheke damit gesichert.

Bisher jedenfalls. Denn die Hauptapotheke wird aufgegeben. Plan B des Baltrumer Bürgermeisters Berthold Tuitjer: Als Hauptunternehmer hat sich ein Apotheker aus Nordrhein-Westfalen angeboten. „Eigentlich ist das aber nicht erlaubt“, räumt Tuitjer ein, denn die Zweigapotheke müsse von der Hauptstelle innerhalb einer Stunde erreichbar sein. Beantragt ist diese Lösung trotzdem. Falls es nicht klappt, könnte die Inselgemeinde auch selbst eine Apotheke betreiben, aber, so der Bürgermeister, „dazu haben wir das Geld nicht“.

Zuschüsse reichen nur für Verwaltungskosten

Probleme dieser Art werden nach Einschätzung der Apothekenverbandes tendenziell zunehmen. Sie entwickeln sich im Kielwasser des Ärzteschwunds in ländlichen Regionen. Weiterhin sind Arztpraxen und Apotheken am Ort zwei Seiten der selben Medaille: Keine Ärzte, keine Überlebenschance für die Apotheke. Die Konzentration von Facharztpraxen in den Städten wirkt in die gleiche Richtung.

Im Sozialministerium wird die Entwicklung sehr wohl gesehen. Dort setzt man auf regionale Versorgungsprogramme im Gesundheitswesen – die allerdings noch in den Kinderschuhen stecken. Über erste Modellstadien ist dieser Ansatz bisher nicht hinausgegangen. „Die konkrete Entwicklung solcher Projekte liegt bei den Kommunen und Landkreisen – so etwas wollen wir hier nicht vom grünen Tisch aus machen“, sagt Dominik Kimyon.

Immerhin hilft die Landesregierung bei der Entwicklung regionaler Versorgungsstrukturen mit Anschubfinanzierungen. 600.000 Euro schießt das Land zu, mit weiteren gut 400.000 Euro sind Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung dabei. Pro Landkreis oder kreisfreier Stadt stehen laut Sozialministerium damit rund 25.000 Euro zur Verfügung – verteilt auf zwei Jahre. Das deckt allerdings, räumt Kimyon ein, nicht viel mehr als die Verwaltungskosten.

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