Architektonisch bedeutsamer Siedlung des Neuen Bauens in Celle droht der Abriss Alle Mieter müssen raus

Celle. „Wenige wissen, dass Celle quasi ein Geburtsort des Neuen Bauens ist und beim Thema Bauhaus-Architektur in der Liga von Weimar und Dessau mitspielt.
23.04.2018, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Joachim Göres

Celle. „Wenige wissen, dass Celle quasi ein Geburtsort des Neuen Bauens ist und beim Thema Bauhaus-Architektur in der Liga von Weimar und Dessau mitspielt.“ So steht es auf der Homepage der Celle Tourismus und Marketing GmbH, auf der der Architekt Otto Haesler als Perfektionierer des Sozialen Wohnungsbaus gefeiert wird. Nach seinen Plänen wurden in Celle in den 1920-er und 1930-er Jahren mehrere Siedlungen im Stil des Neuen Bauens errichtet, darunter die 1930 erbaute Siedlung Blumläger Feld. Sie sorgte wegen der neuartigen Stahlskelettkonstruktion und den niedrigen Baukosten international für Aufsehen. „Otto Haesler ist der bedeutendste Siedlungsarchitekt in Deutschland, vielleicht in der Welt“, schrieb damals der bedeutende US-Architekt Philip Johnson.

Jetzt droht dieser Siedlung der Abriss. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft (WBG) als Eigentümer fordert ihre Mieter in den Haesler-Blocks im Blumläger Feld Nord auf, bis zum 31. August die Wohnungen zu räumen. „Die Standsicherheit sämtlicher WBG-Gebäude im Vogelsang, Rosenhagen und Galgenberg 20 ist durch Korrosion des Stahlgerüstes gefährdet“, heißt es zur Begründung in einem Schreiben an die Mieter Ende 2017. In sämtliche Wohnungen wurden im Dezember aus Sicherheitsgründen Stützen eingebaut. Nach der Stellungnahme eines Statikers schreibt die WBG in einem weiteren Brief in diesem Jahr: „Wie Sie wissen, ist auch eine Notabstützung nur ein Provisorium und nicht von Dauer. …Ab dem 1.9.18 haben alle Wohnungen aus Sicherheitsgründen als unbewohnbar zu gelten. …Wegen des erheblichen Sanierungsaufwandes ist noch nicht entschieden worden, ob die Immobilie abgerissen oder saniert wird.“

Die Schäden am Stahlskelett der Gebäude wurden bei Vorarbeiten für die eigentlich geplante Sanierung entdeckt. „Das Skelett ist marode, jede Stichprobe war unzufriedenstellend“, sagt WBG-Mitarbeiter Viktor Jäger und fügt hinzu: „Man muss alle Wände aufmachen, um ans Stahlskelett ranzukommen.“ Die Fassade der Gebäude ist schon seit vielen Jahren heruntergekommen. „Wir wollen schon seit 15, 20 Jahren sanieren, jedes Mal wurden uns Steine in den Weg gelegt“, so Jäger – was er damit genau meint, lässt er offen. Er bietet allen Mietern Hilfe bei der Wohnungssuche und dem Umzug an, zudem verlangt die WBG nur noch die Hälfte der vereinbarten Miete.

Nach den Worten von Eckart Rüsch, beim niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege für die Region Celle zuständig, wird die genauere Untersuchung eines Gebäudes vorbereitet. „Aus den bisherigen Proben kann man nicht sagen, wie groß die Schäden sind. Von den Ergebnissen der Untersuchung an einem Musterhaus hängt es ab, wie es danach weitergeht“, sagt Rüsch. „Das Mauerwerk hält die Feuchtigkeit nicht ab. Die Gebäude im Blumläger Feld sind mit Sicherheit nicht für 90 Jahre gebaut worden“, sagt der Architekt Michael Wagner, der bei seinen Untersuchungen an den Gebäuden die Schäden festgestellt hat.

„Es gibt gleichalte Siedlungen von Haesler in anderen Städten, die saniert und gut erhalten sind. Die Pflege ist das A und O, daran hat es in Celle gemangelt“, entgegnet die Potsdamer Bauhistorikerin Simone Oelker. Auch Experten beim Bauhaus-Archiv in Berlin sprechen davon, dass ein Stahlskelett eine hervorragende Konstruktion sei und bei ordentlicher Instandhaltung keine Korrosionsgefahr bestehe.

2005 ließ die WBG bereits den größten Teil der Siedlung Blumläger Feld abreißen – die Gebäude waren intakt, aber der Eigentümer sah keinen Bedarf an kleinen Mietwohnungen, die heute sehr gefragt sind. Jetzt droht das Ende für die übrigen 52 Wohnungen in innenstadtnaher Lage, die sich wegen der günstigen Miete sowie den angrenzenden Gärten großer Beliebtheit erfreuen. Sollte es zu einer Sanierung kommen, würde nach WBG-Berechnungen der Quadratmeterpreis von derzeit gut vier Euro auf 14,50 Euro steigen. Das hätte nichts mehr mit dem Grundgedanken zu tun, über den die Haesler-Initiative schreibt: „Haesler hatte mit dieser Siedlung sein Ziel erreicht, indem er mit rationellen Baumethoden kostengünstigen Wohnraum für die minderbemittelte Bevölkerung geschaffen hatte. In der Weimarer Republik ist keine vergleichbare Siedlung entstanden.“

Anlässlich des 100jährigen Bauhaus-Jubiläums im kommenden Jahr hofft Celle auf architektonisch interessierte Touristen. Von der Siedlung Blumläger Feld wird dann möglicherweise nur noch das alte Waschhaus stehen – dort befindet sich heute das Haesler-Museum mit einer original eingerichteten Wohnung.

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