Fabrik in Pilsum produzierte bis zu 50000 Steine am Tag

Als Ostfriesland noch Ziegeleiland war

Pilsum. Ziegeleien waren einst für manche Region in Ostfriesland die wichtigsten Arbeitgeber. Inzwischen verfallen die Gebäude. Ein Besuch in Pilsum.
15.02.2014, 16:00
Lesedauer: 4 Min
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Als Ostfriesland noch Ziegeleiland war
Von Kathrin Aldenhoff
Als Ostfriesland noch Ziegeleiland war

Kristian Scholz ist Vorsitzender des Ziegeleivereins Jemgum. Im Jemgumer Ortsteil Midlum erinnert der Verein in einem Museum an die lange Tradition des Ziegelbrennens im Rheiderland.

Jana Euteneier

Ziegeleien waren einst für manche Region in Ostfriesland die wichtigsten Arbeitgeber. Doch in den 1960er-Jahren begann das Sterben der Ziegelfabriken. Seitdem verfallen die Gebäude, stehen die ehemals stolzen Schornsteine verloren in der Landschaft. Ein Besuch in Pilsum.

Auf dem Nordseedeich im kleinen Ort Pilsum steht eines der Wahrzeichen Ostfrieslands. Zwölf Meter hoch und rot-gelb geringelt ist der Leuchtturm, den der Komiker Otto Waalkes einst mit einem seiner Blödel-Filme bekannt machte – und der heute viele Besucher anzieht. Nur eineinhalb Kilometer entfernt steht ein weiteres Stück ostfriesischer Geschichte. Doch dafür interessiert sich kaum einer.

Verlassen und verfallen liegt die alte Ziegelei Pilsum an der Landstraße zwischen Krummhörn und Greetsiel. Sie wurde 1898 gebaut und produzierte bis 1972 die typischen roten Ziegelsteine. Aus den schrägen Wänden des einst modernen Ringofens, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu 50000 Ziegel täglich gebrannt wurden, wachsen Bäume. Im Winter stehen die Gänge des Ofens teilweise unter Wasser. Von den Trockenschuppen, in denen die Ziegel vor dem Brennen tagelang lagerten, stehen nur noch einige Backsteinsäulen. Hohe Gräser und Dornensträucher überwuchern das Gelände; wer nicht aufpasst, tritt immer wieder auf zersprungene Ziegelsteine oder verrottete Holzplanken.

Die Ziegelei in Pilsum war nur einer von mehreren Dutzend Betrieben. Ostfriesland war im 19. Jahrhundert noch sehr landwirtschaftlich geprägt, schreibt Peter Weßels in dem Buch „Die Ziegeleien in Midlum“. Die Ziegelwirtschaft war außerhalb der Städte die einzige nennenswerte Industrie, mit Schwerpunkten an der Ems und in der Krummhörn. Im Jahr 1814 etwa produzierten die ostfriesischen Ziegeleien rund elf Millionen Steine und 2,2 Millionen Dachziegel. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ziegelindustrie eine wichtige Branche in Ostfriesland, heißt es weiter. Heute ist sie bedeutungslos.

Dabei hatte das Ziegeleiwesen eine lange Tradition in der Region: Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Ostfriesland bereits 52 Öfen, in denen die roten Ziegel gebrannt wurden. Klosterziegeleien gab es bereits in der Wende zum 16. Jahrhundert. Und schon davor wurden Ziegelsteine für Klöster und Kirchen gebrannt: mit sogenannten Feldbrandmeilern – einfachen und mobilen Brennöfen.

Kristian Scholz ist der Vorsitzende des Ziegeleivereins Jemgum, der das Buch mit Peter Weßels herausgegeben hat. Die Gemeinde Jemgum liegt im Rheiderland, einer Region beiderseits der Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden. Der deutsche Teil liegt in Ostfriesland, westlich der Ems. „Das Rheiderland war Ziegeleiland“, sagt der 72-Jährige. Es sei eine der am dichtesten mit Ziegeleien besiedelten Regionen in Deutschland gewesen. Ein Grund dafür seien die großen Vorkommen an Kleiboden, den man – mit Sand vermischt – als Rohmaterial für die Ziegelsteine nutzte. Auch Torf, der als Brennmaterial in den Öfen genutzt wurde, gab es in der Region genug. „Die Ziegel waren ortsprägend“, sagt Scholz, der selbst in einem aus Backstein gebauten Haus wohnt. „Und die Ziegeleien waren Hauptarbeitgeber in der ganzen Region.“

In der kleinen Gemeinde Jemgum lagen sich knapp zwei Jahrhunderte lang zwei Ziegeleien gegenüber: Cramer und Leding. Als Kind spielte Scholz in den Ziegeleien und später, als Schüler, arbeitete er nebenher bei Cramer. Schon von weither war der Schriftzug aus weiß glasierten Steinen auf dem roten Schornstein sichtbar. Scholz‘ Aufgabe war es, die frisch gepressten Steine, die in Dreierpaaren in den Trockenschuppen lagen, auseinanderzurücken. In den 1960er-Jahren habe das Ziegeleisterben in Ostfriesland begonnen, erzählt der Architekt.

Die Inhaber hätten in neue Öfen investieren müssen: Die Ringöfen, die um die Jahrhundertwende fast überall gebaut worden waren, waren nicht mehr zeitgemäß. Die Ziegelproduktion aus Klei war im Vergleich zum Kalksandstein zu teuer und der frühere Standortvorteil der nah an der Ems und kleineren Wasserwegen gebauten Ziegeleien war keiner mehr, seitdem Lastwagen die Schiffe als Transportmittel ablösten. Im Gegenteil: Das starke Hochwasser im Jahr 1962 setzte den Ziegeleien schwer zu. Die Ziegelei Leding wurde 1967 stillgelegt, Cramer 1972. Die ehemaligen Ziegeleien verfielen, Gelände wie das in Pilsum stehen stellvertretend für den Niedergang dieses Wirtschaftszweigs.

Bernhard Baumann kennt die Pilsumer Ziegelei aus anderen Zeiten: Von 1955 bis 1960 arbeitete er in der Ziegelei seines Heimatortes, obwohl er eigentlich Tischler gelernt hatte. Doch nach seiner Lehre fing er bei der Ziegelei an. „Ich habe dort die Elektrokarre gefahren“, erinnert sich der 83-Jährige. Das Elektrofahrzeug hatte zwei Etagenwagen, damit konnten insgesamt 400 Steine transportiert werden. Mit dem Fahrzeug holte Baumann die nassen Ziegel von der Presse ab und transportierte sie zum Vortrocknen in die Schuppen. „Das war eine schwere Arbeit“, erinnert er sich.

Die ehemalige Ziegelei Cramer in Jemgum hatte ein anderes Schicksal als die in Pilsum: Im Jahr 1998 begannen der Ziegeleiverein, der Landkreis Leer und die Gemeinde Jemgum, das völlig verfallene Gebäude wieder aufzubauen. Sie errichteten ein neues Holzdach, restaurierten die Reste des Ringofens und gründeten so das erste Ziegeleimuseum Ostfrieslands. Auch der Schornstein steht wieder in seiner vollen Größe und mit dem alten Schriftzug auf dem Außendeichgelände.

Auch Roland H. A. Wolff, Grafiker und Fotograf, versucht die Tradition der ostfriesischen Ziegeleien zu erhalten. Seit rund 20 Jahren lebt der 71-Jährige in Ostfriesland, er war oft auf dem Gelände der Ziegelei in Pilsum, um dort für einen Bildband zu fotografieren. „Als ich nach Ostfriesland kam, stand der Schornstein der Ziegelei noch in voller Größe da“, erinnert sich Wolff. Heute steht nur noch ein Stumpf des Schlotes. Es sieht aus, als habe ein Riese ein großes Stück von dem Backsteinturm abgebissen. Ein Blitz schlug ein, als die Ziegelei schon nicht mehr in Betrieb war. Die Gemeinde ließ den einsturzgefährdeten Schornstein daraufhin bis zur Hälfte abtragen, damit er nicht auf die nahe Straße stürzte. Am beständigsten ist noch der VW- Bulli, der auf dem Gelände vor sich hin rostet. Ein Mitarbeiter habe mit dem Auto seine Kollegen aus den umliegenden Dörfern eingesammelt und zur Ziegelei gebracht, erzählt Wolff, der für sein Buch mit ehemaligen Mitarbeitern gesprochen hat.

Es gab die Idee, auf dem Ziegeleigelände in Pilsum ein Hotel zu bauen. Doch die Pläne sind wieder vom Tisch, auf dem Gelände an der Kreisstraße tut sich nichts. Und das Gestrüpp über den Resten der stolzen Fabrik wird Jahr für Jahr dichter.

In der nächsten Folge unserer Serie „Verlassene Orte“ führen wir Sie in eine Luftmunitionsanstalt.

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