Autokennzeichen erleben ein Comeback Alte Kennzeichen und das Wir-Gefühl

ALF für Alfeld, BRV für Bremervörde - nach der Verwaltungsreform 1977 waren viele Kennzeichenkürzel veschwunden verschwunden - jetzt erleben sie eine Renaissance. Aktuell bemüht sich Syke um sein SY.
27.01.2018, 21:14
Lesedauer: 4 Min
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Alte Kennzeichen und das Wir-Gefühl
Von Justus Randt

Soll das Autokennzeichen SY für Syke wieder zugelassen werden? Diese Frage hat die parteilose Suse Laue bereits durch ihren Wahlkampf um das Bürgermeisteramt begleitet. Damals, im September 2013, war das Ansinnen beim Landkreis Diepholz just abgelehnt worden, obwohl sich der Rat der ehemaligen Kreisstadt klar dafür ausgesprochen hatte.

Jetzt, 41 Jahre nach der Verwaltungsreform, die das SY und so viele ­andere Autokennzeichen hatte verschwinden lassen, gibt es einen neuen Vorstoß. Bürgermeisterin Laue freut sich schon darauf, sämtliche etwa 50 Kraftfahrzeuge der Kommune mit SY-Schildern auszustatten. Noch muss der Kreistag zustimmen – Sitzungstermin ist Anfang März. Vorerst also sind die Syker, wie alle im Kreis Diepholz, weiter mit DH-Kennzeichen unterwegs.

Für Suse Laue ist klar, dass das Kennzeichen „immer Thema bei den Sykerinnen und Sykern war, die schon damals mit dem SY ­herumgefahren sind”. Und sie ist davon überzeugt, „dass es ein großer Wunsch vieler Menschen in Syke und umzu ist, das wiederzubekommen“. Für Landrat Cord Bockhop (CDU) sind die Kennzeichen eine ganz kleine Nummer auf der Agenda.

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Nicht nur, dass es Wichtigeres wie Rettungsleitstellen und die Ausschreibung des Busverkehrs gebe. Während Befürworter stets das identitätsstiftende Moment der SY-Schilder angeführt haben, beschwört Bockhop die ­große Gemeinschaft – unter dem Kürzel DH als Landkreis Diepholz.

In der Vergangenheit hätten SY-Befürworter „jegliches Maß“ verloren, sagt der Landrat. „Die Scharfmacher haben es selbst versemmelt.“ In den vergangenen Monaten, erklärt er das Umschwenken, sei jedoch klar geworden, „dass es sich um Anliegen der Stadt Syke handelt“. Suse Laue hatte nicht nur mit dem Wir-Gefühl im nördlichen Landkreis Diepholz argumentiert. „Sein Heimat-Kennzeichen kann man doch heute überall mit hin nehmen“, sagt sie, der Identitätsaspekt spiele daher nicht mehr die ­Rolle von früher.

Ohnehin bleibt allen, die ein Kraftfahrzeug anmelden oder ummelden, die Wahl – hier zwischen DH und SY. Das Land Niedersachsen hatte einem Beschluss der Verkehrsministerkonferenz, sogenannte Altkennzeichen wieder zuzulassen, unter Bedingungen zugestimmt. „Es dürfen keine zusätzlichen Kosten und keine zusätzliche Bürokratie entstehen, und Stadt und Kreis müssen sich verständigen“, teilt das Wirtschaftsministerium in Hannover mit.

Marke einer Stadt ist ihr Name

Auch die Wahlmöglichkeit zwischen aktuellem und neuem alten Kennzeichen ist Voraussetzung dafür, dem von den Zulassungsbehörden der Landkreise zu übermittelnden Antrag stattzugeben. Seit November 2012 gilt der Erlass. „Gerade für ­Oldtimerbesitzer ist das SY vielleicht interessant. Wir arbeiten das jetzt einfach ab“, sagt Landrat Bockhop.

Ursprünglicher Motor der „Initiative Kennzeichenliberalisierung“ war der aus Bremen stammende Ralf Bochert, Professor an der Hochschule Heilbronn. Als Leiter der Fachgebiete Volkswirtschaftslehre und Destinationsmanagement im Studiengang Tourismusmanagement hatte er 2011 eine Umfrage unter Kommunen gestartet. Sein Credo: Die Marke einer Stadt ist ihr Name. Seine Ergebnisse fasste Bochert Ende 2017 neu zusammen.

Demnach haben „mehr als 300 deutsche Städte ihre Kennzeichen wieder zurück“, weitere 100 könnten seiner Einschätzung nach in den nächsten Jahren mit einer Re-Reform folgen. In Syke wurden damals laut Stadtverwaltung 229 Personen befragt, 55 Prozent von ihnen hätten sich für die Wiedereinführung alter Kennzeichen ausgesprochen. Das Kraftfahrzeugkennzeichen sei „die wahrscheinlich beste und einheitlichste Form eines Symbols für deutsche Gebietskörperschaften“, wird der Professor in einer Sitzungsvorlage zitiert.

Alte Kürzel längst wieder eingeführt

Die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr zum Altkennzeichen signalisiere ­Bürgernähe der Verwaltungen und stelle eine „kleine zusätzliche Marketingmöglichkeit“ dar, die nichts koste. Mit Ausnahme des Saarlandes, so Ralf Bochert, beteiligten sich „alle Flächenländer“ an der Wiedereinführung alter Kennzeichen.

Zu den Kritikern der ­Initiative zählte der Niedersächsische Landkreistag, der Kosten und Aufwand befürchtete. Der Niedersächsische Städtetag hingegen vertraute auf die identitätsstiftende Kraft, die die Kennzeichen kleiner Heimateinheiten womöglich entfalten können, und sprach sich für die alten Schilder aus.

Im Unterschied zu Diepholz haben ­andere Landkreise alte Kürzel längst wieder eingeführt. Nach Informationen des Ministeriums sind gegenwärtig zehn alte Kennzeichen reaktiviert: Das reicht von ALF für Alfeld (im Landkreis Hildesheim, HI) über CLZ für Clausthal-Zellerfeld (Goslar, GS) und HMÜ für Hannoversch-Münden (Göttingen, GÖ) bis RI für Rinteln (Schaumburg, SHG).

Vorzüge einer Renaissance

Im Kreis Rotenburg (ROW) haben sich bis November vergangenen Jahres 24.083 Kraftfahrzeughalter für ein Bremervörder BRV-Kennzeichen entschieden, ROW-Schilder waren zum gleichen Zeitpunkt nach Angaben von Thorsten Lemcke, Leiter der Zulassungsbehörde beim Kreis, an 147 396 Autos angeschraubt. „Für uns ist das eine schöne Wertschätzung.

Es hebt das Heimatgefühl, statt ROW jetzt wieder das Altkreis-Kennzeichen wählen zu können“, sagt Mareike Wilshusen von der Bremervörder Wirtschaftsförderung. Die Stadt Norden im Landkreis Aurich (AUR) hatte die Vorzüge einer Renaissance ihres NOR-Schildes 2011 sofort erkannt.

„Wenn wir es schaffen, die Marke NOR auszubauen, können wir zum Beispiel auch das Nordseeheilbad Norden an der Nordseeküste ganz anders bewerben“, hatte Raimond Groeneweg gesagt. Der Norder Wirtschaftsförderer freute sich auf das NOR als „einmaligen Werbeträger“.

Stärkung des Gemeinschaftsgefühls

Ingrid Evers von der Zulassungsstelle des Landkreises Aurich hat das NOR inzwischen rund 38.000 mal erteilt, bei einem Fahrzeugbestand von 167.000. Die Landkreise Emsland, Friesland, Heidekreis, Osnabrück und die Region Hannover sind ebenso wenig vertreten wie bislang die Kreise Diepholz und Cuxhaven. Dort käme die Wiedereinführung von WEM für Wesermünde und OTT für Otterndorf infrage.

Die Stadt Otterndorf hat bereits 2011 einen entsprechenden Ratsbeschluss gefasst, den der Kreis jedoch abgelehnt hat. „Zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls und der Verbundenheit im Kreis“, sagt Thomas Meyer von der Kreisbehörde. Norbert Sadatzki, der Mann für Bürgerdienste in Otterndorf, findet das schade: „Wenn es das OTT gäbe, würden viele gleich loslaufen.“

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