Niedersächsische Gemeinden hoffen auf Unterstützung aus Hamburg / "Eine einzigartige Landschaft" Altes Land will Weltkulturerbe werden

Jork. Millionen Obstbäume im Alten Land stehen momentan wieder in voller Blüte. Das Blütenmeer lockt Jahr für Jahr Tausende von Menschen in Norddeutschlands größtes Obstanbaugebiet. Geht es nach der Gemeinde Jork und der Samtgemeinde Lühe, sollen es künftig noch mehr werden. Die beiden Kommunen wollen, dass der bewachsene Marschstreifen zwischen Hamburg und Stade zum Weltkulturerbe ernannt wird. Sie versprechen sich davon wirtschaftliche Vorteile und einen Schutz der einzigartigen Landschaft. Im Herbst wollen die niedersächsischen Kommunen ihren Antrag einreichen. Das benachbarte Hamburg, zu dem das Alte Land zu einem Drittel gehört, zögert noch.
27.04.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Berit Waschatz

Jork. Millionen Obstbäume im Alten Land stehen momentan wieder in voller Blüte. Das Blütenmeer lockt Jahr für Jahr Tausende von Menschen in Norddeutschlands größtes Obstanbaugebiet. Geht es nach der Gemeinde Jork und der Samtgemeinde Lühe, sollen es künftig noch mehr werden. Die beiden Kommunen wollen, dass der bewachsene Marschstreifen zwischen Hamburg und Stade zum Weltkulturerbe ernannt wird. Sie versprechen sich davon wirtschaftliche Vorteile und einen Schutz der einzigartigen Landschaft. Im Herbst wollen die niedersächsischen Kommunen ihren Antrag einreichen. Das benachbarte Hamburg, zu dem das Alte Land zu einem Drittel gehört, zögert noch.

Vor einigen Wochen bat der Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Jork, Rolf Lühmann, Hamburgs Ersten Bürgermeister Olaf Scholz deswegen in einem Brief um eine Stellungnahme, ob die Hansestadt bei einer Bewerbung mitziehe. Eine Antwort steht noch aus. Sie soll aber in den nächsten Tagen vorliegen, sagte Volker Dumann, Sprecher der Hamburger Umweltbehörde, unserer Zeitung. Bis dahin wolle er sich zu dem Thema nicht äußern.

Und auch der Bezirk Harburg, in dem das Alte Land liegt, hält sich bedeckt. Der Bezirk begleite das Verfahren nur, entschieden werde auf Senatsebene, sagte Petra Schulz, Sprecherin des Hamburger Bezirks lediglich. Gleichwohl gibt sie aber zu bedenken: "Der Süderelberaum ist auch ein Wirtschaftsraum." Und das müsse man in der Diskussion berücksichtigen.

Der Jorker Bürgermeister Lühmann will gemeinsam mit der Samtgemeinde Lühe bis spätestens 15. Oktober den Antrag der Kultusministerkonferenz in Hannover vorlegen, um es so zunächst auf die deutsche Vorschlagsliste zu schaffen. Denn erst mal geht es nur um die Chance, ob das Alte Land überhaupt Weltkulturerbe werden kann und nicht um die eigentliche Entscheidung, ob es Weltkulturerbe wird.

Obstbauern machen mit

"Es wäre schön, wenn das Alte Land dabei Geschlossenheit zeigen würde", sagt Lühmann. Doch notfalls werden die Kommunen den Antrag auch ohne Hamburg einreichen. Besonders stolz ist Lühmann darauf, dass auch die zunächst kritischen Obstbauern wieder für das Projekt gewonnen werden konnten. Ziel ist es, das Alte Land mit vergleichbaren Gebieten in den Niederlanden und Polen als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. "Wir als Altes Land in Niedersachsen sehen uns als wandelnde Kulturlandschaft", sagt Lühmann. Jahrhundertealte Deiche, Entwässerungsgräben und Siedlungsstrukturen seien noch immer gut erkennbar. "Die Struktur der Landschaft ist das, was wir schützen wollen", sagte er. Zugleich betonte er, dass die Obstbauern nicht unter dem Titel leiden dürften. Wenn zum Beispiel die Kirschen unter eine Folie müssen, damit sie bei Regen nicht platzen, soll das auch weiterhin erlaubt sein. "Es darf nicht zu Restriktionen führen, die die Ausübung des Berufs behindern." Dennoch

verspricht sich der Jorker Bürgermeister von dem Titel auch eine Schutzfunktion für die Kulturlandschaft. Außerdem setzt er auf wirtschaftliche Vorteile. Die Region könne sich und ihre Produkte besser vermarkten, hofft er.

Auch wenn Hamburg sich noch ziert, ist Lühmann mit seinem Vorhaben nicht allein. Ihm zur Seite steht etwa der Verein für die Anerkennung des Alten Landes zum Welterbe der UNESCO. Seit fast zehn Jahren setzen sich dessen Mitglieder für das Projekt ein. "Das Alte Land nimmt in der europäischen Kolonialleistung der Holländer eine ganz besondere Stellung ein", sagt Vereinsvorsitzende Kerstin Hintz. Die Holländer besiedelten das feuchte Gebiet im 12. Jahrhundert, machten es urbar und nannten es "Altes Land".

In dem Obstanbaugebiet sei es gelungen, die Landschaft so zu pflegen, dass die Ablesbarkeit erhalten geblieben ist, sagt Hintz. Soll heißen: "Wenn man ins Alte Land hineinfährt, braucht man kein Ortsschild, um das zu erkennen. Man nimmt die geografische Geschlossenheit einfach so wahr." Es gebe langgezogene Straßendörfer, die sich kilometerweit durchs Alte Land ziehen. In Jork stünden zudem die Häuser dicht an dicht. Außerdem gebe es Siedlungen entlang der Flüsse, die die charakteristische Struktur des Alten Landes ausmachten. "Man kann die Landschaftsstruktur für sich selbst abradeln und ist dabei auf den Spuren der Holländer."

Hintz glaubt deswegen, dass das Alte Land durchaus Potenzial hat, um zum Weltkulturerbe ernannt zu werden. Ihr ist dabei besonders wichtig: "Kulturlandschaft heißt nicht Käseglocke." Das Alte Land solle mit dem Titel nicht zum Museum werden, wohl aber in einer sich stetig wandelnden Zeit unter Schutz gestellt werden. Und da sieht sie als einzige Möglichkeit die Anerkennung als Weltkulturerbe. Mit der endgültigen Entscheidung über den Titel rechnet sie aber erst in den Jahren 2015 bis 2018. "Wir brauchen noch einen langen Atem."

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