Zehn Fragen und Antworten

Atomkraftwerk Esenshamm wird abgebaut

Um radioaktive Abfälle zu deponieren, plant Preussen Elektra auf dem Grundstück des Kraftwerks Esenshamm ein Zwischenlager. Der Rückbau beginnt im Inneren der Anlage. Der Rest wird 2032 abgerissen.
07.04.2018, 19:39
Lesedauer: 5 Min
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Von Georg Jauken
Atomkraftwerk Esenshamm wird abgebaut

Das Kernkraftwerk Unterweser in Kleinensiel bei Esenshamm (Kreis Wesermarsch) - Der Rückbau könnte mehr als 14 Jahre dauern.

dpa

Die Betonkuppel des Atomkraftwerks (AKW) in Esenshamm ist ein Wahrzeichen, weithin ist sie in der Wesermarsch und auf der gegenüberliegenden Weserseite sichtbar. Noch. Der Rückbau allerdings beginnt im Inneren der Anlage, die Gebäude werden erst ab 2032 abgerissen. Das gesamte Verfahren ist langwierig, kompliziert und kostspielig. Außerdem zeichnen sich rechtliche Konflikte zwischen Bürgern und Betreibern ab. Zehn Fragen und zehn Antworten zum Rückbau des Kernkraftwerks Unterweser.

Warum wird das Kernkraftwerk Unterweser zurückgebaut und abgerissen?

Das Aus für das Kernkraftwerk Unterweser (KKU) kam per Gesetz. Unter dem Eindruck der von einem Erdbeben und Tsunami ausgelösten Unfallserie im japanischen Kernkraftwerk Fukushima beschloss der Bundestag 2011 mit großer Mehrheit eine Änderung des Atomgesetzes. Die kurz nach dem GAU für eine Sicherheitsüberprüfung abgeschalteten sieben ältesten deutschen Kernkraftwerke sowie der Pannenreaktor Krümmel verloren die Betriebserlaubnis und durften nicht wieder ans Netz. Das Atomkraftwerk bei Esenshamm im Landkreis Wesermarsch war 1978 in Betrieb genommen worden und hatte seitdem mit 305 Milliarden Kilowattstunden so viel Strom erzeugt wie kein anderes Kernkraftwerk mit nur einem Reaktorblock weltweit. Am 6. Februar 2018 erhielt Eigentümerin Preussen Elektra – die Kernenergie-Sparte des Eon-Konzerns – die erste von zwei vorgesehenen Genehmigungen für Stilllegung und Abbau.

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Wie läuft denn der Rückbau des Kernkraftwerks ab?

Der Rückbau erfolgt von innen nach außen. Zunächst werden die nicht mehr benötigten Systeme demontiert. In dem von einer Betonkuppel geschützten Kontrollbereich entsteht ein Reststoff-Bearbeitungszentrum, in dem die Komponenten aus dem Reaktorgebäude zerlegt und verpackt werden. Die Demontage der Einbauten, des Reaktordruckbehälters und der inneren Gebäudestrukturen wird den Angaben nach 13 Jahre dauern. In dieser Zeit wird vom voranschreitenden Abbau äußerlich kaum etwas zu sehen sein. Etwa 2032 beginnt dann der auf zwei Jahre angelegte Abriss der Gebäude.

Befindet sich noch radioaktives Material im Kraftwerk?

Ja. Zwar wurden die letzten intakten Brennelemente des KKU bis Ende Februar im Zwischenlager auf dem Gelände eingelagert. Im Abklingbecken befinden sich allerdings noch die Reste einzelner kaputter Brennstäbe. Sie sollen bis 2019 geborgen, in Glas eingeschmolzen und in Castor-Behältern aus Gusseisen und Stahl verpackt ins Zwischenlager gebracht werden. Dort müssen sie zusammen mit den übrigen eingelagerten 39 Elementen aus je 16 mal 16 abgebrannten Brennstäben bleiben, bis ein Endlager zur Verfügung steht. Nach jahrelangen Erkundungen in Gorleben hat die Suche nach einem neuen Endlagerstandort erst 2017 von vorne begonnen.

Was geschieht mit dem Abrissmaterial?

Kommt drauf an. Denn beim Abbau des Kontrollbereichs (193 000 Tonnen) spielt die Reststoffbehandlung eine wichtige Rolle. Die Materialien werden sortiert, gesammelt und aufwendig gereinigt. Ziel ist es, den Anteil an radioaktiven Abfällen so gering wie möglich zu halten. Für die dennoch anfallenden 4200 Tonnen schwach- und mittelradioaktiven Abfälle plant Preussen Elektra den Bau eines neuen Zwischenlagers auf dem Kraftwerksgelände, weil das eigentlich dafür vorgesehene Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter nicht rechtzeitig fertig wird. Weitere 11 900 Tonnen Estrich, Setzsteine, Wand- und Bodenbeschichtungen, Kabel, Isoliermaterial, Rohre und Behälter aus dem Kontrollbereich werden deponiert, verbrannt oder recycelt. Der große Rest (177 000 Tonnen) ist Gebäudeschutt und könnte nach der Reinigung und Freigabe im Straßenbau wiederverwertet werden.

Können radioaktive Stoffe auf der Restmülldeponie landen?

Alles, was zum Kontrollbereich des Kraftwerks gehört, gilt per se als radioaktiver Stoff und unterliegt der atomrechtlichen Überwachung. Doch der Gesetzgeber hält eine Entlassung aus dieser Überwachung für akzeptabel, wenn die Radioaktivität so gering ist, dass sie für Mensch und Umwelt als unbedenklich gilt. Eine Freigabe bedeutet also ausdrücklich nicht, dass die Stoffe keine Radioaktivität enthalten. Im Umfeld der Deponie des Landkreises bei Brake regt sich deshalb bereits Widerstand. Regionale Anti-Atom-Initiativen kritisieren die zulässige Strahlendosis als zu hoch und kündigten eine Klage an. Das vorgesehene Freigabeverfahren sieht vor, dass eine Dosis von zehn Mikrosievert pro Jahr auch unter sehr ungünstigen Umständen nicht überschritten wird. Damit kein belasteter Staub in die Umgebung gelangt, sollen die Abfälle aus dem Kraftwerk in umschlossenen Verpackungen (Big Bags) auf der Deponie angeliefert, in ein „Bett“ gekippt und mit konventionellem Abfall abgedeckt werden.

Wer baut das KKU zurück und können die das überhaupt?

Das technisch anspruchsvolle und komplexe ferngesteuerte Entfernen, Zerlegen und Verpacken der Einbauten aus dem Reaktordruckbehälter unter Wasser übernehmen die Spezialisten eines Konsortiums aus der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) und Westinghouse Electric. Die anfangs eingesetzten 185 technischen Mitarbeiter von Preussen Elektra können auf die Erfahrungen beim Rückbau der Kernkraftwerke Würgassen und Stade zurückgreifen. Hinzu kommen die Mitarbeiter weiterer Firmen, die dauerhaft im KKU arbeiten, dazu anfangs 100 und später bis zu 230 Beschäftigte weiterer regionaler Firmen. Im Gegenzug wird das Eigenpersonal nach und nach auf rund 100 Personen reduziert. Die Freigabe der Abfälle wird von unabhängigen Sachverständigen geprüft und muss von der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde genehmigt werden.

Gibt es eine Alternative zum Abriss?

Regionale Atomkraftgegner hatten eine ins Spiel gebracht. Nach dieser Variante würde das Kraftwerk in einen wartungsarmen sicheren Zustand überführt und erst nach beispielsweise 30 Jahren abgebaut, wenn die von den Einbauten ausgehende Radioaktivität abgenommen und sich die Strahlenbelastung für das Abbaupersonal verringert hat. Es müssten weniger radioaktive Abfälle in einem Endlager untergebracht werden. Der Gesetzgeber sieht diese Variante nicht mehr vor, weil die Entsorgung auf künftige Generationen verschoben würde. Auch aus Sicht von Preussen Elektra überwiegen die Vorteile des direkten Rückbaus. Das Personal mit dem nötigen Know-how sei jetzt verfügbar. Beim sicheren Einschluss würde die Belegschaft bis auf wenige Mitarbeiter reduziert und in 30 Jahren müsste dann neues Personal rekrutiert werden, das die Anlage nicht kennt.

Welche Pläne gibt es für die Zeit nach dem Rückbau?

Eine effektive Nachnutzung des Geländes an der Weser gilt frühestens ab 2035 als realistisch. Die Diskussion darüber beginnt im Mai. Denkbar wäre eine Nutzung der Werkstätten und Nebengebäude etwa durch Handwerksbetriebe. Das stattliche Maschinenhaus mit der Turbine, die den Generator zur Stromerzeugung angetrieben hat, hat einen Bahnanschluss und könnte für größere gewerbliche Nutzer interessant sein. Würden sämtliche Gebäude abgerissen, müssten weitere 482 000 Tonnen Beton, Kabel und Stahl entsorgt werden.

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Welche Kosten fallen an und wer zahlt?

Preussen Elektra schätzt ihre Kosten auf eine Milliarde Euro. Um Zwischen- und Endlagerung kümmert sich in Zukunft die bundeseigene Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ). 2019 übernimmt sie das vorhandene Zwischenlager und nach der Fertigstellung durch Preussen Elektra etwa 2020 auch das neue Zwischenlager. Finanziert wird die Zwischen- und Endlagerung durch einen Fonds, der zum 1. Juli 2017 mit 24,1 Milliarden Euro aus den Rücklagen der Atom-Konzerne gefüllt wurde. Neben Eon sind das RWE, EnBW und Vattenfall.

Kann man das AKW vorher noch besichtigen und was wird aus den Mitarbeitern?

Für Besichtigungen ist es zu spät. Das Besucherzentrum wurde Ende 2012 geschlossen. Das Kraftwerk bietet jedoch in unregelmäßigen Abständen Info-Tage zum Rückbau an. Ein zwischen Unternehmen und Betriebsrat ausgehandeltes Zukunftspaket mit Sozialplan regelt den sozial verträglichen Personalabbau bis 2027. Von der einst 570-köpfigen Belegschaft waren zuletzt noch 185 eigene Mitarbeiter, 130 Wachleute und weitere 40 bis 50 Mitarbeiter sogenannter Dauerfremdfirmen im Kraftwerk beschäftigt. Einige von ihnen dürfen auf eine Anschlussbeschäftigung bei der künftig für die Zwischenlagerung zuständigen BGZ hoffen oder könnten sich an einem anderen Standort bewerben.

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