Landesbergamt spürt Altlasten unter Tage auf / Bislang Hinweise auf mehr als 400 Öl- und Bohrschlammgruben Auf Nimmerwiedersehen

Jahrzehntelang entsorgte die Erdöl- und Erdgasindustrie Bohrschlamm und Lagerstättenwasser im Erdreich. Das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie spürt die undichten Gruben auf. Das Ausmaß der Altlasten ist in Wietze (Kreis Celle) besonders groß. Ein Gutachten bestätigt die Belastung des Bodens in Kallmoor (Kreis Rotenburg) mit krebserregenden Stoffen. Es wird heute Abend erstmals im Kreishaus diskutiert.
25.02.2015, 00:00
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Auf Nimmerwiedersehen
Von Silke Looden

Jahrzehntelang entsorgte die Erdöl- und Erdgasindustrie Bohrschlamm und Lagerstättenwasser im Erdreich. Das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie spürt die undichten Gruben auf. Das Ausmaß der Altlasten ist in Wietze (Kreis Celle) besonders groß. Ein Gutachten bestätigt die Belastung des Bodens in Kallmoor (Kreis Rotenburg) mit krebserregenden Stoffen. Es wird heute Abend erstmals im Kreishaus diskutiert.

Unter dem bereits 1963 stillgelegten Erdölbergwerk in Wietze (Landkreis Celle) schlummern die Altlasten in 228 und 263 Meter Tiefe. Die Deutsche Erdöl AG (DEA) entsorgte hier nach Angaben des niedersächsischen Landesbergamtes von 1982 bis 1997 etwa 910 Kubikmeter ölhaltiges Wasser aus Gewässerunfällen im Landkreis Celle, zirka 11 500 Kubikmeter Lagerstättenwasser aus den Erdgasfeldern in Osthannover und Rotenburg sowie rund 77 300 Kubikmeter salzhaltiges Überstandswasser aus der zentralen Schlammgrube Wietze. Die Einleitung war keineswegs illegal, sondern damals üblich und genehmigt. Der Sprecher des Landesbergamtes, Björn Völlmar, bestätigt: „Die Stoffe sind noch heute unter Tage.“

Eine Gefahr für das Grundwasser sieht das Landesbergamt dennoch nicht. Die Altlasten befänden sich in über 200 Meter Tiefe, das Grundwasser sei nur in den obereren Zehnermetern des Hauptgrundwasserleiters nutzbar. Zudem liege die Grube außerhalb des Trinkwasserschutzgebietes. Ein 25 Meter dicker Tondeckel verschließe die Grube, über eine Abdichtung nach unten sei nichts bekannt. „Eine einhundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben“, räumt der Sprecher ein.

Die Erdölindustrie bescherte der Region um Wietze nach dem Ersten Weltkrieg bis in die 1960er-Jahre hinein einen Boom. Längst sind die oberirdischen Anlagen demontiert, das Bergwerksareal rekultiviert. Der Rückbau wurde bereits 2005 abgeschlossen. Einen weiteren Sanierungsbedarf sieht das Landesbergamt nicht. Auf Nimmerwiedersehen.

Bis heute ist nicht klar, welche Altlasten die Erdöl- und Erdgasindustrie wo in Niedersachsen hinterlassen hat. So hat das Landesbergamt erst im vergangenen Jahr mit einer Bestandsaufnahme begonnen und inzwischen Hinweise auf mehr als 400 Öl- und Bohrschlammgruben in Niedersachsen gefunden. Insgesamt könnten es mehrere Tausend Gruben sein.

Die Recherche erstreckt sich nicht nur auf amtliche Daten und Angaben der Unternehmen, vielerorts liefern Zeitzeugen wertvolle Informationen über längst vergessene Gruben. Auf der Internetseite des Landesbergamtes können inzwischen Lagedaten von mehr als einhundert Gruben eingesehen werden. Das Landesbergamt ist allerdings nur für die Bestandsaufnahme zuständig. Über etwaige Sanierungsmaßnahmen entscheidet das Umweltministerium in Hannover. Ein Grund für Alarmstimmung sei nicht gegeben, sagt Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne).

Nach dem Verursacherprinzip müssen die Firmen, die die Altlasten entsorgten, für die Sanierung aufkommen. Teils aber gilt der Rückbau – wie in Wietze – als bereits abgeschlossen, teils existieren die Unternehmen nicht mehr. Ihre Rechtsnachfolger auszumachen, ist häufig schwer. Umweltminister Wenzel will deshalb zumindest eine Kostenbeteiligung der Erdgas- und Erdölindustrie erreichen.

Auch im Landkreis Rotenburg ist der Bohrschlamm von damals nicht vergessen. Nachdem belastete Bodenproben an der Bohrstelle Kallmoor bekannt wurden, gab die Verwaltung ein Gutachten in Auftrag. Tatsächlich wurde eine erhöhte Konzentration von Mineralölkohlenwasserstoffen und Benzol festgestellt. Beides gilt als krebserregend. Gleichwohl sieht der Landkreis keinen akuten Handlungsbedarf. Menschen kämen nicht direkt mit dem Schlamm in Kontakt, eine Belastung des Grundwassers sei nicht zu erwarten, heißt es in dem Gutachten, das dem WESERKURIER vorliegt. Das Gutachten, soll heute erstmals im Kreishaus öffentlich vorgestellt werden. Vorher wollte sich der zuständige Amtsleiter nicht dazu äußern.

Zuletzt hatte das Landesbergamt erhöhte Quecksilberwerte unweit des Erdgasförderplatzes Völkersen im Flecken Langwedel (Landkreis Verden) gemessen. Der Landkreis Verden ist von den Altlasten der Erdöl- und Erdgasindustrie besonders betroffen, weil dort besonders häufig gebohrt wurde – mindestens 75 Mal. Der Bohrschlamm wurde zumeist in der Nähe des Bohrlochs entsorgt. Um die Gruben ausfindig zu machen, hatte auch der Landkreis Verden Zeugen gesucht. Umso beunruhigter war die Bevölkerung, als die RWE Dea Ende vergangenen Jahres beantragte, giftiges Lagerstättenwasser aus Völkersen an Ort und Stelle zu verpressen.

Eine interaktive Karte mit den bislang bekannten Standorten der Bohrschlammgruben in Niedersachsen hat das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie im Internet veröffentlicht: www.lbeg.niedersachsen.de

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