Wanderer erhalten seelsorgerische und praktische Begleitung vom Hamburger Pastor Lohse Auf Pilgerreise vor der eigenen Haustür

Der Hamburger Pilgerpastor Bernd Lohse ist Wegführer und Seelsorger in einem. Das Pilgern erlebt auch bei den Norddeutschen einen ungeahnten Boom. Dabei lassen sie sich nicht nur auf die alten Routen in Spanien oder Skandinavien locken – gepilgert wird gern auch vor der eigenen Haustür.
11.06.2012, 13:27
Lesedauer: 3 Min
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Von Martin Sonnleitner

Der Hamburger Pilgerpastor Bernd Lohse ist Wegführer und Seelsorger in einem. Das Pilgern erlebt auch bei den Norddeutschen einen ungeahnten Boom. Dabei lassen sie sich nicht nur auf die alten Routen in Spanien oder Skandinavien locken – gepilgert wird gern auch vor der eigenen Haustür.

Hamburg. Mitten in der Hamburger Innenstadt, nur fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, stehen wir auf dem Jakobsweg, eben jenem, der in Santiago de Compostela im spanischen Galicien endet. Es herrscht geschäftiges Treiben , nur die backsteinrote, riesige St. Jacobi-Kirche mahnt zum Innehalten. Drinnen bittet Bernd Lohse zu Kaffee und Kuchen. Lohse ist Pilgerpastor der Nordkirche – der erste seiner Art in Norddeutschland – und erzählt von der Via Baltica. Sie beginnt auf der Insel Usedom, führt über Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein durch Hamburg nach Bremen und Niedersachsen mit dem Ziel Osnabrück. Insgesamt sind es etwa 770 Kilometer. „Der Weg stellt auch das Verbindungsstück von den baltischen Ländern nach Compostela dar“, sagt der Pilgerpastor.

Die Tradition des Pilgerns reicht weit ins Mittelalter zurück, früher waren es die alten Handelswege, auf denen die langen, entbehrungsreiche Wande4rungen absolviert wurden, „da sind heute Autobahnen und Hauptstraßen“, so Lohse. Die Autobahn 7, die von Hamburg nach Bremen führt, war früher der bekannte Pilgerpfad namens Ochsenweg.

1997 entschied der Europarat, sich um die alten Wegstrecken zu kümmern, entlang besonderer Orte, Klöster und Kirchen wurden die Pilgerstrecken wieder abgesteckt. Vor allem der kulturelle Austausch entlang der Strecken ist wichtig. „Während Spaniens Routen schon immer markiert waren, musste hier vieles nachrecherchiert werden“, berichtet Lohse.

Pilgern ist kein einfaches Wandern, es ist religiöse Sinnsuche, das Lesen der Bibel und das Schweigen gehören dazu. „Pilgern ist Beten mit Füßen“, sagt Lohse. In seinem Pilgerbüro laufen viele Fäden zusammen. Er selber begleitet Pilger seelsorgerisch, stellt die Pässe aus oder leitet selbst Pilgerreisen. Gleichzeitig versucht Lohse den Überblick über die Pilgerszene zu behalten und sie zu vernetzen. Pilgern boomt, auch durch Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg.“ Noch vor 35 Jahren waren auf dem Jakobsweg jedes Jahr um die 100 Pilger unterwegs, heute sind es regelmäßig über 100000. Lohse: „2011 hatten wir auf unseren Routen in Norddeutschland 1000 Pilger, eine Jugendherberge hat alleine 600 Übernachtungen gezählt.“ Das Pilgern sei preisgünstig und teuer zugleich. „Kostspielig ist die Energie, die Mühe, die man aufbringen muss“, sagt er. „Es geht um unerledigte Themen, Träume, Sehnsüchte, den Kontakt zu sich selbst.“ Oft sei gerade das Zurückkehren in den Alltag für Pilger hart. „Da hilft es, sich mit Menschen auszutauschen, die Ähnliches erlebt haben“, sagt Lohse, der zum Einstieg kleine Tagespilgertouren oder geistliche Nachtspaziergänge durch Hamburg anbietet. „Das wird super angenommen“, freut er sich.

Erfahrungsaustausch

Was die 35 Leute, die sich im Café in Hamburg-Eimsbüttel getroffen haben, eint, ist die Leidenschaft zu Pilgern. Es sind alle Altersgruppen dabei. „Wir gehen in Gruppen, ich bin aber auch schon 40 Kilometer alleine unterwegs gewesen“, sagt Michaela Gercke. „Ich habe auch schon einmal nach dem Weg gefragt und mir wurde die Bushaltestelle gezeigt“, lacht sie. Von Hamburg nach Bremen bräuchten sie in schnellem Tempo vier Tage. Es ist eine idyllische Route, über den Elbwanderweg, Lühe, Wedel und Harsefeld. „Es sind viele kleine Orte“, schwärmt Gercke, die seit 2007 pilgert. Über Worpswede geht es dann nach Bremen.

Michael Fridetzky ist Pastor an der Hauptkirche St. Trinitatis in Altona. Zehn Minuten entfernt liegt die Reeperbahn. In seiner Gemeinde gibt es einen Übernachtungsraum für Pilger. Gerade heute morgen hat eine rüstige Rentnerin aus Dänemark das Haus verlassen und ist wieder aufgebrochen. Sie hat einen Zettel mit frommen Dankesgrüßen hinterlassen. „Zur Not kommen hier bis zu 20 Leute im Gemeindehaus unter“, sagt er, Isomatten und Luftmatratzen gehören zum Standardgepäck vieler Pilger. Ein Bad gibt es auch, es kostet nichts, eine kleine Spende ist erwünscht. Im Vergleich zur pompöseren katholischen Wallfahrt könne auch gut alleine gepilgert werden, bestätigt Fridetzky.

Pilgerpastor Lohse rät, nicht mehr als 25 Kilometer am Tag zu gehen, man bräuchte gute, eingelaufene Schuhe, einen Rucksack, viel Flüssigkeit, zwei Garnituren Bekleidung, ein Regencape und – wichtig – Funktionsunterwäsche. „Auch ein Buch mit leeren Seiten für die Gedanken unterwegs, empfehle ich“, sagt Lohse

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