Technik aus Niedersachsen Automatisches Notrufsystem wird Pflicht für Neuwagen

Jedes neu zugelassene Auto soll ab April mit einem E-Call-System ausgestattet werden. Bei einem Unfall wird es aktiviert und wählt automatisch 112. Die Technik wurde in Niedersachsen entwickelt.
13.02.2018, 19:10
Lesedauer: 3 Min
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Automatisches Notrufsystem wird Pflicht für Neuwagen
Von Peter Mlodoch

Nachts auf einer kurvigen Landstraße im Landkreis Verden: Ein VW Passat kommt bei glatter Fahrbahn von der Straße ab, rutscht die Böschung herunter und überschlägt sich. Fahrerin und Beifahrer verletzen sich schwer, hängen bewusstlos in ihren Sitzen. Zeugen oder Helfer gibt es keine. Dennoch rast wenige Minuten später ein Rettungswagen los – automatisch alarmiert durch das neue Notrufsystem E-Call. Die beiden Autoinsassen können gerettet werden.

Noch ist es ein fiktiver Fall. Doch ab April ist er überall in Europa denkbar. Jeder dann neu zugelassene Personenwagen muss über die entsprechende, zu großen Teilen in Niedersachsen entwickelte Technik verfügen. Bei einem Crash wird E-Call durch Sensoren aktiviert, wählt die einheitliche Nummer 112 und übermittelt Position, Unfallzeitpunkt, Fahrzeugtyp, Antriebsart und die – durch Gurtklicks festgestellte – Zahl der Insassen an die nächste der rund 250 Rettungsleitstellen in Deutschland, ob in Bremen, Oldenburg oder Hannover. Das kostenlose System, das Satellitenortung und Mobilfunknetze nutzt, können Betroffene auch durch die rote Notruftaste im Auto manuell auslösen.

Dank E-Call viel schneller am Unfallfort

„Die Rettungskräfte sind dank E-Call viel schneller am Unfallfort“, sagte Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) am Dienstag beim Besuch der Feuer- und Rettungswache Hannover. „Mit diesem System können künftig schätzungsweise bis 2500 Verkehrstote innerhalb der EU vermieden werden.“ Neben dem wichtigen Aspekt der Verkehrssicherheit sei der Start von E-Call aber auch ein Beleg für die Führungsrolle Niedersachsens bei intelligenten Verkehrstechnologien.

Das Land hatte sich 2015 erfolgreich für die Umsetzung des Notrufsystems beworben und diese dann in Deutschland und zehn weiteren EU-Staaten koordiniert. Die Kosten des Projekts lagen bei 30 Millionen Euro, die die EU zur Hälfte finanzierte. Bei der Entwicklung der Technik waren niedersächsische Unternehmen der Fahrzeugkommunikation maßgeblich beteiligt. Bald sollen ähnliche Systeme auch für Lastwagen, Busse und Motorräder folgen. Das Projektmanagement lag bei dem in Braunschweig ansässigen Netzwerk ITS mobility, das rund 220 kleine und mittelständische Firmen und Institute verbindet.

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„Weltweit fahren alle Fahrzeuge mit Produkten aus unserem Land“, erklärte ITS-Chef Steve Schneider. Sorgen vor einem „gläsernen Autofahrer“ seien unbegründet, versicherte der Diplom-Informatiker. „Dritte haben keinen Zugang auf die übertragenen Daten, diese gehen nur an die 112.“ Das System zeichne keine Bewegungsprofile auf, da es sich erst bei einem relevanten Unfall einschalte. Im Vorfeld der Einführung von E-Call hatten Verkehrsexperten des Deutschen Anwaltvereins vor möglichen Begehrlichkeiten von Polizei, aber auch von Versicherungsunternehmen und Autokonzernen auf die Unfalldaten gewarnt. Das Fehlverhalten eines Autofahrers sei möglicherweise noch lange zurückzuverfolgen.

Diese Bedenken sieht Niedersachsens Datenschutzbeauftrage Barbara Thiel mittlerweile ausgeräumt. Die EU habe nicht zuletzt auf Druck der Datenschützer umfangreiche Regelungen zum Schutz der Privatsphäre bei E-Call getroffen, sagte Sprecher Jens Thurow dem WESER-KURIER. „Insbesondere die Klarstellung, dass durch den Einsatz des Systems eine Ortung des Fahrzeuges nicht möglich sein soll und die Bildung eines genauen Bewegungsbildes, wie es heute etwa mit eingeschalteten Handys möglich ist, nicht stattfindet, entspricht den datenschutzrechtlichen Vorgaben.“ Dafür seien auch durch die Beschränkung des abgesetzten Datensatzes auf Mindestinformationen ausreichende Vorkehrungen getroffen. Außerdem werde das System ja nur bei schwereren Unfällen aktiv.

Bedenken der Datenschützer

Gleichzeitig blickten die Datenschützer jedoch mahnend in die weitere Zukunft. Mit dem E-Call-System beginne auch technisch das Zusammenwachsen von Kfz und Internet. „Es muss sichergestellt sein, dass keine personenbezogenen Daten unbefugt weitergegeben werden“, betonte Datenschützer Thurow. Das Notrufsystem sei dabei nur ein Baustein des vernetzten Fahrzeuges, in dem permanent eine Vielzahl von Daten erzeugt würden, die natürlich auch für die Wirtschaft interessant seien.

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