Hamburger Polizei-Sonderkommission hat offenbar erste Erkenntnisse über jugendliche Täter und ihre Motive Autos anzünden als Mutprobe

Hamburg·Hannover. Brennende Autos sind für Polizei und Feuerwehr in Hamburg fast zum Alltag geworden. Nur wenige Nächte vergehen, in denen kein Wagen in Flammen steht. Allein in der Nacht zum Mittwoch brannten vier Autos. Die Fahndungen nach den Brandstiftern verliefen bislang meist erfolglos. Zu schnell konnten die Täter fliehen. Doch nun scheint die Polizei den Tätern dicht auf den Fersen zu sein. Im Visier hat sie mehrere Jugendbanden, in denen die Taten als Mutprobe gelten. Auch in Hannover stehen immer wieder Autos in Flammen.
29.04.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Berit Waschatz und Justus Randt

Hamburg·Hannover. Brennende Autos sind für Polizei und Feuerwehr in Hamburg fast zum Alltag geworden. Nur wenige Nächte vergehen, in denen kein Wagen in Flammen steht. Allein in der Nacht zum Mittwoch brannten vier Autos. Die Fahndungen nach den Brandstiftern verliefen bislang meist erfolglos. Zu schnell konnten die Täter fliehen. Doch nun scheint die Polizei den Tätern dicht auf den Fersen zu sein. Im Visier hat sie mehrere Jugendbanden, in denen die Taten als Mutprobe gelten. Auch in Hannover stehen immer wieder Autos in Flammen.

Seit Beginn des Jahres 2010 bis Mitte März 2011 waren es nach Angaben der Polizeidirektion Hannover 32 Taten, die registriert wurden. Allein diese Woche waren es aber bereits zwei Fahrzeuge, die in Flammen aufgingen. Es gibt keine örtlichen Schwerpunkte, keine Zusammenhänge zwischen den Taten und man kann nicht sagen, dass Jugendbanden die Täter sind", sagt Sprecherin Anja Gläser. Obwohl die Hamburger und die Hannoveraner Ermittler sich austauschten, seien keine Gemeinsamkeiten aufgefallen - im Gegenteil: "In Hannover brennen auch Kleinwagen."

Zwei Schwerpunkte im Blick

"Die Brandstifter sind bekannt", verriet ein Hamburger Fahnder dem "Hamburger Abendblatt". Der Jugendschutz und die wegen der Autobrände eingesetzte Sonderkommission "Florian" hätten zehn bis zwölf Jugendgruppen ausgemacht, die für die Taten verantwortlich sein sollen. Auch wenn die Autos im gesamten Stadtgebiet brennen, konzentrieren sich die Beamten auf zwei Schwerpunkte. Einer davon soll im Stadtteil Barmbek-Süd liegen. Bei den Brandstiftungen soll es um Mutproben gehen. "Die einen sichern sich ihren Platz in der Gruppe, weil sie gut rappen oder sprayen können. Und wer auf diesen Gebieten nicht punkten kann, reagiert möglicherweise kriminell, zündet Autos an und erarbeitet sich dadurch eine Art Ruhm in der Gruppe", wird ein Fahnder zitiert. Die Jugendlichen sollen sich sogar nach ihrer Tat vor den brennenden Autos mit Handys fotografiert haben.

Doch auch wenn die Polizei die Brandstifter zu kennen glaubt, ist es schwierig, sie auf frischer Tat zu schnappen. Denn meist zünden sie laut dem Fahnder Autos direkt in der Nachbarschaft an und können so blitzschnell verschwinden. Selbst in Sackgassen ohne Fluchtweg konnten die Täter bislang immer entkommen.

Seit Kurzem verfolgen die Beamten ein neues Konzept. Sie erstatten Jugendlichen, die sie im Verdacht haben und die bereits als Sachbeschädiger oder Brandstifter aufgefallen sind, einen Besuch ab. Dabei will die Polizei ihnen vor allem zeigen, dass sie beobachtet werden. Aber: "Es ist nicht zu erwarten, dass mit dem Konzept ein Schalter umgelegt wurde, und plötzlich brennt es gar nicht mehr", sagte der Fahnder.

Polizei und Innenbehörde wollten den Teilerfolg nach monatelanger Ermittlungsarbeit gestern nicht kommentieren. Angeblich ist der Polizeipräsident wenig amüsiert darüber gewesen, dass einer seiner Mitarbeiter gegenüber Journalisten geplaudert hat. Denn eigentlich sollte das Konzept der Polizei geheim bleiben - so lange, bis die Täter geschnappt sind.

Innensenator Michael Neumann (SPD) hatte zwar kürzlich bestätigt, dass es ein neues Vorgehen gegen die Brandstifter gibt. Details gab er damals jedoch nicht preis. "Manchmal ist es besser, wenn ein Gegenüber nicht weiß, wie man sich verhält", sagte er während einer Pressekonferenz. Neumann will den Ermittlern drei Monate Zeit geben und abwarten, ob die Polizei mit dem Konzept Erfolg hat.

Bisher sahen die Ermittlungsergebnisse der Polizei eher dürftig aus. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 158 Fälle von Autobränden. In diesem Jahr registrierten die Beamten immerhin schon 117 Fälle. Mal brannte nur ein Wagen, mal waren es gleich mehrere. Von den Tätern fehle - bis auf wenige Ausnahmen - jede Spur. Auch eine Belohnung von 20000 Euro brachte die Beamten bislang nicht ans Ziel.

Selbst der nächtliche Einsatz von Hubschraubern blieb erfolglos und wurde dann auch schnell wieder eingestellt - vor allem, weil sich Anwohner beschwerten. Denn vor einiger Zeit kreiste die Polizei noch regelmäßig nachts hoch oben über Hamburg. Wenn ein Brand gemeldet wurde oder es Hinweise auf einen Täter gab, ging der Hubschrauber runter und störte die Anwohner in ihrer Nachtruhe. Der Pressesprecher der Innenbehörde bezeichnete dieses Vorgehen nun als "Aktionismus", der nichts gebracht, aber viel Geld gekostet habe. "Die Leute haben sich zu Recht beschwert", sagte Ralf Kunz auf Nachfrage.

Mehr Effektivität verspricht sich die Polizei von der Auswertung von Handydaten. Doch das ist nicht so einfach, da die rechtlichen Hürden dafür hoch liegen. "Voraussetzung für die Funkzellenauswertung ist, dass die polizeilichen Ermittlungen konkrete Anhaltspunkte dafür zutage gefördert haben, dass der Tatverdächtige eine Mobilfunkeinrichtung, zum Beispiel ein Handy, auch tatsächlich während der Tatausführung genutzt beziehungsweise bei sich geführt hat", erklärte Gerichtssprecher Conrad Müller-Horn. Ein Eingriff dürfe nicht ins Blaue hinein erfolgen.

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