Auf der Rückreise von Niedersachsenfeier in Berlin sitzen Politiker und Ministerialbeamte im Intercity fest Bahnchaos: Abgeordnete zu spät im Landtag

Hannover·Berlin. Die Rund-SMS von CDU-Parlamentsgeschäftsführer Jens Nacke hat etwas Panisches: "Geschäftsordnungsdebatte! Sofort in den Saal", befiehlt die Handy-Botschaft den Abgeordneten. Im Speisewagen des ICE 640 von Berlin nach Hannover löst das nur Galgenhumor aus. Der Zug mit einem Dutzend Parlamentariern steckt vor der Landeshauptstadt fest, ein Fahrplan-Chaos bei der Bahn bringt auch die Landtagssitzung gehörig durcheinander.
29.06.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Mlodoch

Hannover·Berlin. Die Rund-SMS von CDU-Parlamentsgeschäftsführer Jens Nacke hat etwas Panisches: "Geschäftsordnungsdebatte! Sofort in den Saal", befiehlt die Handy-Botschaft den Abgeordneten. Im Speisewagen des ICE 640 von Berlin nach Hannover löst das nur Galgenhumor aus. Der Zug mit einem Dutzend Parlamentariern steckt vor der Landeshauptstadt fest, ein Fahrplan-Chaos bei der Bahn bringt auch die Landtagssitzung gehörig durcheinander.

Es ist Dienstag, der Morgen nach dem fröhlichen Fest in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin. 3000 Gäste hatten dort bei bestem Wetter und kulinarischen Köstlichkeiten aus ganz Niedersachsen bis tief in die Nacht gefeiert. Jetzt stehen etliche von ihnen ratlos im Berliner Hauptbahnhof herum. Die großen Anzeigentafeln stimmen nicht, schicken die Reisenden samt Gepäck auf falsche Gleise, von den oberen Bahnsteigen über mehrere Rolltreppen in die Tiefebene. Drei Vormittagsschnellzüge Richtung Hannover haben satte Verspätungen; mal fehlt eine komplette Zughälfte, mal muss ein Zugführer erst mit dem Taxi durch Berlin herangekarrt werden.

Hektisches Hin und Her

Mehrmals wechseln die Abgeordneten und Ministerialbeamten Gleise und Züge, weil kein Bahnmitarbeiter verbindlich erklären will oder kann, welcher ICE denn nun als erster startet. Nach einem hektischen Hin und Her sitzen die parlamentarischen Berlin-Touristen dann im ICE 640, der mit 70 Minuten Verspätung endlich in der Bundeshauptstadt losfährt. Der CDU-Abgeordnete Jörg Hillmer trommelt eine Skatrunde zusammen.

"Schafft es die Bahn, dass wir zum Tag der Einheit am 3. Oktober wieder in Berlin sind?", neckt CDU-Kollege Jan Ahlers eine Schaffnerin. Die rächt sich und weist die Abgeordneten zurecht, dass deren vom Landtag ausgestellte Netzkarten nicht zu einer Entschädigung berechtigen: "Sie kriegen nichts." Normalsterbliche werden allerdings auch nicht reich. Für mehr als 60 Minuten Verspätung erstattet die Bahn gerade mal 25 Prozent des Reisepreises - angesichts des bürokratischen Aufwands mit einem mehrseitigen Formular keine lohnende Angelegenheit.

CDU-Parlamentarierin Swantje Hartmann plaudert derweil angeregt mit der Ehefrau von Garrelt Duin, früher mal, als die Delmenhorsterin noch Genossin war, SPD-Landeschef von Niedersachsen. Immerhin gibt es hier im Speisewagen Kaffee und Brötchen. "Das Bordrestaurant im hinteren Zugteil ist geschlossen wegen fehlender Waren", ertönt es aus dem Lautsprecher.

"Irgendeiner muss Dinkla anrufen", fällt dann einem Abgeordneten siedend heiß ein, als sich die Verpätung wegen eines außerfahrplanmäßigen Zusatzstopps in Wolfsburg, diverser Baustellen und zu guter Letzt auch noch wegen einer Signalstörung weiter aufaddiert. Parlamentspräsident Hermann Dinkla (CDU) ist gemeint, man müsse sich doch rechtzeitig vor Sitzungsbeginn um 13.30 Uhr entschuldigen, vielleicht könne das Plenum sogar warten. Das tut es nicht. Und prompt gerät die Koalition in die Bredouille, zumal im nachfolgenden Zug ebenfalls noch Abgeordnete sitzen. Da die meisten der verspäteten Zugfahrer der CDU und FDP angehören, gerät deren Mehrheit in Gefahr - just als die Grünen beantragen, die für den heutigen Mittwoch geplante Regierungserklärung von Ministerpräsident David McAllister (CDU) zur Energiewende auf Freitag zu verschieben. "Das ist eine Schweinerei, wenn die das jetzt ausnutzen", fluchen die per SMS informierten Abgeordneten im Speisewagen.

Die Sorge der Christdemokraten ist unbegründet. "Die Regierung hat im Landtag jederzeit Rederecht", weist Justizminister Bernd Busemann (CDU) dort auf die verfassungsrechtliche Lage hin. Einzelne Fraktionen könnten dies nicht verhindern. Der Mittwoch, beharrt denn auch McAllister, sei ein guter Termin. Damit ist die vermeintliche Geschäftsordnungsdebatte auch schon zu Ende, zu einer Abstimmung kommt es gar nicht mehr. Die Abenteuer Schiene bleibt für die Abgeordneten ohne parlamentarische Folgen. Nicht ausgeschlossen ist freilich, dass sie ihrer Irrfahrt nun eine parlamentarische Initiative zur Verbessrung der Qualität bei der Bahn folgen lassen?

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