Lärmschutz Ausbau in Niedersachen kommt schleppend voran

In Niedersachsen sinken seit vier Jahren die Investitionen in den aktiven Lärmschutz. Im vergangenen Jahr wurde lediglich ein einziger Kilometer Strecke nachträglich saniert.
15.05.2020, 22:28
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Ausbau in Niedersachen kommt schleppend voran
Von Peter Mlodoch

Beim Lärmschutz kommt die Deutsche Bahn in Niedersachsen äußerst schleppend voran. Im vergangenen Jahr wurde lediglich ein einziger Kilometer Strecke nachträglich lärmsaniert. In den Jahren zuvor waren es noch 6,8 und 6,5 Kilometer. Das ergibt sich aus einer Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler (Grüne) aus Hannover. Danach sinken in Niedersachsen seit vier Jahren die Investitionen in den aktiven Lärmschutz direkt an den Strecken, etwa für Schallschutzwände. Betrugen diese Mittel 2016 noch 18,7 Millionen Euro, waren es 2019 nur noch zwölf Millionen Euro. Für passive Maßnahmen an streckennahen Gebäuden wie Isolierfenster oder Dämmungen von Außenwänden flossen 2019 lediglich 900.000 Euro. 180 Wohnungen erhielten Mittel aus diesem Topf.

Fast 395.800 Niedersachsen sind laut Ministeriumsauskunft, die dem WESER-KURIER vorliegt, tagsüber von Zug-Lärm mit einer Stärke von 60 Dezibel (dB) Schalldruck betroffen, das sind rund fünf Prozent der Bevölkerung. 20.000 Bürger müssen Lautstärken von 70 zu 75 db ertragen, 8770 sogar über 75 dB. Dieser Wert entspricht dem Krach eines Gewitters oder eines beschleunigenden Motorrads. Laut Studien sind ab 60 dB bei längerer Einwirkung Hörschäden möglich; ab 65 dB steigt das Risiko von Herzkrankheiten. Nachts sieht es insgesamt zwar besser aus; aber mehr als 6000 Niedersachsen sind Bahnkrach von mehr als 70 dB ausgesetzt.

Ein Kilometer in einem Jahr lärmsaniert

„Jeden Tag und auch jede Nacht sind tausende Menschen von Schienenlärm betroffen. Dass in ganz Niedersachsen im Jahr 2019 lediglich ein einziger Kilometer lärmsaniert wurde, ist ein erschreckendes Armutszeugnis“, kritisiert Kindler im Gespräch mit dem WESER-KURIER. „Wenn es in diesem Schneckentempo voran geht, dann dauert es noch hundert Jahre, bis die Lärmsanierung abgeschlossen ist.“ Hier würden falsche Prioritäten gesetzt, sagt der Grünen-Parlamentarier. „Die lärmgeplagten Menschen in Niedersachsen können sich auch bei den drei CSU-Verkehrsministern Peter Ramsauer, Alexander Dobrindt und Andreas Scheuer für den Lärm bedanken, denn jahrelang waren bayerische Straßen wichtiger als der Lärmschutz im Norden.“

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1999 hatte der Bund für das Bahnnetz ein Lärmsanierungsprogramm gestartet. Es gilt für freiwillige Maßnahmen an bereits bestehenden Schienenwegen, die anders als Neu- oder Erweiterungsbauten nicht unter die strengen Grenzwerte der Verkehrslärmschutzverordnung fallen. Aus diesem Topf wurden in Niedersachsen seitdem insgesamt 285,68 Kilometer Strecke nachträglich mit aktivem Schallschutz gegen eine übermäßige Geräuschbelastung ausgestattet. 4700 Wohnungen entlang den Schienen erhielten in den vergangenen Jahren Schallschutzfenster und andere passive Maßnahmen. Aber etliche geplagte Gleisanwohner warten noch. Im 144-seitigen Bahn-Verzeichnis „der noch zu bearbeitenden Lärmsanierungsbereiche“ befinden sich unter anderem kleinere Schiene- Abschnitte in Verden, Achim, Kirchlinteln und Bremerhaven sowie 34 Kilometer der Strecke Cuxhaven-Stade. Kindler fordert eine deutliche Aufstockung der Mittel für Niedersachsen. Es gehe nämlich auch um Akzeptanz des umweltfreundlichen Verkehrsmittels Bahn: „Wir müssen dringend mehr Güter von der Straße auf die Schiene verlagern, aber dafür muss die Bundesregierung den Lärmschutz endlich ernst nehmen.“

Keine Lärmschutzmaßnahme aus 2015 umgesetzt

Besonders ärgert sich der Bundestagsabgeordnete darüber, dass in Niedersachsen trotz nachgewiesener Minderungswirkung keine einzige innovative Lärmschutzmaßnahme aus der 2015 novellierten Schallschutzrichtlinie 03 verbaut worden sei. Dabei handelt es sich um niedrige Schutzwände sehr nah am Gleis, um Schienenstegdämpfer, um Schmiereinrichtungen oder um Brückenentdröhnungen. Diese Mittel seien vom Eisenbahn-Bundesamt im Vergleich zu konventionellen Maßnahmen als „nicht wirtschaftlich“ befunden worden, erklärt das Bundesverkehrsministerium.

„Das ist total absurd“, kritisiert Kindler. Es könne doch nicht die Konsequenz sein, dass man einfach alles macht wie bisher und vollkommen auf innovative Lärmschutzmaßnahmen verzichtet, meint der Abgeordnete. „Wir müssen alles, was technisch machbar ist und Lärm reduziert, auch einsetzen. Innovative Lärmschutzmaßnahmen wurden doch nicht für die Schublade erforscht und getestet.“

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