Einzige Sparkasse schließt Baltrum und das Bargeld-Problem

Auf der kleinsten der Ostfriesischen Inseln schließt an diesem Freitag die einzige Sparkasse. Unter den Einwohnern löst das Proteste aus - Sie wollen das Finanzministerium einschalten.
30.11.2017, 22:22
Lesedauer: 4 Min
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Baltrum und das Bargeld-Problem
Von Martin Wein

Unter den 600 Einwohnern der Insel Baltrum kursierte über Jahre ein kleiner Witz. Ganze Scharen von Urlaubern hätten in der Sommersaison freitags die ­winzige Filiale der örtlichen Sparkasse in einem Klinkeranbau von Inselhaus Nr. 159 aufgesucht, um Bargeld abzuholen. Sonnabends ist Zahltag bei vielen Fremdenzimmern und Ferienwohnungen. Dazu musste man sich durchaus beeilen, denn das Kreditinstitut hat täglich nur zwei Stunden geöffnet und schließt wie im „Western von gestern“ um Punkt zwölf Uhr. Nur montags hat die Sparkasse auch nachmittags nochmals offen. Denn dann bringen die Inselwirte und Vermieter, so die Pointe, dasselbe Geld wieder auf die Sparkasse.

Damit ist seit diesem Freitag Schluss. Die Sparkasse Aurich-Norden hat ihre Filiale auf der kleinsten der Ostfriesischen Inseln für immer geschlossen. Nur ein Geldautomat und ein Drucker für Kontoauszüge verbleiben auf der Insel. Schon vor Jahren hatte das Kreditinstitut die Immobilie verkauft und lediglich den Geschäftsraum gepachtet. „Das Institut arbeitet dort seit Jahren deutlich defizitär“, sagt Pressesprecherin Petra Zschietzschmann. Man habe das lange toleriert. Doch viele Dienstleistungen würden bereits jetzt filialunabhängig angeboten. Und die Kundenberater kämen auch künftig gerne für persönliche Termine auf die Insel. Auch sechs weitere Standorte wurden aufgegeben oder zu SB-Stationen verkleinert. Auf den Inseln Juist und Norderney will die Sparkasse Aurich-Norden aber weiterhin mit Personal präsent bleiben.

Breiter Protest gegen Schließung

In der Bevölkerung sieht man das deutlich anders. Vertreter der wichtigsten Institutionen und Vereine, darunter der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, der Kultur- und Sportverein, der Heimatverein, Baltrum Aktiv, der Verein Tidenhus, der Baltrumer Bootsclub und alle im Rat der ­Inselgemeinde vertretenen Parteien und Gruppierungen, haben gegen die Schließung protestiert. Mit einer Einschränkung der Geschäftszeiten auf ein oder zwei Tage könne man leben. „Es ist aber nicht vorstellbar, dass wir als Geschäftskunden unser erwirtschaftetes Bargeld nicht vor Ort einzahlen können“, schrieben die Unterzeichner.

Genau das wird ihnen nun aber abverlangt. Mit der tideabhängigen Fähre müssen sie ihre Tageseinnahmen nach Neßmersiel bringen und dort den unregelmäßig fahrenden Bus nach Dornum zur nächsten ­Filiale nehmen. An vielen Tagen wird eine Hin- und Rückreise am selben Tag nicht funktionieren. Das hat auch die Sparkasse eingesehen. Man habe deshalb Gespräche mit einem Werttransportunternehmen geführt, das Bargeld aufs Festland bringen könnte, betont Zschietzschmann. Eine Einigung wurde allerdings noch nicht erzielt. Das Aufstellen wenigstens eines sogenannten Cash-Recyclers, der Geld sowohl ausgibt wie auch annimmt, lehnte die ­Sparkasse ab. Ein solches Gerät sei zu störanfällig und angesichts der Umsätze gerade außerhalb der Ferien-Saison zu teuer.

Etliche Kunden sollen inzwischen ihr Geschäftskonto zur ebenfalls in Norden ansässigen Volksbank Freesena gewechselt haben, die auf Baltrum nach wie vor eine ­Filiale betreibt. Allerdings reklamieren viele Insulaner für sich, der Sparkasse über Versicherungen oder Kredite langfristig verbunden zu sein. Der Rat hat deshalb in seiner Novembersitzung beschlossen, das niedersächsische Finanzministerium einzuschalten. Als Aufsichtsbehörde des Sparkassen- und ­Giro- verbandes soll es prüfen, ob das Kreditinstitut als Anstalt öffentlichen Rechts mit der Streichung des Angebots seine Pflichtaufgaben verletzt.

Bürgermeister verfolgt andere Pläne

Im überschaubaren Inselrathaus sieht Bürgermeister Berthold Tuitjer die Dinge gelassener. Außerhalb der Saison begegne er auf dem Weg zum Büro manchmal drei Tage lang keiner Menschenseele, erzählt der 48-Jährige. Viele Insulaner machten nun selbst länger Urlaub auf dem Festland. Nur während der Saison zwischen Ostern und Oktober und über den Jahreswechsel hätten die 40 bis 50 Gewerbetreibenden hohe Umsätze. Tuitjer möchte die Entwicklung nutzen, um Baltrum zu einer bargeldlosen Insel zu entwickeln. „Auf Kreuzfahrtschiffen zahlt man auch alle Dienstleistungen mit einer Magnetkarte“, erklärt er. Als Modellprojekt könne die Inselgemeinde bei Finanzdienstleistern und dem Land sicher rasch Fördergelder für entsprechende Zahlungssysteme einwerben, glaubt Tuitjer.

Zudem müssten die Insulaner ohnehin bisweilen aufs Festland. So ist beispielsweise auch die Inselapotheke seit November bis Anfang April geschlossen. Auch der Bürgermeister ist seit seinem Amtsantritt 2013 nur werktags auf der Insel. Seine Familie lebt in Emden. Mit Vorliebe bringt er zudem seine Idee wieder ins Spiel, die Insel per Seilbahn mit dem Festland zu verbinden. Der österreichische Hersteller Doppelmayr ­hatte dazu bereits im vergangenen Jahr ein Angebot abgegeben. Mit einer rund vier Kilometer langen Kabinenbahn wäre die Insel in nur zehn Minuten vom Festland aus erreichbar – unabhängig von Ebbe und Flut, geräuschlos und angeblich bis Windstärke zehn. Dann bleiben auch die Inselfähren im Hafen. Fünf 65 Meter hohe Stützen wären dafür nötig und Investitionen von 19 Millionen Euro. Der Gemeinderat ließ Tuitjer mit seiner Idee abblitzen.

In einem anderen Bereich haben die Insulaner dagegen schon vor 25 Jahren die Initiative ergriffen. Da die üblichen Lebensmittel-Discounter einen Bogen um die ­kleine Insel und ihre wenigen Besucher machen, gründeten rund 200 Insulaner und einige langjährige Gäste 1993 eine Genossenschaft, die heute den Insel-Markt betreibt. Dort gibt es längst auch eine eigene Bäckerei. Bargeldlos bezahlen geht natürlich auch.

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