Umweltschützer und Profis vom Landesamt machen sich für Wildbienen stark Basis für Brummer

Hannover. Wenn Otto Boecking anfängt, von seinem Fachgebiet zu erzählen, gerät der Bienenkundler ins Schwärmen: „Es gibt Kuckucksbienen, die ihre Eier in die Nester anderer Wildbienen legen!“ Was es nicht alles gibt, denkt der Zuhörer. „Und es gibt Kuckuckshummeln, die die Arbeiterinnen eines anderen Volkes dazu bringen, ihre Königin umzubringen und für sie zu arbeiten.
26.02.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Basis für Brummer
Von Justus Randt

Hannover. Wenn Otto Boecking anfängt, von seinem Fachgebiet zu erzählen, gerät der Bienenkundler ins Schwärmen: „Es gibt Kuckucksbienen, die ihre Eier in die Nester anderer Wildbienen legen!“ Was es nicht alles gibt, denkt der Zuhörer. „Und es gibt Kuckuckshummeln, die die Arbeiterinnen eines anderen Volkes dazu bringen, ihre Königin umzubringen und für sie zu arbeiten.“ Staatsstreich in der Tierwelt – da staunt der Laie.

Einen echten Umbruch will der Experte vom Institut für Bienenkunde beim Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) in Celle auch für die Lebensbedingungen der Insekten erreichen. Zusammen mit Luisa Stemmler, die beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) das „Netzwerk Wildbienenschutz in Niedersachsen“ leitet – ein knapp dreijähriges Projekt, das mit der ablaufenden Woche beendet worden ist.

Das soll aber keinesfalls das Aus für das vereinte Engagement zum Wohl der Wildbienen und weiterer Stechimmenarten bedeuten. Im Gegenteil: „Wir werden einen Verein gründen und eine Resolution an Bundesumweltministerin Hendricks und die niedersächsischen Minister für Umwelt und für Landwirtschaft richten“, sagte Boecking, kurz bevor er in Hannover zum Grußwort beim „Wildbienentag Hannover“ anhob. Mit der Resolution könnte es bis Mitte März dauern, wenn bei der Jahrestagung der Bienenexperten in Celle das 90-jährige Bestehen des Celler Instituts gefeiert wird. Dann wollen die Wildbienen-Netzwerker auch die Ergebnisse ihrer Arbeit im Detail vorstellen. Schon jetzt stehe aber fest, dass es gelungen sei, ein Bewusstsein für die Situation der Wildbienen zu erzeugen und Mitstreiter zu gewinnen.

Viele Wild- und Kulturpflanzen könnten ohne die Wildbienen, die sie bestäuben, nicht existieren. Anders als die Honigbienen sind deren wilde Verwandte oft auf ganz bestimmte Blütenpflanzen spezialisiert. Sie brauchen zum Beispiel die Blätter des Klatschmohns, um ihren Bau zu stabilisieren und auszukleiden. Eine typische Eigenschaft kann den Wildbienen zum Verhängnis werden: Ihr Aktionsradius ist mit wenigen Hundert Metern viel kleiner als der der Honigbienen. Sie sind darauf angewiesen, dass sie Bodenstellen und Niststandorte, zum Beispiel von Menschenhand geschaffene Insektenhotels, in der Nähe geeigneter Blühflächen finden – oder umgekehrt.

Mehr als die Hälfte der etwa 560 Wildbienenarten, die in Deutschland vorkommen, gilt als gefährdet. „Mindestens die Hälfte der 362 in Niedersachsen und Bremen nachgewiesenen Arten ist bedroht“, sagt Boecking. „Den Artenschwund stoppen, um den Artenschutz voranzubringen“, lautet seine Devise. „Hierzu gibt es auch auf politischer Ebene eine gewisse Nachholreserve.“

Beim Wildbienentag am vergangenen Freitag hat der BUND in Hannover die Teilnehmer mehrerer Wettbewerbe ausgezeichnet, die sich um die Lebensbedingungen der Wildbienen verdient gemacht haben: Unter den Bewerbern als ­wildbienenfreundlichste Kommune gewann Rotenburg vor Osnabrück und ­Oldenburg. Im Wettbewerb „Summender Garten“ erreichten Claudia und Jörg Basler aus Osterholz-Scharmbeck (Landkreis Osterholz) den zweiten Platz. Um außer den Ohren auch den Blick für die Wildbienen zu schärfen, gab es zudem einen Fotowettbewerb.

Luisa Stemmler und ihr Mitstreiter beim BUND, Jakob Klucken, der aus Brinkum stammt, können auch vor der eigentlichen Präsentation schon Erfolge vorweisen: Schließlich sei dies „eines der ersten Artenschutzprojekte speziell für Wildbienen“ in Niedersachsen. Haupt- und Ehrenamtliche hätten Wildbienenfauna und Artenschutzmaßnahmen auf acht Flächen in der Diepholzer Moorniederung, im Wendland und im Landkreis Rotenburg erfasst. Unter anderem gab es fünf Fachtagungen, viele Beratungsgespräche und eine Wildbienen-Kennenlernaktion in einem Kindergarten.Auf Exkursionen, bei Vorträgen und in Seminaren hat Klucken landauf landab viel über die Wildbienen vermitteln können – dass sie unverzichtbar sind, weil ohne sie beispielsweise Glockenblumen, Hahnenfuß oder Malven viel seltener wären – und dass die Apfel- und Kirschernte geringer ausfiele. Dabei sind längst nicht alle Wildbienen so leicht zu erkennen wie die grau-silbrige Große Weiden-Sandbiene, die von Februar bis April fliegt und ausschließlich Weidenpollen sammelt. „Man sieht sie mit wachen Augen an sonnigen Tagen“, sagt Jakob ­Klucken.

„Man sieht sie mit wachen Augen an sonnigen Tagen.“ Jakob Klucken, Projektmitarbeiter
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