Wegfall der Milchquote

Bauern suchen neue Wege

In einem Dorf zwischen Bremen und Bruchhausen-Vilsen, wächst ein Kuhstall heran, der so groß werden könnte wie kein anderer im Norden. Eine offenbar alternativlose Entscheidung.
08.12.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Bauern suchen neue Wege
Von Jürgen Hinrichs
Bauern suchen neue Wege

Kai Glander beim Melken. Der 26-Jährige ist Betriebsleiter auf dem Hof in Riede.

Focke Strangmann

In Riede, einem Dorf zwischen Bremen und Bruchhausen-Vilsen, wächst ein Kuhstall heran, der so groß werden könnte wie kein anderer im Norden. Die Pläne zielen auf 1400 Tiere, zurzeit sind es noch 400. Milchwirtschaft als Massenbetrieb – so wie sich der Markt entwickelt, gibt es dazu abseits der ökologischen Landwirtschaft offenbar keine Alternative.

Kein Mensch zu sehen, nur Tiere, lauter Tiere. 400 Kühe, die im offenen Stall stehen, ihr Futter fressen und mit Kuhaugen die Welt betrachten, na ja, ein klitzekleines Stück davon. Kein Mensch, wirklich nicht, die Tiere sind allein, unter sich. Wer melkt sie, mistet den Stall aus? Wo ist der Bauer oder die Bäuerin? Es ist still, und die Kühe tun, was sie immer tun, sie malmen. Eine friedliche Stimmung, aber irgendwo muss sie doch hinführen? Hallo? Ist da wer?

Nach zehn Minuten kommt doch mal jemand. Kai Glander, 26 Jahre alt und Landwirt von Beruf. Er ist der Betriebsleiter, wie sich herausstellt. Zwei Familien, die sich zusammengetan haben und seit Juni in Riede in der Samtgemeinde Thedinghausen einen Hof bewirtschaften. Glander ist der Sohn, seine Eltern haben sich getrennt und sind danach geschäftlich wieder zusammengekommen.

Es ist ihr großes Projekt da draußen, inmitten der Äcker und Wiesen. Manche meinen, ein viel zu großes, weshalb es Proteste gibt, das böse Wort von der Massentierhaltung macht die Runde. Auch schwingt die Furcht mit, dass die alten Höfe kaputtgehen könnten, die kleinen und mittleren. Sie haben wenig Chancen in einer Agrarindustrie, die einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb auslöst.

Glander nickt und widerspricht mit keinem Wort. „Ja“, sagt er, „die kleineren Betriebe werden nach und nach aufgeben.“ Ein Marktgesetz, gerade jetzt und besonders bei den Milchbauern. Im Frühjahr wird es eine Zäsur geben, dann fällt nach 31 Jahren die Milchquote der Europäischen Union, und jeder Landwirt kann so viel produzieren wie er will. Was jetzt schon zu viel ist und den Preis drückt, weil es mehr Angebot als Nachfrage gibt, wird dann noch mehr sein, viel mehr. Mithalten kann nur, wer so viel Menge erzeugt, dass es bei niedrigsten Gewinnmargen für den Liter Milch gerade noch lohnt.

8500 Euro pro Stellplatz

So ist die Situation, deshalb sind die beiden Familien in Riede jetzt voll ins Risiko gegangen. Aus den 400 Kühen sollen im Laufe eines Jahres 800 werden, jeden Monat kommen 30 bis 40 Tiere dazu. Für den einzelnen Stellplatz rechnet Glander mit Kosten von rund 8500 Euro, zusammengerechnet bedeutet das eine Investition von fast sieben Millionen Euro.

Und damit muss noch nicht Schluss sein. Es könnten 1400 Kühe werden, der Platz dafür ist da, „und solche Überlegungen gibt es natürlich“, sagt der Landwirt. Er würde dann einen der größten Kuhställe in Deutschland bewirtschaften. Mit nur wenigen Mitarbeitern, denn der Betrieb ist voll automatisiert, computergestützt und per Video überwacht. Melken, das geht nicht anders, muss freilich immer noch der Mensch, mit der Maschine natürlich, aber von Hand gesteuert.

Nicht wenigen Menschen in Riede und Umgebung ist diese Entwicklung geradezu unheimlich. Da wächst etwas heran, was sie in dieser Größenordnung nicht kennen. Wohin mit der Gülle zum Beispiel? Wird das Grundwasser belastet? Und wie geht es den Tieren, wenn sie in solchen Massen gehalten werden? Ärger und Unsicherheit, die sich in Sitzungen des Gemeinderats entluden. Am Ergebnis hat das nichts geändert. Das Projekt wurde genehmigt.

Der Kuhstall ist an den Seiten offen, so kommt Luft hinein und Licht.

Der Kuhstall ist an den Seiten offen, so kommt Luft hinein und Licht.

Foto: Focke Strangmann

Grundsätzliche Kritik gab es von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. In Zukunft, so der Verband, würden zunehmend die großen Molkereikonzerne darüber entscheiden, wer ihnen die Milch anliefern dürfe – und das seien vor allem große Milcherzeuger, die möglichst fabriknah und kostengünstig produzierten – „mit Stallhaltung auf Silomaisbasis statt mit Weidegang in Grünlandbetrieben“.

Stimmt, auf die Weide kommen die Kühe nicht, die in dem Großbetrieb gemolken werden. Sie halten sich in Laufgängen und Liegeboxen auf. Der Boden in den Boxen ist mit einem Gemisch aus Kalk, Stroh und Wasser bedeckt. Mehrmals am Tag wird der Mist aus dem Stall gezogen und durch eine Pipeline zu einem riesigen Güllebehälter gepumpt. Wieder sind es Automaten, die das tun. Tierhaltung im Industrieformat.

„Früher war es doch so“, sagt Glander, „die Kühe waren fünf Monate auf der Weide und standen danach sieben Monate angebunden im dunklen Stall.“ Das ist vorbei, wenigstens bei ihm. „Sie haben Luft und Licht und können sich in den Gängen frei bewegen.“ Ein Vorteil im Winter, gewiss, ein Nachteil aber im Sommer, wenn man an die Tiere denkt und nicht an die Ökonomie. Sie dürfen nicht ins Freie, was zwar noch keine Freiheit wäre, aber doch etwas anderes als der strenge Takt im Stall mit seinem Kreislauf von Ausbeutung.

„Solange noch eine drei davor steht, ist es okay“

Milchwirtschaft – das ist heute ein fragiles System, zu dem die maschinengetriebene Effizienz in den Boxen und am Melkstand gehört. Genauso aber auch das Land, um die Gülle loszuwerden und das Futter für die Tiere zu produzieren. Der Betrieb in Riede hat in einem Umkreis von vier Kilometern 410 Hektar gepachtet. „Zu einem Preis“, sagt Glander, „der mit jeder Vertragsverlängerung höher wird.“ Mit Land wird heute spekuliert, getrieben unter anderem vom Boom der Biogasanlagen, die vornehmlich mit Mais gespeist werden.

Die nächste und wichtigste Variable für einen Landwirt wie Glander ist der Milchpreis. „Solange noch eine drei davor steht, ist es okay.“ 30 Cent, meint er, oder mehr je Kilogramm Rohmilch. Doch damit wird es langsam eng. Der Milchpreis ist seit dem Rekordhoch vor einem Jahr regelrecht eingebrochen. Er lag damals bei annähernd 40 Cent und rückt nun an den kritischen Wert von 30 Cent heran. Mit dem Ergebnis, dass die Milch auch im Laden und beim Discounter immer günstiger wird. Aldi hat den Literpreis im vergangenen Monat gleich um 15 Prozent gesenkt, er liegt jetzt bei 59 Cent. Eine Spirale, die den Landwirten nicht gefallen kann.

Ein globales Geschäft

„Wir steuern wieder auf eine Krise zu“, mahnt der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter. Als Gründe dafür sieht er die weltweit gestiegene Milchproduktion, eine schwächere Nachfrage aus China und den Einfuhrstopp, den Russland für Lebensmittel aus der EU verhängt hat.

Ein Hof in Riede im Thedinghauser Land, der davon abhängig ist, ob sich die Beziehungen zwischen Russland und der EU nach der Ukraine-Krise wieder beruhigen. Ein Landwirt auf diesem Hof, der nach China schaut – „der Chinese trinkt gerne deutsche Milch“ – und zur Kenntnis nehmen muss, dass die Nachfrage im Reich der Mitte gerade sinkt. Kurz: Ein globales Geschäft, lokal ist nur noch der Anker.

Glander sagt, dass er seine Kühe an den Eutern erkennt. Noch, denn wenn es erst einmal 800 sind oder mehr als Tausend wird das nicht mehr gehen, das gibt er zu. Glander ist Landwirt, durch und durch, aber er ist kein Bauer, wie er betont. „Bei Bauer denkt man an Mistforke und Gummistiefel.“ Bauer – das war gestern, als die Kuh Alma hieß und noch einen Namen hatte.

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