Christian Meyer im Interview „Bauernland darf nicht zum Bankenland werden“

Die Preise für Ackerland steigen. Was bedeutet das für die niedersächsischen Bauern? Im Interview spricht Ex-Agrarminister Christian Meyer über Bodenspekulationen und seine Idee einer Pachtpreisbremse.
24.07.2019, 13:58
Lesedauer: 3 Min
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„Bauernland darf nicht zum Bankenland werden“
Von Nico Schnurr

Herr Meyer, warum warnen Sie vor steigenden Bodenpreisen?

Christian Meyer: Weil sie die bäuerliche Landwirtschaft gefährden. In Niedersachsen haben sich die Boden- und Pachtpreise in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Die Folgen sind dramatisch.

Was meinen Sie?

Immer mehr kleine Höfe müssen aufgeben. Wir bewegen uns in Richtung einer rein gewerblichen Landwirtschaft. Einer Agrarindustrie, in der Investoren den Ton angeben. Die Zeit, in der Landwirte freie Bauern gewesen sind, die auf ihrem eigenen Boden arbeiten, neigt sich dem Ende zu, wenn wir nicht handeln.

Jetzt dramatisieren Sie aber.

Nein. Schon jetzt ist die Mehrheit der Ackerflächen in Niedersachsen gepachtet, gehört also nicht den Bauern. Gerade bei der Milchpreiskrise sind viele Böden an Banken und landwirtschaftsfremde Kapitalanleger gegangen.

Warum halten Sie das für ein Problem?

Eigener Boden macht krisenfest. Wer als Bauer pachten muss, begibt sich in Abhängigkeiten. Das gilt heute ganz besonders.

Wieso?

Boden ist ein knappes Gut. Jeden Tag gehen 60 Hektar landwirtschaftliche Fläche verloren, weil Straßen gebaut und Gewerbegebiete ausgewiesen werden. Das treibt die Bodenpreise in die Höhe. Dazu gehen die Zinsen gegen Null. Ackerland ist zu einer attraktiven Geldanlage für Spekulanten geworden, die eigentlich nichts mit Landwirtschaft zu tun haben.

Ist das nicht ein ostdeutsches Phänomen?

Anfangs haben Investoren vor allem Flächen in Ostdeutschland gekauft. Inzwischen interessieren sich landwirtschaftsferne Firmen auch für niedersächsischen Boden. Der Anteil der Nichtlandwirte, die Flächen als Geldanlage erwerben, steigt. Das ist besorgniserregend. Bauernland darf nicht zum Bankenland werden. Wir müssen unseren Boden schützen, wenn wir nicht wollen, dass bald die Mehrheit der Flächen in den Händen von Großkonzernen liegt.

Was stört Sie so sehr an diesem Gedanken?

Ich halte es für gefährlich, wenn die Ackerflächen Investoren gehören, die weit weg sitzen und gar keinen Bezug zum Land haben. Ich habe das mal Sofamelken genannt. Man kauft sich etwas Boden, hat jedes Jahr zehn Prozent Rendite und lässt den Landwirt so arbeiten, dass er gerade überleben kann. Und wenn der Milchpreis fällt, holt man sich den restlichen Boden der Landwirte, die mit der jährlichen Pachtpreiserhöhung nicht mithalten können.

„Wehret den Anfängen“ haben Sie vor Jahren einmal über Bodenspekulationen gesagt. Kam Ihr Appell an?

Zumindest stellen sich heute noch die gleichen Fragen wie damals. Wir müssen uns nach wie vor fragen: Wollen wir, dass die Zukunft der Landwirtschaft von Geldanlegern bestimmt wird? Oder wollen wir eine Landwirtschaft, die in Generationen denkt, eine örtliche Verankerung hat und bewusst mit dem Boden und der Bevölkerung vor Ort umgeht?

Als Agrarminister haben Sie sich für eine Pachtpreisbremse eingesetzt.

Man muss sich das wie bei einer Mietpreisbremse vorstellen. Die Boden- und Pachtpreise hätten bei neuen Verträgen nicht um mehr als 30 Prozent über dem örtlichen Niveau liegen dürfen. Wie bei einem Miet­spiegel wären auch die Preise veröffentlicht worden, damit Investoren die Bauern nicht länger gegeneinander hätten ausspielen
können.

Das Gesetz ist ein Entwurf geblieben. Vielleicht auch, weil es längst das Grundstückverkehrsgesetz gibt?

Das Gesetz ist aus den 1950er-Jahren und ein zahnloser Tiger. Es soll den Landwirten ein Vorkaufsrecht sichern, aber Investoren können es leicht umgehen. Sie kaufen einfach einen großen Anteil am Betrieb eines Bauern. Vor dem Hof hängt dann weiter das alte Schild, aber die Flächen gehören längst dem Investor. So werden auch die Grundstücksverkehrsausschüsse der Landkreise ausgetrickst.

Wie lässt sich das verhindern?

Ein erster Schritt wäre, dass Agrarministerin Barbara Otte-Kinast von der Haltung abrückt, dass der freie Markt schon alles regeln wird. Wenn wir das Höfesterben aufhalten und die bäuerliche Landwirtschaft retten wollen, müssen wir endlich gesetzlich gegensteuern und Bodenspekulationen verhindern.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Christian Meyer (44)

ist stellvertretender Vorsitzender der Grünen-Frak­tion im Niedersäch­sischen Landtag. Der Holzmindener war von Februar 2013 bis November 2017 niedersächsischer Agrarminister.

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