Parlamentarier aus allen Landtagsfraktionen machen gemeinsam Musik

Bei den Proben ist Politik tabu

Hannover. Zwei Dutzend Männer und Frauen treffen sich regelmäßig, um gemeinsam Musik zu machen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches - wären sie nicht Abgeordnete unterschiedlicher Fraktionen im niedersächsischen Landtag.
13.08.2014, 17:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Peter Mlodoch
Bei den Proben ist Politik tabu

Landtagsband

Peter Mlodoch

Ina Korter wiegt ihren Oberkörper sanft im Takt und haucht ein dramatisches „Uhh uh uhuhuh uhuhuh“ in ihr Mikrofon. Dann schaut die grüne Landtagsabgeordnete ihrer SPD-Kollegin Doris Schröder-Köpf tief in die Augen; beide Damen lächeln verzückt und schmettern im Duo ein leidenschaftliches „Hey yeah yeaaah, I said what‘s going on?“ heraus. FDP-Frau Gabriela König gibt auf dem Cajon, einer Art Kistentrommel, den Rhythmus für den Weltschmerz-Klassiker der „4 Non Blondes“ vor; Horst Kortlang (FDP) mit seinem Akkordeon sowie Lutz Winkelmann (CDU) und Karl Heinz Hausmann (SPD) mit ihren Flügelhörnern ersetzen die elektrischen Gitarren des Originals aus den 90ern.

What‘s going on? Was geht hier ab? Tief unten im schummrigen, eher bieder ausgestatteten Party-Raum im unterirdischen Gang zwischen Leineschloss und Landtagsnebengebäude proben Parlamentarier aller vier Fraktionen harmonische Töne – ein bewusster Gegensatz zu den Poltereien und Pöbeleien oben im Plenarsaal während der politischen Debatten zwischen rot-grüner Koalition und schwarz-gelber Opposition. „Wer miteinander Musik macht, geht auch sonst anständig miteinander um“, beschreibt Christdemokrat Winkelmann aus dem Truppenstandort Munster das Credo der von ihm ins Leben gerufenen Band. „Wir Politiker brauchen mehr Wir-Gefühl in der gemeinsamen Verantwortung“, sagt der gelernte Landwirt und Rechtsanwalt. Klare Kante ja, aber bitte keine persönlichen Attacken, laute seine Devise.

Zwei Dutzend Abgeordnete jeder Couleur, darunter einige mit jahrelanger, auch professioneller Bühnenerfahrung, machen inzwischen mehr oder weniger regelmäßig mit. Einen einprägsamen Namen hat die Combo zwar noch nicht, dafür aber schon einen kurzen öffentlichen Auftritt bei der Klosterkammer hingelegt. Der nächste ist für September bei der Bingo-Umweltstiftung geplant; auch zur Amtseinführung von Ina Korter als Bürgermeisterin von Butjadingen im November will die Landtags-Band aufspielen. Das Repertoire reicht von „Che Sera“ mit Schröder-Köpf als Solo-Sängerin über „Surfin USA“ in großer Chorbesetzung bis hin zu Schlagern wie „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“. Die Arrangements schreibt CDU-Fraktionsmitarbeiter Michael Aldig; der ehemalige Profi-Musiker leitet auch die Proben.

Damit auch sonst keine Dissonanzen entstehen, gilt beim Einüben der Stücke eigentlich das eiserne Prinzip „Kein Wort Politik“. Kleine Sticheleien bleiben trotzdem nicht aus. „Wer sich hier verspielt, muss sich bei der nächsten Abstimmung enthalten“, warnt FDP-Mann Kortland seine rot-grünen Mitmusikanten angesichts der Einstimmen-Mehrheit der Koalition. Als die Proben für „Ein Schiff wird kommen“ beginnen, fallen den Abgeordneten natürlich sofort ironische Sprüche über den vor sich hin dümpelnden Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven ein.

„Hier kann man nach so einem anstrengenden Plenartag richtig schön runterkommen“, schwärmen Schröder-Köpf und Korter unisono. „Wir sollten viel mehr Musik im Parlament machen“, schlägt Klarinettist Alexander Saipa (SPD) als Mittel gegen den dort herrschenden rüden Ton vor. Die CDU-Fraktionsspitze soll das musikalische Treiben ihrer Mitglieder allerdings skeptisch beäugen. Zu viel Harmonie, heißt es dort dem Vernehmen nach, verwässere das eigene Profil.

Landtagsband von links Doris Schröder-Köpf (SPD), Horst Kortlang (FDP), Karl Heinz Hausmann (SPD) und Lutz Winkelmann (CDU) FOTO: PETER MLODOCH

Landtagsband bei der Probe (von links): Doris Schröder-Köpf (SPD), Horst Kortlang (FDP), Karl Heinz Hausmann (SPD) und Lutz Winkelmann (CDU).

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