Vor Spiekeroog simulieren Forscher die Entstehung von Neuland Biologen stellen Kunstinseln ins Watt

Wie Inseln entstehen, wollen Oldenburger Biologen jetzt erstmals im Detail begutachten. Dazu haben sie im natürlichen Watt zwölf Metallinseln aufgestellt – eine Weltpremiere.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Martin Wein

Wie Inseln entstehen, wollen Oldenburger Biologen jetzt erstmals im Detail begutachten. Dazu haben sie im natürlichen Watt zwölf Metallinseln aufgestellt – eine Weltpremiere. Ihr Experiment soll auch zeigen, wie die Natur auf einen steigenden Meeresspiegel reagiert.

Erst wächst der Queller, dann die Quecke – so lernt an der Nordsee jedes Kind in der Schule, wie neue Inseln entstehen. Obwohl das im Wattenmeer eigentlich ständig der Fall ist – derzeit etwa auf der Kachelotplate zwischen Juist und Borkum – haben Wissenschaftler diesen Prozess noch nie detailliert beobachtet. „Wenn es soweit ist, haben wir dafür meistens gerade keine Wissenschaftler vor Ort oder Forschungsgelder zur Verfügung“, sagt der Landschaftsökologe Michael Kleyer. Kleyer ist Professor am Institut für Chemie und Biologie des Meeres an der Universität Oldenburg. So seien regelmäßige Forschungen auf den Ostfriesischen Inseln in der Vergangenheit wiederholt schlicht an den hohen Unterkunftskosten oder Fährgebühren gescheitert. „Die Pflanzen wachsen nun mal im Sommerhalbjahr während der Saison. Die Preise für Ferienwohnungen liegen dann aber über unserem Budget“, sagt Kleyer.

Nachdem im Forschungszentrum Wittbülten auf dem Gelände der Hermann-Lietz-Schule auf Spiekeroog inzwischen zehn Forscherappartements zur Verfügung stehen, haben Kleyer und seine Kollegen im Inselwatt jüngst mit einem spannenden Freiluftexperiment im wahrsten Sinne Neuland betreten. Auf zwölf künstlichen Inseln wollen sie zunächst in den kommenden drei Jahren untersuchen, wie Pflanzen und Tiere den neuen Lebensraum für sich entdecken. Der Standort ist praktisch ideal. Die Insel ist eine der naturbelassensten an der deutschen Nordsee. Zudem wurden die geologischen Umweltbedingungen dort beispielsweise durch den automatischen Messpfahl vor der Küste in den letzten Jahren sehr genau aufgezeichnet.

Nun wollen die Oldenburger Forscher auch den Prozess genau beleuchten, bei dem eine Sandbank zur Insel wird. Dabei stellten sie zunächst fest: Neuland ins Watt zu setzen, ist an sich schon eine Herausforderung. „Im Rückseitenwatt kann der Flutstrom leicht eine Geschwindigkeit von zwei Metern pro Sekunde erreichen. Da wirken gewaltige Kräfte“, sagt Projektleiter Kleyer. Die Folge: Orkan „Xaver“ riss die Probeinsel aus leichteren Drahtkörben im vergangenen Dezember aus ihrer Verankerung und trug sie davon. In diesem Sommer kamen die Biologen mit einer ausgereifteren Konstruktion zurück. Schwere Metallkörbe aus Schiffsstahl, ausgelegt mit einer für Sediment undurchlässigen Textildecke und gefüllt mit Inselsand, schaffen nunmehr jeweils ein Dutzend Quadratmeter Land auf drei Höhenstufen. Damit werden die Flutzone sowie die unteren und oberen Salzwiesen simuliert, die unterschiedlich stark von der Flut überspült werden.

Sechs Inseln bleiben in den kommenden Jahren sich selbst überlassen. Messinstrumente registrieren wichtige Faktoren wie Salzgehalt, Temperatur oder Bodenfeuchte. Regelmäßig marschieren aber auch Wissenschaftler ins Watt, um zu registrieren, welche Pflanzen und Tiere eine neue Heimat für sich entdecken. Dabei sind Einzeller ebenso interessant wie Insekten, die der Wind auf die Inseln weht. „Wir haben uns da sehr breit aufgestellt und viele Forschungsarbeiten vergeben“, berichtet Kleyer.

Die sechs übrigen Inseln wurden mit Arten wie Andelgras, Strandaster, Salzmelde, Strandflieder und Strandwegerich bepflanzt, die typischerweise die unteren Salzwiesen bewohnen. Die liegen kaum einen halben Meter über dem mittleren Hochwasser und werden damit immer wieder einmal überflutet. „Hier erkunden wir, wie eine bestehende Salzwiese auf einen steigenden Meeresspiegel reagiert“, erklärt Kleyer. Die Biologen interessiert dabei, ob Arten aus der darunter liegenden Verlandungszone wie der Queller in der Salzwiese heimisch werden und wie lange es dauert, bis sie die bestehende Vegetation verdrängt haben. Wenn das Experiment nach drei Jahren erfolgreich angewachsen ist, wollen die Oldenburger Forscher sich um eine längerfristige Finanzierung bemühen. „Wir würden gerne dazu beitragen, Spiekeroog als Wissenschaftsstandort zu entwickeln“, sagt Kleyer, „neben dem Tourismus wäre das dann zwar ein kleines, aber zweites Standbein für die Insel.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+