Neuer Fall von sexueller Gewalt im Bistum Hildesheim Bischof wehrt sich gegen Generalverdacht

Hildesheim. Fast täglich werden neue Fälle von sexuellen Übergriffen in der katholischen Kirche bekannt, begangen von Priestern an Kindern und Jugendlichen. Erst gestern bestätigte das Bistum Hildesheim einen neuen Fall. Verdächtigt wird einer von drei Jesuiten.
06.02.2010, 04:00
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Von Silke Looden

Hildesheim. Fast täglich werden neue Fälle von sexuellen Übergriffen in der katholischen Kirche bekannt, begangen von Priestern an Kindern und Jugendlichen. Erst gestern bestätigte das Bistum Hildesheim einen neuen Fall. Verdächtigt wird einer von drei Jesuiten, die inzwischen bundesweit mit einer Vielzahl von Sexualdelikten in Verbindung gebracht werden. Diesmal hatte eine junge Frau Pater Peter R. der Belästigung beschuldigt.

Längst geht es für die katholische Kirche um mehr als ein Imageproblem. Das Bistum Hildesheim ringt um Glaubwürdigkeit. Mit einem Brief wird sich Bischof Norbert Trelle morgen in der Messe an die Gläubigen wenden. Darin heißt es: 'Diese Vorgänge erfüllen mich mit Scham und Empörung. (...) Zu Recht können Sie von der Kirche erwarten, dass sie alles unternimmt, um solche Taten zu verhindern.' Es sei gut, dass die Dinge (...) nun offen angesprochen würden, auch wenn dies für alle Seiten schmerzlich sei. Nur so könne es zu einer ehrlichen Aufarbeitung kommen, schreibt der Bischof und bietet den Opfern Hilfe an. Gleichwohl wehrt er sich gegen einen Generalverdacht: 'So bedauerlich und beklagenswert die jetzt bekannt gewordenen Vorgänge sind, möchte ich Sie bitten, vom Einzelfall nicht auf einen ganzen Berufsstand zu schließen.'

Für die ökumenische Initiative 'Kirche von Unten' geht es keineswegs nur um schwarze Schafe. 'Das ist ein strukturelles Problem', sagt Geschäftsführer Bernd Hans Göhrig. Sexuelle Gewalt sei der Missbrauch von Macht. Da die Macht von Geistlichen in einer autoritär und hierarchisch organisierten Kirche wie der katholischen besonders groß sei, sei auch die Gefahr des Missbrauchs besonders groß. Leidtragende seien die Schwächsten in den Gemeinden, Kinder und Jugendliche. 'Sie sind abhängig von dem, was der Priester sagt, und wagen keinen Widerspruch', beschreibt Göhrig die Situation potenzieller Opfer. Um ihnen zu helfen, bietet die Initiative 'Kirche von Unten' eine bundesweite Notrufnummer an (0180/3000862).

Auch konservative Politiker wie der niedersächsische Justizminister Bernd Busemann (CDU) können nicht verstehen, warum Vorgesetzte, die von sexuellen Übergriffen ihrer Mitarbeiter wissen, nicht handeln. Busemann ist selbst katholisch und erklärt sich das Schweigen mit dem Beichtgeheimnis. Gleichwohl fordert er ein Ende der 'Vertuschungsmentalität' in der katholischen Kirche. Der Minister verlangt Aufklärung und Prävention. Ab Mai könnten Arbeitgeber das erweiterte polizeiliche Führungszeugnis von Bewerbern verlangen, die in Kindergärten, Schulen oder Jugendeinrichtungen arbeiten wollen. Darin könnten sie sich über einschlägige Vorstrafen informieren. Busemann ist sich sicher, dass die gesetzliche Neuregelung Kinder und Jugendliche vor sexuellen Übergriffen schützen kann.

Statistisch weniger Sexualdelikte

Statistisch betrachtet ist die Zahl der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Kindern in Niedersachsen sogar rückläufig. In der Kriminalstatistik 2008 des Innenministeriums heißt es: 'Der Missbrauch von Kindern ist um 63 Fälle auf 1322 Fälle gesunken.' Zahlen für 2009 liegen noch nicht vor. Bekannte Forensiker wie Hans-Ludwig Kröber von der Charité in Berlin erklären sogar, dass katholische Priester und Ordensleute im Vergleich zur übrigen Bevölkerung unterdurchschnittlich häufig sexuelle Straftaten an Kindern begehen. Für ihn gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass Pädophile gezielt ins Priesteramt streben. Das sieht die Initiative 'Kirche von Unten' anders. Bernd Hans Göhrig: 'Der Priesterberuf zieht einen bestimmten Männertyp an, der Probleme mit der Sexualität hat.'

Für den Sprecher des Bistums Hildesheim, Michael Lukas, sind sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche kein spezifisches Problem der katholischen Kirche. 'Das findet auch anderswo statt.' Gleichwohl werde die Kirche in Bezug auf Missbrauchsfälle zu Recht besonders kritisch und argwöhnisch betrachtet. Lukas: 'Wir, die wir die Nächstenliebe predigen, müssen uns mit anderen Maßstäben messen lassen.' Einen Zusammenhang mit dem Zölibat, der Ehelosigkeit von Priestern, sieht der Bistumssprecher nicht: 'Vermutlich ist es eher eine Frage der sexuellen Reife.'

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