Bei der Öffnung der Ehe für alle sind zwei Frauen aus Hannover ganz vorn dabei: Claudia und Dorle Göttler heiraten am 1. Oktober

Bloß nicht in Weiß

Hannover. Zunächst hatten Claudia und Dorle Göttler überlegt, ob sie sich den Rummel noch einmal antun wollen. „Wir heiraten ja zum dritten Mal“, sagt Claudia.
24.09.2017, 00:00
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Von Christina Sticht
Bloß nicht in Weiß

2001 ließen sie sich als Lebenspartnerinnen eintragen, nun wollen Claudia und Dorle Göttler (von links) auch endlich ein Ehepaar werden. Am 1. Oktober wird geheiratet.

Holger Hollemann, dpa

Hannover. Zunächst hatten Claudia und Dorle Göttler überlegt, ob sie sich den Rummel noch einmal antun wollen. „Wir heiraten ja zum dritten Mal“, sagt Claudia. 1998 ließen sich die beiden kirchlich segnen, 2001 als Lebenspartnerinnen eintragen. Dank der Öffnung der Ehe für alle können sie jetzt endlich ein Ehepaar werden – als Frau und Frau.

Hannover ließ vor 16 Jahren das Standesamt extra früher öffnen, um bei der „Homo-Ehe“ bundesweit vorn zu sein. Am 1. Oktober arbeiten die Standesbeamten der niedersächsischen Landeshauptstadt ausnahmsweise sonntags: Die beiden Männer und Frauen, die am 1. August 2001 als erste deutsche Homo-Paare weltweit Schlagzeilen machten, sollen auch als erste heiraten.

„Wir haben vor 20 Jahren den Weg gemeinsam begonnen, mit der Ehe wird es einfach rund“, meint Dorle Göttler im lichtdurchfluteten Wohnzimmer des Paares. Sie ist jetzt 53, ihre Partnerin 51. An der Wand hängt ein großes Foto: Die beiden sehen aus wie Schülerinnen im Zeltlager, Dorle lehnt sich strahlend an Claudia, die in die Ferne blickt. „So fing alles an“, sagt die Ältere. „Claudia war meine Reiseleiterin in Ägypten.“ Das Bild stammt von einem Kamel-Trip durch den Sinai, mit Übernachtung in der Wüste. Beide waren mit Männern zusammen, bevor es zwischen ihnen funkte. Das Geheimnis ihrer langjährigen Liebe? „Toleranz, Respekt – und Geduld“, sagen sie.

„Wir sind immer ganz offen mit unserer Beziehung umgegangen. Schließlich ist es das Normalste der Welt“, stellt Claudia fest. „Nur in arabischen Ländern geben wir uns als Schwestern aus.“ Vor der Reaktion ihres Vaters – einem Bundeswehrsoldaten mit konservativen Werten – hatte Dorle anfangs dennoch Angst. „Doch er mochte den Mann nicht, mit dem ich davor 14 Jahre zusammen war. Als ich ihn aufklären wollte, wusste er schon längst Bescheid und meinte: ,Hauptsache, du wirst glücklich!‘“ Die bayerische Verwandtschaft beerdigte nach Claudias Charme-Offensive ihre Vorurteile.

Dorle zog bald nach der Ägypten-Reise aus Soest zu ihrer Freundin und arbeitet seither als Kinderkrankenschwester auf der Intensivstation für die Kleinsten an der Medizinischen Hochschule Hannover. Claudia fing nach ihrem Politik- und Geschichtsstudium bei der Verwaltung an und ist heute Stadtbezirksmanagerin in Hannover. Kinder waren nie ein Thema. In der Lesben- und Schwulenbewegung, die Jahrzehnte für die Öffnung der Ehe kämpfte, haben sie sich nicht engagiert. Claudia Göttler ist bei den Grünen und setzt sich auf lokaler Ebene für eine vernünftige Bebauung in ihrer Heimatgemeinde Hemmingen ein.

Wie Angela Merkel die Abstimmung über die Ehe für alle im Bundestag mit einem Interview eingefädelt hat, beeindruckt die 51-Jährige, obwohl die CDU nicht ihre Partei ist. „Sie ist eine Füchsin. Traurig finde ich, dass Guido Westerwelle den Tag nicht mehr erlebt.“

Und werden Dorle und Claudia Göttler am 1. Oktober in Weiß heiraten? Beide protestieren lautstark. Bei der kirchlichen Segnung trugen sie schwarze Hosen und Lederblazer, bei der „Verpartnerung“ 2001 Zweiteiler in Schwarz und Orange – Dorle sogar bauchfrei. Als das lesbische Paar aus dem Rathaus trat, fand es sich unter einem Regenbogen aus bunten Luftballons wieder, eine schwule Cheerleader-Gruppe jubelte ihm zu.

Wenn Dorle und Claudia Göttler sich die alten Fernsehberichte auf dem Laptop anschauen, wächst die Vorfreude auf den 1. Oktober und ihr drittes Versprechen der lebenslangen Liebe und Treue – vermutlich im Beisein von dutzenden Kameras. Dorle wird vielleicht wieder wie 2001 ein paar Tränen wegwischen. Claudia sagt: „Irgendwie macht es ja auch Spaß.“

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