Tat in Visselhövede vor einem Jahr

Blutrache-Prozess in Verden: Die Suche nach der Wahrheit

Im Januar 2017 wurde ein 46-Jähriger in Visselhövede (Kreis Rotenburg) auf offener Straße ermordet. Wer die Schüsse abgegeben hat, ist unklar. Am Donnerstag wird der Blutrache-Prozess fortgesetzt.
17.01.2018, 19:54
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Angelika Siepmann
Blutrache-Prozess in Verden: Die Suche nach der Wahrheit

Der Tatort: Beamte sichern am 9. Januar 2017 Spuren, nachdem ein 46-jähriger Familienvater vor einer Grundschule in Visselhövede erschossen wurde.

Daniel Reinhardt, dpa

Wer hat vor fast genau einem Jahr in Visselhövede (Kreis Rotenburg) die tödlichen Schüsse auf einen 46-jährigen Albaner abgegeben? In dem an diesem Donnerstag fortgesetzten Prozess um den mutmaßlichen Blutrache-Mord musste der Mann, der die Tat als Motorrad-Sozius verübt haben soll, aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden. Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Verden konzentriert sich nun notgedrungen auf den verbliebenen der beiden ursprünglich Angeklagten.

Beweislage zu dünn

Der 23-Jährige hatte bei der ersten polizeilichen Vernehmung nach seiner Festnahme im April in Seelze eingeräumt, die schwere Maschine gesteuert zu haben – mehr aber auch nicht. Sein Tatbeitrag habe sich darauf beschränkt, anweisungsgemäß als Fahrer zu fungieren. Gleichzeitig bezichtigte er jedoch einen ein Jahr älteren Verwandten, vom Rücksitz aus auf den Landsmann geschossen zu haben. So landete auch der 24-Jährige auf der Anklagebank und musste sich wegen gemeinschaftlich und heimtückisch begangenen Mordes aus niedrigen Beweggründen verantworten.

Die angenommene Rollenverteilung ließ sich allerdings nicht aufrechterhalten. Nach sieben Verhandlungstagen erklärte dann auch die Staatsanwaltschaft, die „dünne“ Beweislage reiche für eine Verurteilung des 24-Jährigen nicht aus. Das Gericht sah es ebenso und verkündete kurz vor Weihnachten einen Freispruch. Es deutete dabei an, für den jungen Mann könne die neue Situation nach rund achtmonatiger Untersuchungshaft mit gewissen Gefahren verbunden sein. Es bestehe eine „Aufgabe für die Polizei“.

Wenn es nicht der 24-Jährige war: Wer hat dann am Vormittag des 9. Januar 2017 vor einer Grundschule im Heidestädtchen Visselhövede unvermittelt das Feuer auf den 46-jährigen Familienvater eröffnet? Fest steht nach den Ermittlungen, die auch mit Hilfe albanischer Behörden geführt wurden, dass der vier Tage später Verstorbene im Dezember 2011 einen Angehörigen der beiden jungen Männer getötet hat, dem Vernehmen nach in einer Diskothek in der Hauptstadt Tirana.

Tatverdächtiger schweigt

Nach vorzeitiger Entlassung aus dem Gefängnis war er Ende 2016 nach Deutschland geflohen, wo sich schon ein Teil seiner Familie befand. Das Verwaltungsgericht Braunschweig gewährte ihm subsidiären Schutz nach dem Asylrecht. Seine Tötung erfolgte laut Anklage nach systematischer Vorbereitung und der Vereinbarung zur Blutrache nach jahrhundertealten Regeln des albanischen Gewohnheitsrechts Kanun. Die Tat „zur Wiederherstellung der Familienehre“ sei einer öffentlichen Hinrichtung gleichgekommen.

Der Mann war unweit seiner Wohnung zu Fuß unterwegs, als zwölf Schüsse aus einer halb automatischen Kurzwaffe mit Schalldämpfer fielen, drei trafen ihn. Etliche Zeugen haben ausgesagt, zwei maskierte Männer auf einem Motorrad gesehen zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass an der Planung des Verbrechens und der Observierung des Opfers noch mindestens zwei weitere Personen beteiligt waren.

Der 23-Jährige schweigt vor Gericht. Er hat inzwischen neben einem Pflichtverteidiger auch eine Wahlverteidigerin an seiner Seite. Die Anwälte teilten jetzt mit, ihr Mandant sei mittlerweile bereit, sich von dem psychiatrischen Sachverständigen untersuchen zu lassen. Einschränkung aber: Er werde sich nicht zu den Tatvorwürfen äußern. Diese Vorgehensweise stieß bei den übrigen Verfahrensbeteiligten auf Erstaunen und Unverständnis. Gleichwohl erteilte das Gericht dem Gutachter den Auftrag zur Exploration.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+