Libanesische Familie aus Zeven bekommt im Bundeskanzleramt die neue Integrationsmedaille verliehen

Brückenbauer für das Miteinander

Zeven·Berlin. Es begann mit einem großen Unglück: Eigentlich wollen Chafic und Randa Al Aridi mit ihren drei kleinen Söhnen nur für kurze Zeit einen Freund in Deutschland besuchen. Doch im Oktober 1983 eskaliert in ihrer libanesischen Heimat die Lage, nachdem 241 US-Soldaten und 58 Franzosen bei zwei Bombenanschlägen auf dem Beiruter Flughafen getötet worden waren. Die Aridis bleiben in Deutschland, finden in Zeven (Landkreis Rotenburg) eine neue Heimat. Im wahrsten Sinne des Wortes. Gestern bekam die Familie von der Bundesbeauftragten Maria Böhmer die erstmals vergebene Integrationsmedaille verliehen.
02.12.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Brückenbauer für das Miteinander
Von Norbert Holst

Zeven·Berlin. Es begann mit einem großen Unglück: Eigentlich wollen Chafic und Randa Al Aridi mit ihren drei kleinen Söhnen nur für kurze Zeit einen Freund in Deutschland besuchen. Doch im Oktober 1983 eskaliert in ihrer libanesischen Heimat die Lage, nachdem 241 US-Soldaten und 58 Franzosen bei zwei Bombenanschlägen auf dem Beiruter Flughafen getötet worden waren. Die Aridis bleiben in Deutschland, finden in Zeven (Landkreis Rotenburg) eine neue Heimat. Im wahrsten Sinne des Wortes. Gestern bekam die Familie von der Bundesbeauftragten Maria Böhmer die erstmals vergebene Integrationsmedaille verliehen.

In Zeven, sagt Bürgermeister Hans-Joachim Jaap, "kennt jeder in der Stadt die Familie". Kein Wunder: Makram Al Aridi (33) lehrt Betriebswirtschaftslehre an der Bremer Hochschule, Jad Al Aridi (31) hat bereits als 20-Jähriger ein Sport-Center aufgebaut und der jüngste Bruder Jannah (29) hat sich im Logistik-Gewerbe selbständig gemacht. Und was noch wichtiger ist: Von Anfang an haben sich die Aridis im sozialen Leben der Kleinstadt engagiert. Bürgermeister Jaap: "Wir sind alle mächtig stolz auf sie."

Dabei ist der Anfang in der neuen Heimat für die Aridis alles andere als einfach. Fremde Sprache, fremde Kultur, fremdes Land. Vor allem für Familienvater Chafic ist es ein herber Einschnitt. Im Libanon war er ein erfolgreicher Manager und Wirtschaftsberater gewesen, in Deutschland bekommt er viele Jahre lang nur Aushilfsjobs und Fabrikarbeiten angeboten.

Auch Zeven bedeutet zunächst eine fremde Welt für die Libanesen. Dort gibt es Anfang der 80er-Jahre zwar viele Ausländer - doch das sind fast ausschließlich niederländische Nato-Soldaten und ihre Angehörigen. Menschen mit dunklerem Hauttyp, so erinnert sich Makram Al Aridi, sind in der Stadt am Walde eine Ausnahme. Doch die Neu-Zevener finden schnell Anschluss. Randa Al Aridi, der gute Geist der Familie, hat dafür eine Erklärung: "Wir sind da,wo wir gelebt haben, immer offen zu den Menschen gewesen." Zudem bietet sie in der Zevener Volkshochschule Kurse zur mediterranen Küche an - schnell sind die ausgebucht.

Für Gäste immer offen steht zu jener Zeit auch das Haus der Aridis. Schnell finden die drei Jungen deutsche Spielkameraden. Magram Al Aridi erinnert sich: "Als ich acht Jahre alt war, haben uns Freunde dann zum Training beim TuS Zeven mitgenommen." Dort kicken die drei Brüder jahrelang, später engagieren sie sich im Verein. Vor allem Jad Al Aridi ist ein echter Klassefußballer. "Auf dem Platz war ich gut, kein Problem. Aber in der Schule...", sagt er heute. Er besucht die Hauptschule. Bald wird ihm klar, dass er nur durch Leistung seine Zukunftschancen verbessern kann. "Und dann bin ich losgegangen und habe mir Hilfe geholt." Im Jugendzentrum gibt es eine Schulhilfe - das ist die Wende in der schulischen Laufbahn. Das Ende der Geschichte: Jad schafft den erweiterten Realschulabschluss.

Heute unterstützt der Geschäftsmann Jugendinitiativen, hat sogar eine Stiftung für die Krebsfürsorge Bremervörde-Zeven gegründet. Sein Motiv: "Ich möchte etwas für die Gemeinschaft machen und damit etwas zurückgeben." Zurückgeben an das Jugendzentrum und Dank sagen an die Eltern - denn die haben ihren drei Söhnen vorgelebt, wie man sich in eine fremde Gesellschaft integrieren kann, ohne die eigenen kulturellen Wurzeln zu vernachlässigen. Magram Al Aridi bestätigt das: "Im Herzen bin ich sowohl Libanese wie auch Deutscher."

Umso mehr macht den Aridis die aktuelle ausländerpolitische Debatte zu schaffen. "Natürlich gibt es einige, die sich unmöglich verhalten. Aber es ist frustrierend, mit denen in einen Topf geworfen zu werden", meint Jad Al Aridi. Damit das eben nicht passiert, sei das Engagement der Zevener Familie und der sieben weiteren ausgezeichneten Menschen so wichtig, erklärt Staatsministerin Böhmer bei der Feier im Berliner Kanzleramt. Ihr Dank an die Preisträger: "Sie geben der Integration ein Gesicht."

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