Freimauer in der Provinz Brüder fürs Leben

Vor etwas mehr als zehn Jahren wurde die ­Hoyaer Loge reaktiviert, zählt mittlerweile rund 30 Mitglieder und blickt außerdem auf eine lange Tradition zurück.
21.01.2018, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Nein, sie streben nicht die Weltherrschaft an, und nein, bei ihnen handelt es sich auch um keine kommunistisch-zionistische Vereinigung. Mit Satansanbetern haben sie auch nicht das Geringste zu tun. „Die Freimaurer waren schon immer eine schöne Projektionsfläche“, sagt der Meister vom Stuhl der Freimaurerloge St. Alban zum Aechten Feuer in Hoya.

Von Großstädtern manchmal etwas geringschätzig als „Landloge“ tituliert, gibt es die Brüder in dem kleinen Weserstädtchen bereits seit 1786. Vor etwas mehr als zehn Jahren wurde die ­Hoyaer Loge reaktiviert, zählt mittlerweile rund 30 Mitglieder – was gemessen an der eher dünn besiedelten Mittelweser-Region schon eine beträchtliche Größe darstellt.

Jeden Freitagabend versammeln sich die altersgemischten Freimaurer aus den Landkreisen Verden, Nienburg und Diepholz im Logenhaus an der Hoyaer Deichstraße. Die jüngsten sind um die 40 Jahre alt, die ältesten haben die Siebzig längst hinter sich gelassen. „Wir sind keine Kirche, keine Partei, keine Bürgerinitiative und auch keine Selbsthilfegruppe, obwohl wir ein kleines bisschen von allem haben“, sagt der Meister vom Stuhl, der im Landkreis Verden zu Hause ist, seinen Namen allerdings nicht öffentlich genannt wissen will. Er ergänzt: „Wir reden bei unseren Treffen über persönliche Dinge, ohne in einer Selbsthilfegruppe zu sein, und tauschen uns über gesellschaftspolitische Dinge aus, ohne Mitglieder irgendeiner Partei zu sein.“

Bei den Freimaurern trifft der Stuhlmeister eben auf Männer aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. Dort spricht der Künstler mit dem Lehrer, der Arzt redet angeregt mit dem Handwerker, und der Ingenieur ist ins Gespräch mit dem Mann aus dem sozialen Bereich vertieft. „Es ist einfach eine unglaublich nette Bruderschaft“, schwärmt der Meister vom Stuhl von der besonderen Gemeinschaft im Hoyaer Logenhaus.

Die Mischung macht‘s – vom Handwerker bis zum Mediziner

Obwohl dort jeder Mann seine Individualität pflege, eine sie ein Ziel, nämlich das der eigenen Persönlichkeitsentwicklung– und zwar basierend auf den fünf Grundüberzeugungen der Freimaurerei: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. „Wir wollen lernen, deswegen ist Vielfalt so immens wichtig für den eigenen Blickwinkel“, weiß der Meister vom Stuhl. Kurzum: Die Mischung macht‘s – vom Handwerker bis zum Mediziner.

Und es ist natürlich die Verschwiegenheit, die die Freimaurerei ausmacht. Jeder, der dem anderen bei den Brudertreffen etwas Persönliches anvertraut, kann sich also sicher sein, dass sein Geheimnis im Logenhaus bleibt und nicht sofort in die große weite Welt hinausposaunt wird. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – dieses Sprichwort könnte also das Credo der Freimaurer sein.

Den Nationalsozialisten war das Geheimnisvolle, das die Freimaurer umgibt, natürlich hochgradig suspekt, ein regelrechter Dorn im Auge. „Die SS hat die Logenhäuser sogar Stein für Stein abgetragen, weil sie versucht hat, hinter das Geheimnis der Freimaurerei zu kommen“, erzählt der bildende Künstler Dietmar Brandstädter aus Martfeld, seines Zeichens bekennender Freimaurer in Hoya.

Bei den wöchentlichen Bruderabenden hält in der Regel ein Logenmitglied einen Impulsvortrag zu einem beliebigen Thema, über das anschließend lebhaft diskutiert wird. „Ich habe schon einmal ein Referat über den Künstler und Freimaurer Lovis Corinth gehalten“, erinnert sich Dietmar Brandstädter. Manchmal gebe es einfach interessante Verästelungen zu Zeitgenossen aus Politik oder Kulturgeschichte. Schließlich seien selbst Goethe und Lessing Freimaurer gewesen.

Da es sich bei den Logen um Zuwahlvereine handelt, wird folglich gemeinsam über die Aufnahme neuer Mitglieder – die in der Regel mehrere Gästeabende besucht haben – entschieden. „Die Entscheidung muss mit deutlicher Mehrheit fallen. Wir haben auch schon potenzielle Bewerber abgelehnt“, erläutert Dietmar Brandstädter. Schließlich seien die Freimaurer nun einmal „kein Kaninchenzüchterverein“, sondern ein Bund fürs Leben – die weltweit größte Brüderkette.

"Roland zu den Alten Pflichten"

Viele Gerüchte kursieren über das sogenannte Aufnahmeritual, bei dem sich die Brüder wie zu ihren monatlichen Arbeitstreffen festlich kleiden: Schwarzer Zylinder, dunkler Anzug, heller Lederschurz und weiße Handschuhe. „Das Ritual folgt alten Übergangsriten – vorher ist man Suchender und hinterher Freimaurer“, erklärt Dietmar Brandstädter aus Martfeld.

Ein Hoyaer Bürger, Mitglied der Bremer Loge „Roland zu den Alten Pflichten“, entdeckte eines Tages übrigens auf einer historische Karte, dass es bis 1843 auch Freimaurer in seiner Heimatstadt gab. Also wurde die traditionsreiche Hoyaer Loge 2005 zunächst als Tochterloge der betreuenden Bremer Loge gegründet, zwei Jahre später dann weltweit als „gerechte und vollkommene“ Loge anerkannt. „So kann er jetzt freitagabends ein Bier mit uns im Logenhaus trinken und danach ganz bequem zu Fuß nach Hause gehen“, erzählt der Meister vom Stuhl lachend.

In der Hoyaer „Landloge“ geht eben alles zwei, drei Stufen entspannter zu als in so mancher Großstadt-Loge. Das Hoyaer Logenhaus gleicht keinem exklusiven Gentlemens Club mit schweren Ledersesseln, Mahagoni-Möbeln und alten Ölschinken an den Wänden, es ist vielmehr puristisch gehalten. „Bei uns reduziert sich eben alles auf die Inhalte“, erklärt Freimaurer Dietmar Brandstädter.

Weltweit tragen viele Freimaurerlogen den Namen St. Alban. Dahinter verbirgt sich der Schutzpatron der Bauleute. Historischer Vorläufer der Freimaurer sind nämlich die alten Steinmetz-Bruderschaften. Deswegen gibt es auch unter den Brüdern Lehrlinge, Gesellen und Meister. Die Verbindung zum Handwerk wird auch an folgender Symbolik deutlich: dem rauen Stein und dem Spitzhammer. Beide sind ein Metapher dafür, wie die Freimaurer an sich arbeiten – mit dem Ziel, ein besserer Mensch zu werden.

Deutschlandweit gibt es dem Meister vom Stuhl zufolge rund 15 000 Freimauer. „Weil wir gesellschaftlich nicht relevant sind, können wir also gar nicht die Weltherrschaft übernehmen“, sagt er und spielt dabei genussvoll mit den vielen Klischees, die der Freimaurerei selbst heute immer noch anhaften.

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