Schule in der Pandemie

Die Eltern entscheiden

Grundschüler in Niedersachsen können ab sofort zu Hause bleiben, sofern ihre Eltern dies wünschen. Auch in den Abschlussklassen dürfen Schüler und Eltern selber über eine Teilnahme am Unterricht befinden.
20.01.2021, 21:11
Lesedauer: 3 Min
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Die Eltern entscheiden
Von Peter Mlodoch

Hannover. Grundschüler in Niedersachsen können ab sofort zu Hause bleiben. Die seit Anfang dieser Woche bestehende Präsenzpflicht im Wechselmodell mit halben Klassen in den ersten vier Jahrgängen werde bis Mitte Februar aufgehoben, kündigten Ministerpräsident Stephan Weil und Kultusminister Grant Hendrik Tonne (beide SPD) am Mittwoch in Hannover an. Das Unterrichtsangebot vor Ort in den Schulen bleibe aber bestehen. Es gelte, sowohl das Kindeswohl und den Infektionsschutz zu beachten, betonte Weil. „In dieser schwierigen Abwägungsfrage bieten wir den Eltern die Möglichkeit an, eine für die Familie und das Kind passende Lösung zu finden.“

Auch in den Abschlussklassen, in denen seit Montag ebenfalls ein verpflichtender Wechselunterricht stattfindet, dürfen nun – wie auch in Bremen – Schüler und ihre Eltern frei über eine Teilnahme befinden. Die Abmeldung ist wie bei den Grundschulen mit einem einfachen Formblatt ohne nähere Begründung möglich. Diese Entscheidung gilt laut Tonne dann aber für den gesamten Zeitraum. „Tageweise geht das nicht.“ Nur noch bei notwendigen Klausuren bleibt eine Präsenzpflicht bestehen. Der Minister wies darauf hin, dass bei schriftlichen Prüfungen strenge Abstandsregeln gelten würden und diese auch außerhalb der regulären Unterrichtszeiten geschrieben werden könnten. Der Ressortchef stellte außerdem unmissverständlich klar, dass das Fernbleiben von der Schule keine Ferien bedeute. In allen anderen Jahrgängen bleibt es wie bisher beim Distanzlernen im Szenario C. Für die Kinder der Jahrgänge 1 bis 6 soll es wie gehabt eine Notbetreuung geben. Gleiches gilt für Krippen und Kindergärten jeweils bis zur Hälfte der normalen Gruppengrößen.

Mit diesem niedersächsischen Weg befinde man sich innerhalb des Korridors der Bund-Länder-Beschlüsse vom Vorabend, versicherte Weil. Bei der achtstündigen Video-Konferenz hatte es gerade wegen der Schulöffnungen heftigen Streit gegeben; insbesondere Kanzlerin Angela Merkel (CDU) drang inständig auf eine konsequente Schließung der Schulen. Auch der Regierungspartner CDU in Hannover hatte dies mit Blick auf das Ansteckungsrisiko und neue Virus-Mutationen gefordert. In einer nächtlichen Kabinettssitzung und im Koalitionsausschuss am frühen Morgen konnten sich dann Weil und Tonne mit ihren Argumenten durch­setzen.

„Wir dürfen kein Kind zurücklassen“, meinte der Minister. Für Grundschüler, die gerade erst Schreiben und Lesen lernten, sei der direkte Austausch mit Lehrern und Mitschülern immens wichtig. Dies gelte vor allem für Kinder aus sozial schwächeren Familien. Neben dem Infektionsschutz müsse das Land auch Bildungschancen, Teilhabe und Familienfreundlichkeit sicherstellen. Von einem Massenandrang an den Schulen könne zudem keine Rede sei. 75 Prozent der rund 850.000 Schüler in Niedersachsen blieben zu Hause im Distanzlernen.

Opposition und Lehrerverbände bezeichneten das Vorgehen der Regierung als chaotisch. „Nach nur zwei Tagen müssen wieder alle umplanen“, kritisierte Grünen-Fraktionschefin Julia Willie Hamburg. „Leidtragende sind nicht nur gestresste Eltern und Schulen, sondern auch die Kinder, die unter dem Hin und Her leiden“, meinte Hamburg. „Doppelt belastet sind auch die Lehrkräfte, die ohne personelle Verstärkung nun alles gleichzeitig machen müssen.“ Um die Folgen zumindest etwas abzumildern, forderte die Vorsitzende, in diesem Schuljahr das Sitzenbleiben auszusetzen.

Minister Tonne verfahre nach dem Motto „Schule besuchen auf eigene Gefahr – Eltern haften für ihre Kinder“, schimpfte FDP-Bildungsexperte Björn Försterling. „Entweder ist der Schulbesuch sicher, dann muss er auch in allen Klassen stattfinden. Oder er ist nicht sicher, dann darf er nicht stattfinden.“ Diese Entscheidung aber jetzt den Eltern zu überlassen, sei „schlicht fahrlässig“.

Mit Aufhebung der Schulpräsenzpflicht werde die Verantwortung wieder einmal auf die Eltern abgeschoben, bemängelte auch der Vorsitzende des Verbandes niedersächsischer Lehrkräfte (VNL/VDR), Torsten Neumann. „Die Schulen können wieder einmal nicht zuverlässig planen. Dieses Hin und Her ist nicht hilfreich.“ Die immer wieder angekündigte Unterstützung durch Einstellung von zusätzlichem Personal sei an vielen Schulen noch immer nicht angekommen.

Die Chefin der Lehrergewerkschaft GEW Laura Pooth nannte den Verzicht auf eine allgemeine Schließung der Grundschulen zwar „pädagogisch richtig“. Aber die Aufhebung der Präsenzpflicht im Primarbereich bringe für alle Beteiligten erneut zusätzliche Probleme mit sich. „Da helfen auch die für dieses Jahr geplanten Leih-Laptops für Lehrkräfte nicht wirklich, die Missstände dauerhaft zu beseitigen“, meinte Pooth. „Dass die Schulbeschäftigten bisher nicht lückenlos durch kostenlose FFP2-Masken, Luftfilteranlagen und sonstige Hygieneausstattung geschützt werden, stellt weiterhin einen Skandal dar.“

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